Bad Dürkheim Der Läufer mit den zwei Leben

Weisenheim am Berg. „Eine neue Liebe ist wie ein neues Leben“ sang der Schlagersänger Jürgen Marcus im Jahr 1972. Peter Gründling, Ultraläufer aus Weisenheim am Berg, war zu dem Zeitpunkt noch Jugendlicher. Aber trotzdem passt dieser Songtitel zu dem Knackpunkt seiner sportlichen Karriere rund 30 Jahre später.
Denn Peter Gründling hat gewissermaßen zwei Läuferleben. Eines vor dem Swiss-Jura-Marathon 2003. Und eines nach dem Swiss-Jura-Marathon 2003. Die knapp 20 Jahre seines ersten Läuferlebens waren Jahre, die aus trainingsmethodischer Sicht etwas unkoordiniert abliefen, in denen er, wie er es nennt, „oftmals einfach drauflos rannte“. Es waren Jahre, in denen er mal mehr und mal weniger trainierte, von der Figur her zeitweise mehr einem Pummelchen ähnelte, als einem Ultra- und Etappenläufer, der er heute ist. Und es waren Jahre, in denen er teilweise viele harte Rennen absolvierte und teilweise gar keine Wettkämpfe lief. Dann lernte er beim Swiss-Jura-Marathon Gabi kennen, seine jetzige Frau. Sie, viel stärker in der Laufszene verwurzelt, sorgte nicht nur dafür, dass er sinnvoller trainierte. Sie nahm ihn kurze Zeit später auch mit zum Sechs-Tage-Lauf in Erkrath, wo sie – wie schon beim Swiss-Jura-Marathon – als Betreuerin arbeitete. Es waren denkwürdige Augenblicke für Peter Gründling, der eigentliche Beginn seiner Karriere als Ultraläufer. Er dachte, so erzählt er es rückblickend, er schaue ein paar Verrückten zu, die nur noch über die Strecke kriechen. Doch es kam anders. Ganz anders. „Ich war von Beginn an fasziniert. So fasziniert, dass ich nachts nicht mal mehr von der Strecke weggehen konnte“, erzählt der 57-Jährige. Am nächsten Morgen wollte er sich gleich für die Austragung im kommenden Jahr anmelden. Der Veranstalter habe sich über seine Laufvita kaputt gelacht, habe versucht, seinen Ehrgeiz zu bremsen, ihm geraten, erstmal 6-, 12- und 24-Stundenläufe zu absolvieren. Doch Gründling ließ sich nicht bremsen. Er machte das „Abitur“ des Ultraläufers in wenigen Monaten, lief zwischen Januar und August 2004 ein Rennen über 100 Kilometer, einen 12-Stundenlauf, einen 24-Stunden-Lauf. Und stand dann in Erkrath an der Startlinie für den Sechs-Tage-Lauf. Nach der Hälfte des Rennens war so ziemlich alles, was er zur Fortbewegung brauchte, geschwollen und entzündet. Er biss sich trotzdem durch, schaffte knapp 560 Kilometer. Und zahlte dafür einen hohen Preis. Denn anschließend streikte sein Körper. Ein dreiviertel Jahr lang konnte Gründling nicht vernünftig laufen. Doch das Ultramarathon-Virus hatte ihn da längst infiziert. Dass ihn andere für verrückt erklären, dass er seinem Körper viel zumutet, war und ist ihm egal. Der Weisenheimer lief weiter und weiter und weiter. Zwei Jahre später war er erneut in Erkrath dabei, schaffte diesmal über 600 Kilometer. Zum Laufen kam Gründling, der mit seiner Frau den Salinenlauf in Bad Dürkheim und den Sechs-Stunden-Lauf in Kleinkarlbach organisiert, eigentlich über Umwege und Zufälle. Als Jugendlicher spielte er Fußball – in Wachenheim und in Friedelsheim. Laufen ging er nur ab und zu mit seinem Vater, der ihn auf Volksläufe mitnahm. Das änderte sich dann als Gründling 22, 23 Jahre alt war. Er hatte Probleme mit dem Meniskus. Ein Arzt riet ihm, mit dem Fußball aufzuhören. Das Laufen war wie eine Liebe auf den dritten, vierten Blick. Und diese Beziehung musste einige Phasen überstehen, in denen es nicht so gut lief, in denen man sich weitgehend aus dem Weg ging. Nun aber kann sich Peter Gründling ein Leben ohne Laufen nicht mehr vorstellen. Er geht gerne abends laufen, wenn er seine Autowerkstatt zuschließt. Und er geht auch gerne am Wochenende für sechs, sieben Stunden laufen. Zeitspannen und Distanzen, die Nichtläufer für nicht möglich halten. „Anfangen, über die Streckenlänge nachzudenken, ist der Tod des Läufers“, sagt Gründling dazu. Seine berufliche Selbstständigkeit ist der Hauptgrund, warum er einige seiner Ziele und Träume noch nicht umsetzten konnte. Wie etwa die Teilnahme am Transeuropalauf, einem Etappen-Ultramarathon, der quer über den Kontinent führt – und zwei bis drei Monate dauert. Vielleicht startet er nochmal bei einem Sechs-Tage-Lauf. Vielleicht auch nicht. Die Länge eines Laufes schreckt ihn jedenfalls nicht ab. „Egal wie lange die Strecke ist, die letzten Kilometer sind doch eh immer die schwersten“, sagt Gründling – auch beim Spreelauf Ende August mit über 400 Kilometern in sechs Etappen denken.