Freinsheim RHEINPFALZ Plus Artikel Dem Hass widersprechen – die streitbare Philosophin und Publizistin Carolin Emcke kommt zur Sinsheimer-Preisverleihung

Als „eine der engagiertesten Stimmen in den kritischen Diskursen unserer Zeit“ würdigte die Sinsheimer-Preis-Jury die Autorin un
Als »eine der engagiertesten Stimmen in den kritischen Diskursen unserer Zeit« würdigte die Sinsheimer-Preis-Jury die Autorin und Publizistin Carolin Emcke – am Sonntag nun erhält die 55-Jährige den Preis in Freinsheim überreicht, am Abend zuvor ist sie bei einer Lesung zu erleben.

Sie sei „eine der einflussreichsten Intellektuellen unserer Zeit“, lobte die Laudatorin Seyla Benhabib, als Carolin Emcke 2016 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde. Auch wenn manche Beobachter dies damals (noch) nicht so ohne weiteres unterschreiben wollten, Themen, die die Welt und die deutsche Gesellschaft bewegen, hat die Publizistin und Autorin tatsächlich immer wieder aufgegriffen. Genau dafür wird sie in Freinsheim jetzt mit dem Hermann-Sinsheimer-Preis geehrt.

Bis zum Friedenspreis, dem wohl politischsten aller deutschen Kulturpreise, war die 1967 in Mülheim an der Ruhr geborene Emcke der interessierten Öffentlichkeit vor allem als Kriegsberichterstatterin bekannt. Von 1998 an gehörte die gerade frisch promovierte Philosophin der Auslandsredaktion des Nachrichtenmagazins „Spiegel“ an und berichtete aus den Krisenregionen dieser Welt: Kosovo, Afghanistan, Pakistan, Irak, Gaza, Haiti, Nicaragua – und zwar auf eine immer sehr persönliche, empathische und doch auch analytische Weise. Aus den Briefen, die sie zwischen 1999 und 2003 von ihren Auslandseinsätzen nach Hause schickte, entstand 2004 ihr erstes Buch: „Von den Kriegen – Briefe an Freunde“, erschienen wie alle ihre weiteren im S. Fischer-Verlag,

Bereits in ihren Kriegsreportagen stand immer auch die Frage mit im Zentrum, wie sich der Berichterstatter verändert angesichts des fremden Leids und welche Rolle eigentlich dem Pressevertreter, dem Zeugen, dem selbst Verschonten zukommt? In „Weil es sagbar ist. Über Zeugenschaft und Gerechtigkeit“, ihrem vierten Buch, griff sie 2013 – inzwischen als freie Publizistin unter anderem für die „Zeit“ tätig und mit der glanzvollen Auszeichnung „Journalist/in des Jahres 2010“ in der Tasche – genau dieses Thema nochmals explizit auf.

Von der Lust, Pluralität auszuhalten

Zuvor waren 2008 und 2012 zwei andere sehr persönliche Bücher erschienen, von denen zumindest das erste für einige Kontroversen sorgte: In „Stumme Gewalt. Nachdenken über die RAF“ plädierte sie – selbst Patenkind des 1989 ermordeten Deutsche-Bank-Vorstandssprechers Alfred Herrhausen – für ein Gespräch zwischen Opfern und Tätern des deutschen Linksterrorismus, ein Straferlass für die weitgehend noch immer unbekannte dritte RAF-Generation nach Vorbild der südafrikanischen „Wahrheitskommission“ eingeschlossen. In „Wie wir begehren“ erzählte Emcke offen autobiografisch von ihrem eigenen homosexuellen Coming of Age in den 80er Jahren und der Erfüllung individueller Lust als lesbischer Frau, aber auch von der Erfahrung der Ausgrenzung, die Homosexuelle fast immer begleitet.

„Gegen den Hass“, Emckes fünftes Buch, das 2016 kurz vor der Friedenspreisverleihung erschien, ist dasjenige, mit dem sie bis heute am stärksten identifiziert wird – obwohl es in den Feuilletons auch kritische Stimmen gab, die ihm Banalität vorwarfen und sich an „Proseminare der 80er und 90er Jahre“ erinnert fühlten. Als Plädoyer gegen dogmatisches Denken, das Zweifel nur an den Positionen der anderen, aber nicht an den eigenen zulässt, ist es allerdings bis heute geradezu die Schrift der Stunde, denn, wie es so treffend im Klappentext heißt: „Allein mit dem Mut, dem Hass zu widersprechen, und der Lust, die Pluralität auszuhalten und zu verhandeln, lässt sich Demokratie verwirklichen.“ Genau darauf bezog sich erkennbar auch die Freinsheimer Hermann-Sinsheimer-Preisjury bei der Begründung ihrer Entscheidung.

Lesung am Vorabend der Preisverleihung

Der mit 2500 Euro dotierte Preis wird Emcke am Sonntag, 19. März, um 11 Uhr im Von-Busch-Hof von Freinsheims Stadtbürgermeister Matthias Weber überreicht. Die Laudatio hält die Schriftstellerin Lena Gorelik, die Freinsheim bereits vom vergangenen Jahr her kennt, als sie Gast bei der „Literarischen Lese“ war. Mit Carolin Emcke hat sie unter anderem schon bei dem Holocaust-Gedenk-Projekt „Ist das ein Mensch?“ zusammengearbeitet, das Anfang März auch beim Literaturfestival „Lesen, Hören“ in Mannheim zu erleben war.

Am Abend vor der Preisverleihung stellt sich die Preisträgerin mit ihrem Programm „Was ist ein Mensch?“ in Freinsheim vor. Die 55-Jährige liest dabei Passagen aus „Gegen den Hass“, „Weil es sagbar ist“ und ihrem jüngsten, 2019 erschienenen Buch „Ja heißt Ja und …“, mit dem sie die Me-Too-Debatte aufgriff und sich einmal mehr „als eine der engagiertesten Stimmen in den kritischen Diskursen unserer Zeit“ auswies, wie die Freinsheimer Preisjury es im Bezug auf ihr Gesamtwerk ausdrückte.

Noch Fragen?

Karten für die Lesung mit Carolin Emcke am Samstag, 18. März, um 19.30 Uhr im Von-Busch-Hof in Freinsheim gibt es über die Homepage des Vereins „Von-Busch-Hof konzertant“ www.vbh-konzertant.de, der hier als Partner der Stadt Freinsheim fungiert, oder im Freinsheimer i-Punkt im Historischen Rathaus.

x