Bad Dürkheim Das Rauschen neben den Gleisen
Er ist der Herrscher über mehr als 150 Bahnhöfe. In seinen Zuständigkeitsbereich fallen zum Beispiel der Heilbronner, der Heidelberger, aber auch der Mannheimer Hauptbahnhof, der als wichtigster Knotenpunkt im Südwesten gilt. Der Leiter des Bahnhofsmanagements, Hans-Jürgen Vogt, gewährt am bisher heißesten Tag des Jahres ganz besondere Einblicke in den feingliedrigen Koloss, wo täglich rund 110.000 Menschen ankommen und abfahren und den pro Tag über 600 Züge passieren. Es ist 21 Uhr. Der Bahnhof ist nicht mehr überfüllt, die meisten Reisenden haben offenbar ihr Ziel schon erreicht. Manche der 34 Läden im Hauptbahnhof machen so langsam dicht. Anderswo ist noch viel zu tun. Vogt steuert das Logistikzentrum von DB Fernverkehr an, aus dem heraus die Züge mit Waren versorgt werden, damit die Fahrgäste nicht auf dem Trockenen sitzen. Mitten zwischen Getränkekästen steht Schichtleiter Semin Sehovic. „Das ist bundesweit das jüngste Logistikzentrum“, erzählt er. Dort, wo bis vor Kurzem noch ein Fahrradgeschäft zu finden war, sind nun Gummibärchen, Brötchen, Kaffee und Co. gelagert. Mit einem elektrischen Hubwagen transportiert ein Mitarbeiter die Nahrungsmittel zu den Waggons, während sie kurz im Mannheimer Hauptbahnhof Stopp machen. „Wir haben dazu zwei bis sechs Minuten Zeit“, sagt Sehovic. Er und seine Kollegen erhalten aus den Zügen einerseits Bestellungen per E-Mail. Andererseits hat er stets einen Monitor im Blick, auf dem die ankommenden Züge aufgeführt sind. Leuchten die Waggons grün, ist alles in Ordnung. Scheinen sie rot, heißt das: Hier fehlt etwas. Und was genau fehlt, kann Sehovic mit ein paar Mausklicks erfahren. „Die hier brauchen Hühnereintopf mit Gemüse“, sagt er und deutet auf seinen Bildschirm. Im Kühllager hat er jede Menge davon. Immerhin seien es rund 70 Züge, die die Mitarbeiter während ihrer Schicht von 6 bis 21 Uhr täglich mit Getränken, Kühl- und Trockenwaren beliefern. Im Herzen des Bahnhofsgebäudes, dort, wo sonst eigentlich niemand hinkommt, befindet sich das Ansagezentrum. Drei Arbeitsplätze, die mit je acht Monitoren ausgestattet sind. Tabellen, Grafiken. Steffi Sikorski hat den Durchblick. Seit 20 Jahren macht sie diesen Job, ihre Stimme haben bestimmt schon viele Bahnreisenden gehört. Denn ihre Durchsagen ertönen nicht nur in Mannheim, sondern auch an anderen Bahnhöfen der Region – von Mannheim aus gesprochen. An diesem Abend hat Sikorski die Stationen Mannheim, Heidelberg und Meckesheim im Blick. Immer wieder klingelt das Telefon, immer wieder spricht sie durch ihr Mikrofon, teilt mit, wenn es zu Verzögerungen kommt oder der Zug an einem anderen Gleis hält. Zudem informiert sie die jeweiligen Fahrdienstleiter für den Fall, dass es irgendwo hakt. Damit diese wiederum die Fragen der Reisenden beantworten können. Selber Raum, ein paar Schritte entfernt befindet sich die rund um die Uhr besetzte „3-S-Zentrale“, die Bahnhofsbetriebszentrale für Service, Sicherheit und Sauberkeit, wie es sie an 25 Bahnhöfen in Deutschland gibt. Auch hier stehen eine Menge Monitore. Zwei Mitarbeiter beobachten sie. 77 Kameras liefern im Mannheimer Hauptbahnhof die Bilder, um einen sicheren Betrieb zu gewährleisten. Hinzu kommen noch weitere Kameras der Bundespolizei, die jedoch nicht unter dem Einfluss Vogts liegen. Vom ärztlichen Notfall über defekte Aufzüge oder Schäden durch Vandalismus bis zur Einleitung von Evakuierungsmaßnahmen – die Mitarbeiter der 3-S-Zentralen setzen sofort die entsprechenden Maßnahmen in Gang, so Vogt. Und sie koordinieren die Weitergabe von wichtigen Informationen über den Zugverkehr zur Passagierinformation. Der Bahnhofsausflug endet gegen 23 Uhr in Vogts „Machtzentrale“, seinem Büro. Dort deutet er lachend auf ein von seinen Kindern gebasteltes Schild, auf dem dieser Ausdruck steht. Denn Vogt, der sich mit seinen 130 Mitarbeitern um die über 150 Bahnhöfe kümmert, hat jede Menge Aufgaben. Es müssen nicht nur die Fahrpläne für seinen gesamten Bereich gemacht werden. Es müssen auch beispielsweise Dienstleister mit der Reinigung der Bahnhöfe beauftragt und Räume vermietet werden. Außerdem entscheidet das Bahnhofsmanagement, welches Geschäft in einem Bahnhof auf keinen Fall fehlen darf. „Es ist spannend“, sagt Vogt, der zwar gelernter Uhrmacher ist, aber seit 39 Jahren bei der Bahn arbeitet. Dritte Generation. Draußen auf dem Bahnhofsvorplatz ist es bereits dunkel und wie ausgestorben. Doch der Bahnhof schläft nie.