Friedelsheim RHEINPFALZ Plus Artikel 80 Jahre Kriegsende: Ein Zeitzeuge erinnert sich

Eine Nachkriegsaufnahme von Friedelsheim, die die Schäden erahnen lässt.
Eine Nachkriegsaufnahme von Friedelsheim, die die Schäden erahnen lässt.

Kurz vor Kriegsende 1945 kommt es auch in der Region zu Luftangriffen. Es gibt nicht mehr viele Zeugen dieser Zeit – einer davon ist Claus Bletzer aus Friedelsheim.

„Es war ein wunderbares Frühjahr“, ist das Erste, was Claus Bletzer einfällt, wenn er an den März 1945 denkt. Eine Aussage, die sich nur aufs milde, sonnige Wetter bezieht, denn das Frühjahr ist geprägt von Luftangriffen. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs ist die Landbevölkerung, auch im kleinen Friedelsheim, „an der Reihe“, wie es Bletzer formuliert.

Bletzer, Jahrgang 1934, ist damals ein Bub von elf Jahren, als es zum letzten Luftangriff auf Friedelsheim kommt. Spurlos ist der Krieg natürlich aber auch bis dahin nicht an dem Jungen vorbeigegangen. Der Vater ist im Krieg, stirbt später in der Kriegsgefangenschaft. Zwei Luftangriffe in den Jahren 1942 und 1944 haben sich für immer ins Gedächtnis eingebrannt. Als eine Ferngasleitung getroffen wurde, habe es tagelang einen Feuerball gegeben.

Schon als Kind hilft Claus Bletzer im landwirtschaftlichen Betrieb der Eltern.
Schon als Kind hilft Claus Bletzer im landwirtschaftlichen Betrieb der Eltern.

Das Frühjahr 1945 aber bringt Angriffe in einem bisher nicht gekannten Ausmaß. Die Tiefflieger seien geflogen „wie die Hornissen“, erinnert sich der fast 91-Jährige. Eine deutsche Luftabwehr habe es kaum noch gegeben. „Auf die Felder konnte man nur noch frühmorgens und spätabends“, sagt Bletzer. Für ihn als elf Jahre alter Schulbub, der im familieneigenen Weingut und in der Landwirtschaft mitgeholfen hat, ist das prägend. „Wir haben nur noch im Keller gesessen.“

Auf Burgturm weiße Flagge gehisst

Am 20. März, zwei Tage nach der Bombardierung von Bad Dürkheim und Wachenheim, gibt es zwei Angriffswellen in Friedelsheim. Wie alle Nachbarn habe die Familie, neben ihm und der Mutter noch die Schwester und der Großvater, im Keller in der Friedelsheimer Burgstraße gesessen. Außer ein paar herabgefallenen Ziegeln bekommt das Haus nichts ab. Ob der Keller des Bauernhauses aus dem Jahr 1817 sie bei einem Treffer geschützt hätte? Zum Glück kommt es nicht so weit. Schon 250 Meter weiter sieht es anders aus. Als sie irgendwann aus dem Keller rauskommen, ahnen sie, was passiert ist. Es verlieren wohl acht Menschen, Soldaten und Zivilisten, ihr Leben beim und infolge des Angriffs – unter ihnen ein Großonkel von Bletzer.

Am nächsten Vormittag kommen die Amerikaner nach Friedelsheim. „Die waren anständig“, erinnert sich Bletzer. Beim Anblick der Feldküche hätten die Friedelsheimer darüber gestaunt, „was die alles zu essen haben“. Ein starker Kontrast zu den deutschen Soldaten mit ihren Fuhrwerken und zur eigenen Situation. „Später kamen die Franzosen, die hatten auch nichts“, so Bletzer.

Claus Bletzer ist dankbar über 80 Jahre Frieden in Deutschland.
Claus Bletzer ist dankbar über 80 Jahre Frieden in Deutschland.

Dankbar ist er, dass die Friedelsheimer zuletzt das Schließen von Panzersperren verweigert hätten. Sie seien also nicht mehr den Aufforderungen von „versprengten SS-Leuten“ gefolgt. Tapfer auch die Tat des Pastors, der eine weiße Fahne auf dem Burgturm gehisst hatte. „Durch diese mutigen Taten konnte unser Ort vor weiteren Schäden bewahrt werden“, ist er überzeugt.

Dankbar für 80 Jahre Frieden in Deutschland

Es sind „keine üppigen Zeiten“ gewesen, erinnert sich Bletzer an die Nachkriegszeit. 1945 sei ein trockenes Jahr gewesen. „Ein gutes Weinjahr, aber davon wird man nicht satt.“ Er kann sich an die vielen Ludwigshafener erinnern, die aus der Stadt aufs Land kommen, um etwas zu essen zu finden. In Friedelsheim haben viele zumindest ein bisschen Landwirtschaft nebenbei und können sich mit dem Allernötigsten versorgen. „Wir sind mit einem hellblauen Auge davonkommen.“

Er sei total verängstigt gewesen, erinnert sich Bletzer an die letzten Kriegstage. Weiter belastet habe ihn die Kindheitserinnerung aber in späteren Jahren nicht. „Als junger Mensch schaut man nach vorne, als alter Mensch zurück“, das habe mal jemand zu ihm gesagt.

Und so schaut er heute, als 90-Jähriger auch dankbar zurück, dass in Deutschland seit 80 Jahren Frieden ist. „Hoffentlich kommt sowas nicht noch mal“, sagt er nachdenklich.

Gedenken

80 Jahre Kriegsende in Friedelsheim: Am Freitag, 21. März, 17 Uhr, Mennonitengemeinde, Burgstraße 5 bis 7, Friedelsheim. Auf Einladung der Mennonitengemeinde und der Ortsgemeinde erzählen die Zeitzeugen Claus Bletzer und Wolfgang Dyck vom Kriegsende.

80 Jahre nach der Bombardierung in Wachenheim: Am Dienstag, 18. März, 19 Uhr, gedenkt der Verein gegen das Vergessen im ehemaligen Luftschutzkeller, Weinstraße 44. Weil der Platz begrenzt ist, bittet der Verein um Anmeldung: mail@gdvev.de

80 Jahre nach dem Bombenangriff in Bad Dürkheim: Am Dienstag, 18. März, 14.02 Uhr, läuten alle großen Dürkheimer Kirchenglocken. Um 17.30 Uhr legt Bürgermeisterin Natalie Bauernschmitt (CDU) am Feuervogel einen Kranz nieder. Um 18 Uhr findet ein ökumenischer Gedenkgottesdienst in der Schlosskirche statt. Um 19.30 Uhr wird im Veranstaltungssaal des Stadtmuseums die Ausstellung „Bad Dürkheim 1945 – Frühling in Trümmern“ eröffnet.

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