Bad Dürkheim
1000 Jahre Limburg: Der blinde Geiger der Limburg
Jakob Bößler wurde am 14. November 1862 in Bad Dürkheim-Grethen geboren. Mit drei Jahren erkrankte er an Scharlach, was bei ihm zur vollständigen Erblindung führte. Zeitlebens konnte er sich nicht erinnern, jemals etwas gesehen zu haben. Als Autodidakt lernte er sehr schnell, Violine zu spielen. So konnte er als junger Mann in der ganzen Pfalz von Kirchweihfest zu Kirchweihfest ziehen, um die Leute mit seinem virtuosen Violinspiel zu begeistern, von deren Spenden er seinen Lebensunterhalt bestritt.
Etwa um die Jahrhundertwende heiratete Jakob Bößler die 15 Jahre jüngere, ebenfalls blinde Ernestine Gerber, die er auf der Kirchweih in Morlautern kennengelernt hatte. Sie hatte ein Blindeninstitut in München besucht, wo sie alles lernte, was sie für ihre spätere Familie benötigte: das Lesen und Schreiben in der Blindenschrift, kochen, stricken, nähen und viele andere Fächer. Von ihr lernte Bößler auch das Lesen und Schreiben mittels Blindenschrift. Mit seiner Schwester zusammen kaufte er im Bad Dürkheimer Stadtteil Hausen ein Eigenheim, in dem sich das Ehepaar Bößler niederließ.
Tägliches Privatkonzert für Limburg-Gäste
Der nach dem Ersten Weltkrieg amtierende Dürkheimer Bürgermeister Fritz Dahlem ermöglichte es dem blinden Geiger, auf der Limburg für die Besucher und Gäste sein Spiel zu Gehör zu bringen. Er spielte vor oder in einer kleinen Holzhütte, die ihm der jüdische Mitbürger Simon Weiler gestiftet hatte.
Jeden Morgen ging er ohne fremde Hilfe von Hausen den zickzackförmig ansteigenden Weg zur Klosterruine und jeden Mittag brachte ihm seine Frau in einem Korb sein warmes Essen. Abends gingen sie den gleichen Weg zurück, beide kannten die Stufenfolge der Treppen auswendig.
Täglich, vor allem aber an Sonntagen, begeisterte Jakob Bößler die Besucher der altehrwürdigen Klosterruine Limburg durch sein faszinierendes Violinspiel und zog vor allem Kinder und Jugendliche in seinen Bann. Die Eltern gaben ihren Sprösslingen gerne Geld, das diese in eine Kasse warfen, damit der blinde Geiger weiterspielte.
Benediktinerpater Augustin Keßler, der inzwischen verstorbene Verfasser der kleinen Broschüre „Kloster Limburg bei Bad Dürkheim“, erinnerte sich gerne an die Besuche, die er in seiner Kindheit mit seinen Eltern auf der Limburg verbrachte.
Lebendes Inventar der Limburg
Auch für Familie Keßler war Jakob Bößler von der Klosterruine nicht wegzudenken. Er gehörte zum lebenden Inventar der Limburg. Der kleine „Gustel“ Keßler, der später als Priester ein großer Kirchenmusiker im Kloster Ettal wurde, war schon in seiner Kindheit ein guter Geigenspieler. Deshalb fiel es ihm nicht schwer, auf Wunsch seines Vaters den blinden Geiger für einige Zeit abzulösen. Die Folge war, dass Jakob Bößlers Kasse prall gefüllt war – was dem kleinen Augustin weniger gut gefiel, hätte er sich doch selbst gern damit sein Taschengeld aufgebessert.
Abends auf seinem Nachhauseweg spielte der blinde Geiger an einem markanten Punkt auf seiner Okarina, ein italienisches Blasinstrument, den „Jäger aus Kurpfalz“. Für die Hausener Bürger war dies gleichsam so etwas wie ein tägliches Abendgeläut.
Während seiner musikalischen Aktivitäten auf der Klosterruine Limburg verband ihn eine enge Freundschaft mit dem Heimatdichter Karl Räder und dem Winzermaler Gustav Ernst. Sie trafen sich häufig in Gesprächsrunden und zu Feierlichkeiten.
Nur noch wenige Bürgerinnen und Bürger der Kurstadt werden sich an den blinden Geiger Jakob Bößler und seine ebenfalls blinde Frau Ernestine erinnern. Er starb am 1. Dezember 1944 mit 82 Jahren, sie folgte ihm 1950, mit 73 Jahren.
Der Autor
Michael Harling ist Schriftführer der Aktion Limburg.
Zur Serie
Die ganz große Geschichte und viele schöne Geschichten – das alles vereint sich in der 1000 Jahre alten Klosterruine Limburg. In unserer Serie „1000 Jahre Limburg“ wollen wir das bedeutsamste Bauwerk in der Umgebung in den Blick nehmen.