Bad Dürkheim Über den Kirchturm hinaus: Lernen von den FCK-Fans
„Zum Aufgeben ist es noch viel zu früh! Mit Weltuntergangsstimmung kommen wir nicht weiter. In der langen Historie war die Situation schon viel düsterer. Den Unterschied machen wir aus – das haben wir doch in der Vergangenheit schon oft genug bewiesen. Jetzt gilt es: Gemeinsam schaffen wir es! Gemeinsam unzerstörbar!“
Worte voller Enthusiasmus – die ich so ähnlich vor wenigen Wochen in einem Fan-Forum des 1. FC Kaiserslautern gelesen habe. Zu dieser Zeit stand der FCK in der Zweiten Fußball-Bundesliga auf einem Abstiegsplatz – und es wurde deutlich: Entweder alle halten zusammen und stemmen sich gegen die Situation – oder man wird den Klassenerhalt nicht schaffen.
Steht auch die Kirche vor dem Abstieg?
Etwa zeitgleich wurden die aktuellen Mitglieder-Zahlen der Evangelischen Kirchen in Deutschland veröffentlicht. Sichtbar wurde, dass die Evangelische Kirche bundesweit fast 500.000 Mitglieder verloren hat, die im Verlauf des vergangenen Jahres verstorben oder ausgetreten sind. Auch für unsere Evangelische Kirche der Pfalz sind die Zahlen dramatisch. Daher hat die Landessynode im November 2023 einen Priorisierungsprozess beschlossen, der sich mit verschiedenen Szenarien beschäftigt, wie unsere Kirche im Jahr 2035 aussehen könnte: mit deutlich weniger Mitgliedern und etwa halb so viel (!) Finanzmitteln wie im Moment. Mehr hierzu lässt sich online unter www.evkirchepfalz.de finden.
Stehen wir also auch vor dem Abstieg? Wird es uns gelingen, die Klasse zu halten, oder gehen wir als christliche Kirche direkt in den Untergang? Vielleicht lesen Sie doch noch einmal den Text vom Anfang.
Auf jeden Einzelnen kommt es an
Ich glaube, wir können als christliche Kirche von den FCK-Fans lernen. Denn es stimmt doch: Mit Panik, mit Resignation und mit großer Trauer werden wir überhaupt nichts verändern. Gerade jetzt kommt es wirklich auf jede Einzelne und jeden Einzelnen an.
Ist es mir wichtig, dass es in meinem Dorf, in meiner Stadt eine lebendige christliche Gemeinde gibt? Möchte ich, dass es für Kinder und Jugendliche attraktive Angebote gibt und dass sie mit christlichen Werten in Berührung kommen? Ist es mir etwas wert, dass – wie hier in Wachenheim – eine Kirche täglich geöffnet ist und einen Raum der Stille und der Einkehr anbietet? Freue ich mich über lebendige Musik bei Gottesdiensten und Veranstaltungen? Möchte ich, dass die christliche Kirche in unserer Gesellschaft eine Rolle spielt und eine Stimme hat? Und vor allem: Möchte ich selbst (weiterhin) ein lebendiger, aktiver Teil von diesem allen sein und bleiben? Glaube ich daran, dass Gott mit mir und dieser christlichen Gemeinde noch etwas vorhat?
Ich bin mir sicher: wenn Sie eine oder mehrere oder vielleicht sogar alle dieser Fragen für sich mit „Ja!“ beantworten können, wird es uns miteinander gelingen, lebendige christliche Kirche zu sein. Ganz sicher wird sich in den kommenden Jahren manches an der äußeren Gestalt der Kirche verändern – und wir werden sicher von manchem Abschied nehmen müssen. Aber so lange sich zwei oder drei in Gottes Namen versammeln, ist uns die Gegenwart Gottes verheißen. Darauf möchte ich vertrauen.
Schließlich ist der FCK ja am Ende auch nicht abgestiegen.
- Julia Heller ist Pfarrerin der protestantischen Kirchengemeinde Wachenheim.