Liebe RHEINPFALZ Plus Artikel Witwe mit 27: Eine Geschichte über Liebe, Trauer und Kraft

Ralf und Christina König bei ihrer Hochzeit 2015.
Ralf und Christina König bei ihrer Hochzeit 2015.

Mit 26 verheiratet, mit 27 Witwe, mit 35 verlobt und nach Italien ausgewandert: Christina König erzählt, wie sie es geschafft hat, ihr Leid in Lebensfreude zu verwandeln.

Im Jahr 2015 haben Christina König, damals 26 Jahre alt, und Ralf Schuhmacher in Wachenheim geheiratet. Die Kirche hatte den beiden von Anfang an gefallen, erzählt Christina heute. Außerdem stammt Ralf, damals 28, aus Neustadt an der Weinstraße und Christina war von Anfang an von der Pfalz begeistert. Es sei ein wundervolles Fest gewesen, voller Liebe, sagt Christina. Ihre Beziehung sei liebevoll und sehr romantisch gewesen – eigentlich die perfekte Liebesgeschichte.

Die Hochzeit sei unglaublich schön und romantisch gewesen, sagt Christina König heute.
Die Hochzeit sei unglaublich schön und romantisch gewesen, sagt Christina König heute.

Doch nur ein Jahr nach der Hochzeit verlor Ralf erst seinen Vater und erhielt zwei Monate später die Diagnose: Keimzellkrebs. Gemeinsam war das junge Ehepaar im Urlaub in Österreich, als Ralf krank wurde. Die beiden dachten zunächst an eine Sommergrippe. Doch es wurde schlimmer und sie gingen zum Arzt. „Er hat nicht genau gesagt, was es war. Aber er hat empfohlen die Reise abzubrechen und so schnell wie möglich ins Krankenhaus zu gehen“, berichtet Christina.

„Er wollte kein Mitleid“

Ralf war zu diesem Zeitpunkt gerade einmal 29 Jahre alt. Im Dezember, nach fünf Monaten Chemotherapie, empfahlen die Ärzte, zur Palliativ-Medizin zu wechseln, also vor allem die Schmerzen und das Leid zu lindern, sagt Christina. Aussicht auf Heilung habe es kaum mehr gegeben. „Aber Ralf war immer voll Lebensfreude, er wollte kein Mitleid.“ Im Januar ging es ihm aber immer schlechter. Die Ärzte unterstützten das Paar dabei, ihn weniger im Krankenhaus und mehr zuhause in ihrer Wohnung in Wiesbaden zu behandeln.

Ein letztes Mal wollten die beiden noch in den Urlaub fahren. So flogen sie im Februar 2017 auf die Kanaren. Aus den geplanten zwei Wochen wurde schließlich nur eine. Doch die tat besonders gut, sagt Christina. Im Urlaub kümmerten sie sich um ihr seelisches Wohl, machten Yoga und meditierten viel. Nach einer Woche war Ralf körperlich so schwach, dass sie wieder abreisen mussten, auch um die Schmerzen im Zaum zu halten.

WG mit der Schwiegermutter

„Drei Wochen später ist er dann gegangen“, sagt Christina. Es sei ein sehr emotionaler Moment gewesen, seine Mutter und sie seien bei ihm gewesen. „Ich glaube, er musste erst wissen, dass es uns beiden gut gehen wird“, sagt sie. Er habe immer wieder gefragt, wie es weitergehen wird mit ihr. Also habe sie mit ihrer Schwiegermutter gesprochen und entschieden, für eine Weile bei ihr einzuziehen. Nachdem diese kurz vorher ihren Mann verloren hatte, haben sich die beiden Frauen unterstützt und gegenseitig Kraft gegeben, sagt sie heute. „Ich habe das Gefühl, als Ralf wusste, dass wir uns gegenseitig stützen werden, konnte er guten Gewissens gehen.“

Ralf und Christina König bei ihrer Hochzeit.
Ralf und Christina König bei ihrer Hochzeit.

Bevor sie zur Schwiegermutter gezogen ist, lebte Christina ein paar Monate allein in der Wohnung in Wiesbaden. Sie habe erst einmal richtig trauern müssen, sich langsam von gemeinsamen, auch materiellen Dingen trennen. „Ich habe Ralfs Kollegen eingeladen, sie sollten mitnehmen, was sie interessiert.“ Denn Ralf war Historiker und habe zu der Zeit an seiner Doktorarbeit geschrieben. Also habe er viele Bücher und Aufzeichnungen besessen, die Christina weitergeben wollte.

Wie überwindet man eine so tiefe Trauer?

Wenn Christina von dem Leid spricht, das sie erlebt hat, hört man in ihrer Stimme, wie emotional die Geschichte heute noch für sie ist. Doch ihre Stimme ist nicht schwer, sondern lebensfroh. Sie sagt, sie habe in der Zeit viel gelernt. „Ich hatte viele Trauer- und auch Wutphasen. Es ist wichtig, diesen Gefühlen freien Lauf zu lassen“, sagt sie. Zum Beispiel habe Ralf vor seinem Tod ein Bild gezeichnet. Er sei von Sternzeichen Krebs und habe auf dem Bild dargestellt, wie sein Sternzeichen, also ein Krebs, Einzug erhält in seinen Körper.

Dieses Bild habe Christina nach Ralfs Tod fertig gemalt und eine riesige Welle ergänzt. „Das Bild war sehr präsent nach dem Tod, ich habe es bei der Trauerfeier ausgestellt“, erzählt sie. Eines Tages habe sie dann ihre Schwiegermutter angerufen und gesagt: „Ich will es zerstören. Willst du dabei sein?“ Dann habe sie mit Wut, Gewalt und vielen Schreien das Bild zerstört. Das sei sehr befreiend gewesen.

Und dann ist sie den Jakobsweg gelaufen. Das sei schon lange eine Idee von ihr und Ralf gewesen, und sie wollte es endlich durchziehen. Die Reise, die sie mit einem Freund angetreten ist, habe ihr ebenfalls gut getan. Genauso wie die Zeit danach, die sie bei ihrer Schwiegermutter verbracht hat.

Lektion gelernt, wie schnell Leben vorbei sein kann

Doch diese Zeit war begrenzt. Denn kurz vor ihrer Reise hatten sich zwei berufliche Möglichkeiten aufgetan: Sie konnte entweder mit einem autistischen Menschen zusammenarbeiten – ein Job, den sie bereits gemacht hatte – oder sich weiterbilden. Die Weiterbildung zur Systemischen Beraterin sei im Ruhrgebiet und damit 500 Kilometer entfernt gewesen. „Das war ein heftiger Neuanfang. Aber ich wusste, dass ich den Weg gehen muss.“

Ihre Schwiegermutter sei zwar traurig gewesen, weil Christina gehen wollte. Doch sie habe gesagt, sie solle tun, was ihr Herz sage. „Wir hatten unsere Lektion gelernt, wie schnell das Leben vorbei sein kann.“ Also ging es weiter ins Ruhrgebiet, wo sie nach einiger Zeit ihren heutigen Verlobten kennengelernt hat. „Wenn du bereit bist, dann siehst du die Geschenke, die das Leben einem schenken will“, sagt sie. Und eines dieser Geschenke sei Steffen, den sie über viele Ecken in Wiesbaden kennengelernt hat.

Christina König und ihr neuer Verlobter Steffen am Comer See.
Christina König und ihr neuer Verlobter Steffen am Comer See.

Neuanfang in Italien

Ein paar Monate nach dem Kennenlernen erklärte er, er wolle auswandern, nach Italien. Und Christina stimmte zu. Derzeit leben die beiden am Comer See und arbeiten selbstständig als Coaches mit dem Schwerpunkt Wertschätzung. „Egal ob in der Partnerschaft oder mit sich selbst: Es geht darum, das Selbstbewusstsein zu stärken, für sich und seine Grenzen einzustehen, diese zu erweitern – und auch mal gesellschaftliche Normen zu sprengen“, erklärt Christina den Ansatz, den sie mit ihren Video-Kursen verfolgen und den Menschen näherbringen möchten.

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