Pfalzgeschichte(N) RHEINPFALZ Plus Artikel Zweibrücken: Intrigen um Graf Montgelas

Er war die „graue Eminenz“ des ersten bayerischen Königs: Maximilian von Montgelas (1759-1838). Sein Denkmal steht vor seinem eh
Er war die »graue Eminenz« des ersten bayerischen Königs: Maximilian von Montgelas (1759-1838). Sein Denkmal steht vor seinem ehemaligen Stadtpalais, heute Teil des Hotels Bayerischer Hof in München.

Ein Blick zurück auf anonyme, verschlüsselte Briefe, Giftmord-Gerüchte, den verbotenen Illuminaten-Geheimbund und diplomatische Ränkespiele anno 1787: Bevor der Politiker Maximilian von Montgelas in München zum Superminister aufstieg, wurde er im Schloss des Herzogs von Pfalz-Zweibrücken in ein Komplott verwickelt.

Geheimorden, Geheimdienste und üble Verleumdungen: Lehrjahre sind keine Herrenjahre, das musste auch ein Spitzenpolitiker wie Graf Maximilian Joseph Montgelas erkennen, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts maßgeblich das absolutistische bayerische Staatswesen reformierte. Seine glänzende Karriere hätte am Zweibrücker Hof beinahe ein frühes Ende gefunden.

Der 1759 in München geborene Sohn aus einer alten savoyischen Adelsfamilie, trat nach einem erfolgreichen Studium der Geschichte und Jurisprudenz 1777 in den bayerischen Staatsdienst ein. Unter dem Kurfürsten Max III. wurde der gerade mal 18-Jährige Hofrat, zunächst ohne Bezahlung. Seine Aufgabe als Zensor füllte ihn sicher nicht aus, denn schon längst hatte ihn der Geist der Aufklärung gepackt. Sein kurfürstlicher Gönner starb schon bald an den Pocken, Eine frühe Form der Impfung, die er auch seinen Untertanen nahegelegt hatte, konnte das nicht verhindern.

„Erleuchteter“ Sprengstoff

Sein Nachfolger wurde Carl Theodor, dem man in der rheinischen Kurpfalz bis heute nachtrauert. Hatte er doch mit seinem Umzug von Mannheim nach München die ehemalige Kapitale in die Bedeutungslosigkeit gestürzt.

In dieser Zeit des Umbruchs war Montgelas bei den „Erleuchteten“, dem Illuminatenorden, aktiv. Als Geheimbund in Bayern gegründet, ranken sich bis heute wilde Theorien um den Zweck und den Fortbestand der Gemeinschaft. Dabei hatte der Gründer des Ordens, Adam Weißhaupt, keine Zweifel an dessen Zielen gelassen: „Diese bürgerliche Gesellschaften, ..., sind nur der Weg, der Versuch zum Besserseyn, nicht das Besserseyn selbst.“ Das war in den Augen der Oberen Sprengstoff.

Weißhaupt führte weiter aus: „Durch die Verschiedenheit der Stände, neue Spaltungen und neue Quellen des Hasses und der Zwietracht gegründet worden; daß sich Menschen darüber fremder geworden, daß also ein neues Bindungsmittel nothwendig sey, ..., wodurch Menschen erinnert werden, daß sie eine und dieselbige Natur haben, daß sie alle eines Ursprungs sind.“ Die Verborgenheit des Ordens rechtfertigte er so: „Nach diesen Voraussetzungen sind also edlere geheime Verbindungen ... ein Werkzeug, das menschliche Geschlecht zu veredlen.“

Von München in die Pfalz

Dem Orden ist zwar auch die Nähe zu den Koryphäen der Zeit, etwa zu Goethe und Knigge, nachzuweisen, aber im Wesentlichen versammelten sich hier Beamte, die durch gezielte Besetzung von Schlüsselpositionen den Staat von innen heraus reformieren wollten. Montgelas, der übrigens auch Freimaurer war, musste sich nach dem von Carl Theodor verordneten Verbot vollständig von dem Orden distanzieren. Die Illuminaten hatten da keine zehn Jahre existiert – Dan Brown und seinem Thriller „Illuminati“ zum Trotz.

Danach blieb Montgelas keine andere Wahl mehr, als um die Aufhebung seines Dienstvertrages zu bitten, was ihm sofort gewährt wurde. Wohl auch deshalb, weil dem Kurfürsten klar wurde, dass seine Zensoren moderne Schriften durchaus in den Druck weiterleiteten.

Spitzel unter Verwandten

Als fähiger Kopf fand Montgelas sofort eine bezahlte Stelle – bei den Wittelsbachern in der Pfalz. Sein neuer Dienstherr wurde der Herzog von Pfalz-Zweibrücken, Karl II. August, der Erbauer des imposanten Schlosses Karlsberg. Der Herzog zeigte sich offen für Neuerungen, und Montgelas kam unter die Fittiche des bis heute in Zweibrücken verehrten, als Bürgerlicher in Kusel geborenen Freiherrn von Hofenfels. Hofenfels war einer der fähigsten Administralen des verschwenderischen Herzogs, aber jahrelange Magenprobleme rafften ihn im Jahr 1787 mit gerade mal 42 Jahren dahin.

Jetzt schlug die Stunde von Montgelas. Zusammen mit dem ebenso jungen und tüchtigen Zweibrücker Juristen Anton von Cetto übernahm er die Amtsgeschäfte des Verstorbenen. Sein neuer Vorgesetzter, Freiherr von Esebeck, dessen Ehefrau pikanterweise die Mätresse des Herzogs war, erkannte das Potenzial des frischgebackenen Legationsrats und war von nun an sein Förderer. Das kleine, von Preußen und Frankreich gestützte Herzogtum Zweibrücken hatte zu dieser Zeit schwierige politische Aufgaben zu bewältigen.

Verschlüsselte Nachricht

Insgeheim bereitete man die Nachfolge des kinderlosen Carl Theodor vor, dessen legitimer Erbe der Zweibrücker Herzog war. Im Fall dieser Konstellation, sollte Montgelas Finanzminister werden. Zudem führten die Habsburger mit dem Münchner Kurfürsten geheime Verhandlungen über den Tausch von Bayern mit den Österreichischen Niederlanden, den sie mit Geld und militärischen Druck unbedingt durchsetzen wollten. Das Herzogtum Zweibrücken und mittendrin Montgelas versuchten, das mit allen Mitteln zu verhindern. „Das Auftauchen von Montgelas in Zweibrücken löst bei den Beratern Carl Theodors und beim österreichischen Gesandten in München unliebsame Überraschung aus“, so sein Biograf Eberhard Weis.

Obwohl verwandt, bespitzelten sich die beiden Wittelsbacher Linien in dieser komplizierten Gemengelage mit Hilfe von Agenten an den jeweiligen Höfen. So ist es kein Wunder, dass Anfang August 1787 ein Emissär des Kurfürsten in der pfälzischen Provinz auftauchte. Im Gepäck hatte er ein angeblich abgefangenes, dubios verschlüsseltes Schreiben und das erste Vernehmungsprotokoll des Freiherrn von Maendl, ein überführter, ehemaliger Illuminat.

Die verschlüsselte Nachricht in dem undatierten, anonymen, ansonsten belanglosen Brief ließ sich nur mit einer Schablone lesen. Ein mit rechteckigen Ausschnitten versehenes Blatt Papier musste über das Schreiben gelegt werden, um die geheime Nachricht zu lesen: „Man könnte es mit Ingredienzien (Gift) probieren“. Dann das Vernehmungsprotokoll des Maendl, das sich über die Illuminaten auslässt, dass „...der Selbstmord, der Ehebruch, die Hurerey, die Onania, die Sodomiterey ganz kein Laster (sind).“ Dazu kommen seitenlange Ausführungen, dass ein gewisser Professor Baader im Auftrag einen Diener vergiftet haben soll und, viel schlimmer, den Tod des Sohnes von Karl August verschuldet hätte. Eidesstattlich gibt Maendl in der polizeilichen Vernehmung zu Protokoll, dass er bei einer Versammlung der Illuminaten im Hause Baader gehört habe, wie sich drei Männer ihre Freude über den Tod des kleinen Erbprinzen äußerten. Natürlich sei Maendl nur „zufällig“ zugegen gewesen.

Eine brisante Liste

Der Zweibrücker Hof reagierte erstaunlich gelassen, denn der Minister Esebeck dankte, mit einem von Cetto vorgefertigten Brief, für die Entsendung des Emissärs und lobte ausdrücklich dessen ausgezeichnete Manieren. Das in Französisch verfasste Schreiben ging an den kurfürstlichen Außenminister und eine deutsche Übersetzung mit der Unterschrift des Herzogs an Carl Theodor. Einen solchen Affront konnten die Intriganten in München, zu denen auch der österreichische Gesandte zählte, nicht auf sich sitzen lassen, sie legten nach. Ende August wurde Maendl ein zweites Mal verhört. Und siehe da, er konnte sich auf einmal an die Namen der drei Männer erinnern – einer war eindeutig der Baron Montgelas. Die Frage, warum er nicht schon vorher die Namen preisgegeben hatte, begründete er mit seiner großen Furcht vor den Illuminaten.

Dieses Protokoll erreichte, zusammen mit einer Liste der Mitglieder des Illuminatenordens, im September den Zweibrücker Hof. Aber auch dieses Mal verpuffte die Wirkung der angeblich so brisanten Informationen. Wieder stellten sich Esebeck und Cetto vor Montgelas, dankten und antworteten höflich, dass der Herzog keine Geheimgesellschaften in seinem Herzogtum dulden werde. Damit war die Sache erledigt, und das kleine Fürstentum hatte der mächtigen Kurpfalz die Stirn geboten, was ganz im Sinne von Karl August war, der seine eigenen Machtansprüche verfolgte.

Der Tod des kleinen Prinzen

Die konstruierten Vorwürfe waren vollkommen aus der Luft gegriffen. Der kleine Kronprinz starb im Alter von nur acht Jahren im Jahre 1784, also drei Jahre bevor Montgelas nach Zweibrücken kam. Auch wenn Karl August eine Weile glaubte, dass sein Sohn ermordet worden sei, starb der offensichtlich eines natürlichen Todes. Johann Christian von Mannlich, der Architekt des Karlsberger Schlosses und Hofmaler, schreibt dazu in seinen Erinnerungen „Rokoko und Revolution“: „Anfangs war es nur Fieber, das dementsprechend behandelt wurde; aber plötzlich fiel der kleine Patient in Konvulsionen und starb in diesem Zustand am dritten Tage. Der Herzog, und vor allem unsere verehrte Herzogin, desgleichen alle, die den liebenswerten Prinzen gekannt hatten, waren über diesen Verlust untröstlich.“

Vielleicht hatte der Vater seinen Sohn, trotz seiner Erkrankung, bei einem Jagdausflug überstrapaziert. Jedenfalls war ab diesem Wendepunkt das Leben am Zweibrücker Hofe nichts mehr wie vorher. Herzog und Herzogin mieden sich, und Feste wurden abgesetzt.

Montgelas allerdings scheint in dieser Zeit seinen Frieden gefunden zu haben. Lange war er der Frau seines verstorbenen Förderers zugetan und genoss das Leben in intellektuellen adligen und bürgerlichen Zirkeln.

Was für eine Zäsur muss dann die französische Invasion 1793 für das kleine Herzogtum gewesen sein. Der Herzog und seine ganze Entourage flohen über den Rhein nach Mannheim. Das Schloss Karlsberg wurde niedergebrannt, dem Architekten Mannlich ist es zu verdanken, dass die beeindruckende Kunstsammlung gerettet wurde, die später den Grundstock der Alten Pinakothek in München bilden sollte.

Untergang und Aufstieg

Karl August starb 1795 in Mannheim, Carl Theodor war der unangefochtene Kurfürst in München. Montgelas jedoch folgte dem neuen möglichen Thronfolger, Karl Augusts jüngerem Bruder Max Joseph, nach Ansbach, wo er das denkwürdige „Ansbacher Mémoire“ verfasste, das die grundlegende Reformierung Bayerns bereits vorwegnahm.

1799 starb Karl Theodor, Max Joseph wurde Kurfürst. Auch in Bayern von den Franzosen bedrängt, folgten turbulente Jahre in München und im Exil. Aber dann kam die Wende, denn der Kurfürst wandte sich Napoleon zu, der nur zu gerne zwischen seinen Herrschaftsgebieten und den mächtigen Habsburgern einen starken Pufferstaat bilden wollte. Das zahlte sich am 1. Januar 1806 aus, denn Max Joseph wurde durch des französischen Kaisers Gnaden der erste König von Bayern. Fast zeitgleich bedeutete es auch das Ende des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“, das beinahe 900 Jahre existiert hatte und von den Habsburgern dominiert worden war. Napoleon war auf den Höhepunkt seiner Macht, und Montgelas verfolgte im Hintergrund kompromisslos bayerische Interessen.

Er wurde Außenminister, später auch zusätzlich Innen- und Finanzminister. Und er heiratete endlich: Ernestine, die Tochter des Grafen Arco. Zielstrebig entwickelte er eine ungeheure Machtfülle, die er dazu nutzte, den ehemals rückständigen und bankrotten bayerischen Staat zu reformieren. Konsequent betrieb er die Veränderung der alten feudalen Strukturen. Kirche und Adel sollten an Einfluss verlieren. Fortan sollten alle Bayern gleichberechtigte Staatsbürger sein.

Es ist kein Wunder, dass er sich bei diesem Reformeifer und dem entsprechenden Erfolg mit mächtigen Gegnern angelegt hatte. Schon früh betrieben seine Widersacher seine Absetzung, aber die stürmischen Zeiten der Befreiungskriege erlaubten dies zunächst nicht. Auf Initiative von Montgelas, wandte sich der bayerische König schließlich von Napoleon ab und schlug sich vor der Völkerschlacht von Leipzig 1813 in letzter Minute auf die Seite der Alliierten.

Mächtige Widersacher

Das Königreich Bayern sollte noch mehr als 100 Jahre existieren, bevor es zum Freistaat, ein anderes Wort für Republik, wurde. Montgelas jedoch konnte, trotz seiner großen Verdienste, dem Druck seiner Widersacher nicht standhalten. Unter ihnen waren Kronprinz Ludwig, enge Mitarbeiter und führende Beamte seiner Zeit.

Als der europäische Sturm vorüber und er gesundheitlich angeschlagen war, erreichten sie ihr Ziel. 1817 entließ ihn der König, dem er 21 Jahre lang die Treue gehalten hatte. Montgelas, inzwischen in den Grafenstand erhoben, behielt seine Würden, aber er zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Er „hielt es ..., kaum der Mühe werth, die Zügel ferner in Händen zu behalten, mögen Andere darüber wie immer denken und urtheilen“, so seine Antwort nach dem Erhalt des Entlassschreibens.

Montgelas blieb vom Hof fern, wirkte im Hintergrund und widmete seine verbleibenden Jahre den schönen Künsten. Er starb 1838, aber sein politisches Wirken, das beinahe in Zweibrücken zu Ende gewesen wäre, hat bis heute Bestand. Und betuchte Besucher der Landeshauptstadt München können immer noch in seinem Stadtpalais übernachten, es ist mittlerweile Teil des Hotels Bayerischer Hof.

Schauplatz von Intrigen: Das 1793 zerstörte Schloss des Herzogs Karl II. August von Pfalz-Zweibrücken.
Schauplatz von Intrigen: Das 1793 zerstörte Schloss des Herzogs Karl II. August von Pfalz-Zweibrücken.
Ein Porträt-Gemälde von Montgelas aus dem Jahr 1806.
Ein Porträt-Gemälde von Montgelas aus dem Jahr 1806.
x