Kultur
Zum Film „Stan und Ollie“: Warum die Klassiker Laurel & Hardy bei uns unterschätzt werden
Der biografische Spielfilm „Stan und Ollie“ läuft derzeit mit achtbarem Erfolg in den Kinos. Im angloamerikanischen Sprachraum dagegen dominiert das Doppelporträt der Komik-Klassiker die Lichtspiel-Charts. Woher kommt der Unterschied.
Mit Ausnahme Chaplins, der seine Figur des traumwandlerischen Landstreichers bewusst in eine autobiografisch grundierte Szenerie der Slum- und Elendsviertel pflanzte, brachten die Pioniere der Stummfilm-Groteske à la Hollywood wenig Interesse für den eigenen Nachruhm auf. So sind von den Humor-Heroen Keaton, Langdon, Lloyd sowie eben auch Laurel & Hardy bestenfalls ein paar vage Anmerkungen über die Mechanik des Lachens überliefert, jedoch keine individuellen Interpretationen ihres spezifischen Witzes. Zudem sind wir als Angehörige eines wahrhaft kunstsinnigen Volks von Dichtern und Denkern bereits seit 1928 auf die plakative Kennung „Dick und Doof“ getrimmt, deren normative Wucht uns vor jedweder (sozio-)kulturellen Auseinandersetzung mit dem geistigen Quell des Lachens von vorneherein schützen zu müssen wähnt.
Hat Hitler gelacht? Kaum vorstellbar
So nehmen wir zwar zur Kenntnis, dass sich der zeitweilige „Führer und Reichskanzler“ Hitler aufgrund fehlender Fremdsprachenkenntnisse freudig dem (in SS-Protokollen belegten) Genuss von Stan-und-Ollie-Filmen hingab. Dass er dabei herzhaft gelacht haben könnte, scheint indes ebenso unvorstellbar wie echte Heiterkeit bei dem sogar zum Kunstgenuss in teures Tuch gewandeten Großintellektuellen Thomas Mann oder dem im Kino zu Weinkrämpfen neigenden Tiefsinnsucher Franz Kafka.
Während deren reiches Schaffen vor einer allgemeinwirksamen Einflussnahme zunächst akribisch vorgeprüft wurde, konnten Laurel & Hardy fast – will sagen: bis auf zensur-, kontingent-, import- und schließlich kriegsrechtlich unabdingbare Rahmenvorgaben – ungehindert von deutschen Kinogängern goutiert werden.
Dass der frühe Hardy-Förderer Larry Semon trotz seiner eindeutigen „Rasse-“ und Religionszugehörigkeit vom Kulturteil des „Völkischen Beobachters“ regelrecht gefeiert und zugleich der einstige Laurel-Bühnenpartner Charlie Chaplin ohne klaren Beleg als „jüdischer Filmaugust“ attackiert wurde, dürfte ebenso dem Zeit(un)geist geschuldet sein wie die vorauseilende Entlassung aller missliebigen Mitarbeiter der deutschen Niederlassung ihrer Vertriebsfirma Metro-Goldwyn-Mayer.
Erst auf einer Europa-Tournee kamen sich die beiden auch menschlich näher
Larry Semon musste den Sinnes- und Wertewandel der teutonischen Kulturrevolution nicht mehr miterleben, Chaplins Reaktion auf die Zeitläufte waren bekanntermaßen seine Filme „Moderne Zeiten“ (1936) und natürlich „Der große Diktator“ (1940). Ob Laurel & Hardy Kenntnis hatten vom (erfolglosen) Widerspruchsverfahren der Firma Metro-Goldwyn-Mayer gegen das Verbot ihres im historischen „Zigeuner“-Milieu spielenden Films „Dick und Doof werden Papa“ (1936), darf bezweifelt werden. Immerhin war die Leserschaft deutscher Film- und Fanzeitschriften über eine angeblich für 1939 geplante Bühnentournee der Hollywood-Stars ebenso informiert wie über deren bewegtes Sex- und Eheleben sowie Laurels Dauerzwist mit dem Produzenten Hal Roach, der die beiden Komiker listigerweise durch separate Verträge an sich gebunden hatte und damit jederzeit gegeneinander ausspielen konnte.
Jon S. Baird, der Regisseur des aktuellen „Bio Pics“, widmet dem jahrzehntelangen Streit um künstlerische Freiheit und wirtschaftlichen Gewinn breiten Raum. Im Übrigen singt er das melancholische, nur ansatzweise sentimentale Hohelied der Freundschaft zweier Männer, die bereits 20 Jahre gemeinsam vor der Kamera gestanden hatten, ehe sie sich im Zuge mehrerer triumphaler Europa-Tourneen auch menschlich näher kamen.
Der Film ist so gut, dass die Grenzen verschwimmen
Auf sattsam kolportierte, gleichwohl unzutreffende Klischees vom ozeantieftraurigen Bajazzo, der unter Tränen lacht, mag auch Baird nicht verzichten. Aber er macht es wett durch einige beherzte Griffe in den reichhaltigen Fundus wiederkehrender Manierismen, mehrfach variierter Versatzstücke und unverzichtbarer Erkennungszeichen à la Laurel & Hardy, deren Bandbreite von der sinnlosen Zerstörung übers Prinzip „Wie du mir, so ich dir“ und die verzögerte Reaktion bis hin zur grandiosen Tanz-Improvisation aus dem Film „Zwei ritten nach Texas“ (1937) reicht. Zitate wie diese geraten dermaßen authentisch, dass die Grenze zwischen Laurel & Hardy und ihrem Werk sowie der nachempfundenen Reminiszenz verschwimmt.
Ein beträchtlicher Anteil an dieser wundersamen Mimikry, die dem Film mehrere Nominierungen zum Golden Globe, „Critics“ Choice Movie Award“ und Preis des britischen Filminstituts eingetragen hat, kommt den beiden Hauptdarstellern zu: John C. Reilly, derzeit im Edelwestern „The Sisters Brothers“ gefeiert, brilliert als sinnenfreudiger Südsaaten-Gentleman Hardy, der in Steve Coogan als ruhelos-berserkerhaftes Gag-Genie Laurel einen ebenbürtigen Partner findet.
Die beiden gehören zur Jahrhundert-Ikonografie wie die Monroe und Kennedy
Coogan und Reilly – beide übrigens in Laurels Sterbejahr 1965 geboren – gehen in ihrer jeweiligen Rolle so sehr auf, dass kein Übergang zwischen den Künstlern Laurel & Hardy sowie den Kunstfiguren Stan und Ollie auszumachen ist. Dick und Doof - das pompös-grazile Walross und der nah am Wasser gebaute Dümmling – gehören zur Jahrhundert-Ikonografie wie Micky Maus und die Monroe überm U-Bahn-Schacht, und wie Kennedy an der Berliner Mauer. Für den eigenen Nachruhm mögen sie sich wenig interessiert haben, aber es ist tröstlich, dass ein Film wie „Stan und Ollie“ bei Produktionskosten von zehn Millionen Dollar bislang weltweit über 25 Millionen eingespielt hat. Kein Wunder: So schrieb der deutsche Atlas-Verleih schon 1965 in einer Art Manifest: „Laurel & Hardy sind mehr als nur dick und doof.“ So ist es und dabei bleibt’s!