Interview
Der positive Blick: Die Sportfreunde Stiller feiern
Die Sportfreunde Stiller sind seit 30 Jahren aktiv. Mit welchen Gefühlen begehen Sie Ihr Bandjubiläum?
Florian „Flo“ Weber: In erster Linie mit positiven Gefühlen. Es ist ja ein Geschenk, wenn man mit Freunden so lange leidenschaftlich Musik machen kann. Nichtsdestotrotz sind wir nicht nur Kumpel, sondern wir haben da auch etwas Geschäftliches am Laufen. Dazu gehört genauso Marc (Liebscher), unser Manager, der seit dem zweiten Konzert dabei ist. So lange so funktionieren zu können, lässt uns mit Demut auf das Ganze blicken. Wir wissen das zu feiern, aber wir sind uns bewusst, dass es nicht nur Höhen gibt bei solch einer gemeinsamen Fahrt.
Das Showbusiness ist für viele Künstler ein hartes Pflaster, oft verbunden mit enormem Leistungsdruck, Konkurrenzkampf und der Herausforderung, sich ständig neu zu erfinden. Wie hält man das durch?
Als wir damals versucht haben, die ersten Schritte zu meistern, herrschte ein enormer Erwartungsdruck seitens der Plattenfirma, aber auch seitens uns. „Happy Birthday!“ ist das erste Album, das wir ohne Plattenfirma aufgenommen haben. Nichtsdestotrotz haben wir natürlich Erwartungen. Und so schwimmt man in einem Geschäft, das ich ungern als Haifischbecken betiteln will, weil unser Verhältnis zu unserer langjährigen Plattenfirma stets super war. Natürlich schielt man nach links, nach rechts, wer kommt, wer geht, wer veröffentlicht gerade, mit wem werden wir verglichen, wer haut wieder auf uns drauf? Aber über die Jahre entwickelt man eine Souveränität und ist sich bewusst, auf was man zählen kann bei der eigenen Band, bei der eigenen Leistung.
Welche Rolle spielt Freundschaft bei Ihrer Band?
Die Freundschaft ist bei uns sehr wichtig. Aber sie wurde vor einiger Zeit auf den Prüfstand gestellt. Umso toller, dass wir das gemeinsam gemeistert haben, indem wir uns immer besser kennengelernt, mehr geschätzt und besser verstanden haben, was den anderen stören könnte. Das muss man in einer Freundschaft aber erst lernen. Das Eis war bei uns so dünn, dass es in der Phase ab 2017 auch anders hätte ausgehen können.
Was machen Sie seitdem anders?
Es herrschte drei Jahre lang Pause. Wir haben in dieser Zeit nicht miteinander gesprochen. Unser Manager meinte immer wieder, wir sollten uns wenigstens einmal pro Jahr treffen. In der Band gab es unterschiedliche Meinungen. Peter war kraftlos, und ich wollte unbedingt nach vorne. Rüde hätte auch lieber weitergemacht. Wir mussten erst einmal die Perspektive des anderen einnehmen, was wir bis dahin selten getan haben. Es war ja immer ein gemeinsamer Schwung nach vorne, auch wenn es da schon Stagnationen gab. Nach der Bandpause haben wir uns im Proberaum verabredet. Wir steckten die Gitarren ein und wussten, wenn das jetzt nicht klappt, dann könnte es das gewesen sein. Nachdem wir auf YouTube nachgeschaut hatten, wie unsere eigenen Akkorde gehen, wussten wir sofort, was uns gefehlt hat. Was wir jetzt anders machen, ist auf alle Fälle, dass wir viel eher erkennen, wenn einer von uns sich unwohl fühlt.
In „Hey Buddies!“ fragen Sie, was Hass bringe. Ist Hass ein Thema, mit dem Sie sich intensiver beschäftigen?
In der Debatte innerhalb der Gesellschaft kommt man nicht umhin, sich damit auseinanderzusetzen. Wir waren schon immer eine Band, die die Liebe hochgehalten hat, die Zuneigung, den Zusammenhalt. Im Gegenzug entsteht eine Reibung, wenn man über das Negative spricht, was auch wichtig ist. Hass hat in der heutigen Gesellschaft nichts verloren, ist allerdings im Übermaß vorhanden. Warum neigen Menschen dazu, sich dahin zu begeben? Das ist die Frage, die sich uns aufdrängt. Letztlich hatte der Hass noch nie einen Effekt außer Katastrophen. Als musikalisches Sprachrohr hinterfragen wir diesen gesellschaftlichen Hang oder Drang zur Empörung, zum Aufstand, zum grundsätzlich dagegen sein.
Versuchen Sie immer, den Hörern etwas zu liefern, was ihnen keine heile Welt vorgaukelt, aber trotzdem nicht nur „miesepeterig“ rüber kommt?
Uns wird vorgeworfen, dass wir immer diesen positiven Blick auf die Welt haben, wir tragen das aber in uns. Selbst wenn wir in den dunkelsten Schatten forschen und Lieder über Missstände schreiben, kommt spätestens im vorletzten Satz eine Wendung. Wir sind für das Finden von Lösungen, für eine konstruktive Sicht auf die Dinge. Das kommt eigentlich in jedem Lied aus uns heraus. Also gern Punk, aber immer mit einer Idee, wie man aus der Scheiße herauskommt oder vielleicht gar nicht erst hineinkommt.
Im Lied „Vergiss mir die Zukunft nicht“ heißt es: „Wir sind hier noch lange nicht fertig“. Wie blicken Sie in die Zukunft?
Ich versuche, positiv zu bleiben. Wir als Band haben die Möglichkeit, das Ganze in Liedern zu verarbeiten, was ja nicht jeder kann. So mancher muss das schlucken, in sich reinfressen oder sich von dem Ganzen abwenden. Wir haben auch Möglichkeiten zu helfen, leichter als andere Menschen. So haben wir zum Beispiel den Kulturkonvoi (www.kulturkonvoi.com) ins Leben gerufen. Vor allem Rüde (Anm.: Bassist Rüdiger „Rüde“ Linhof) ist da sehr intensiv engagiert. Da werden Gelder und Gegenstände gesammelt und in die Ukraine gebracht. Wir haben jetzt schon drei Spendentransporte organisiert.
Rüde ist auch mit dem Projekt VoiceOn unterwegs in Fußballstadion. In der Halbzeit von Erst- oder Zweitligaspielen kreiert er eine Live-Schalte in die Ukraine, wo ein Künstler in seinem Proberaum sitzt, der gleichzeitig ein Bunker ist. Dort spielt er für die Leute, und ein Stadion – wie zum Beispiel in Freiburg geschehen – singt mit ihm „Hey Jude“ oder „Wonderwall“. Es ist wichtig, Verbindungen aufzubauen zu Menschen, die im Krieg leben.
Wünschen Sie sich, dass der Sport und seine Verbände in einer Welt, in der Demokratie und Menschenrechte mit Füßen getreten werden, politischer auftreten?
Der Sport kann viel stärkere Zeichen setzen, als er sich zutraut. Von wegen Sport ist nicht politisch. Diese Aussage finde ich völlig falsch. Sport war schon immer politisch. Sport ist mit seiner Haltung politisch. Er ist kompetitiv. Klar spiegelt das auch eine Reibung wider. Deswegen finde ich es wichtig, dass große Sportler sich politisch äußern sollten. Das müssten auch Verbände tun. Gerade der DFB müsste das besser moderieren. Es ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Umsichtigkeit und Souveränität, wenn man sich äußert. Aber das Geld ist offenbar so vorherrschend, dass sich das keiner traut. Schade.
Wie stehen Sie zur diesjährigen Fußball-WM? Die Fifa sprengt alle Grenzen zu Gunsten der totalen Kommerzialisierung: 225 Dollar für einen Parkplatz in den USA, 11.500 Dollar für ein Ticket...
Wenn Fußballfans für den Transport vom Hotel zum Stadion 120 Dollar zahlen müssen, wundere ich mich, dass überhaupt noch jemand vorhat, rüberzufahren. Das zerstört den Sport komplett. Das Problem ist nur, den Fußballsport finde ich so schön, den will ich mir nicht nehmen lassen. Man kann sich darüber aufregen, aber wenn Deutschland gegen Curaçao spielt, werde ich leider Gottes wieder einschalten, weil ich den Fußball und die Spannung so liebe.
Zur Band
Die Sportfreunde Stiller spielten am 9. Februar 1996 ihr erstes Konzert, sechs Songs im Jugendzentrum Knast in Germering. Bei einer Show der Münchner fühlt man sich wie in einer Fußballarena. Peter S. Brugger, Rüdiger „Rüde“ Linhof und Florian „Flo“ Weber sind aber mehr als eine reine Spaßcombo; auf ihrem Jubiläumsalbum „Happy Birthday!“ schlagen sie auch ernste Töne an. Die Musik changiert zwischen grungigen Gitarrenriffs, wummernden Beats, Punk-Pop und Stadionhymnen. „Happy Birthday!“ (Sportfreunde Stiller Records/Universal) erscheint am 12. Juni.
Tour
Sportfreunde Stiller: „30 wunderbare Jahre – Konzertreise 2026“; der Auftritt am 20. Juni auf der Koblenzer Festung Ehrenbreitstein ist ausverkauft. Karten gibt es noch für das Konzert am 30. Oktober in der Frankfurter Jahrhunderthalle; www.sportfreunde-stiller.de