Architektur RHEINPFALZ Plus Artikel Zum 100. Geburtstag von Frei Otto

 Olympiapark in München
Olympiapark in München

Mit dem Zeltdach fürs Münchner Olympiastadion ist Frei Otto berühmt geworden. Immer war die Natur Vorbild für seine Entwürfe. Am 31. Mai wäre er 100 Jahre alt geworden.

Licht musste es sein, luftig und vor allem leicht. Grün hat auch dazu gehört, viel Grün sogar. Das waren für Frei Otto nicht bloß schöne Vorstellungen, mit denen man künftige Auftraggeber gewinnen kann. Der Architekt, der am 31. Mai vor 100 Jahren geboren wurde, hat selbst seit 1969 in einem Gebäude gewohnt, das man stellenweise mit einem Gewächshaus verwechseln könnte – oder mit einigen Modellen auf der Architekturbiennale in Venedig. Die kreist in diesem Jahr um das Leben in einer überhitzten Welt.

Nur das viele Glas dürfte im Zuge des Klimawandels zum Problem werden, aber das Zusammenspiel mit Unmengen von Pflanzen zählt heute zu den wichtigsten Faktoren eines zukunftsorientierten Bauens. Und nachdem Otto nie um Lösungen verlegen war, hätte er sicher über seinem Treibhaus im württembergischen Warmbronn noch ein paar Sonnensegel gehisst. Es durfte halt nicht zu kompliziert werden. Das gehörte schon auch zu seinen Maximen. Aber wenn ein Architekt seiner Zeit voraus war – und in diesem Fall stimmt die überstrapazierte Formulierung wirklich –, dann Frei Otto.

Frei Otto im Atelier Warmbronn (ca. 1969).
Frei Otto im Atelier Warmbronn (ca. 1969).

Man braucht nur den neuen Prestel-Band durchblättern, in einem fort trifft man auf kühn geschwungene Konstruktionen, die oft erst durch das Personal in Hut und Mantel verraten, dass mittlerweile ein paar Jahrzehnte ins Land gegangen sind. Dagegen wird Frei Ottos konsequente Orientierung an der Natur und der Versuch, im Einklang mit ihr zu leben, so schnell nicht aus der Mode kommen. Im Gegenteil. Genauso gefällt in geläuterten Zeiten nach einem jahrhundertelangen „Höher-Größer-Weiter“ der Ansatz, menschliche Räume mit minimalem Ressourceneinsatz zu schaffen.

Das ist nicht immer gelungen, gerade wenn man an das Zeltdach des Münchner Olympiastadions von 1972 denkt. Da taucht Frei Otto sowieso viel zu selten auf, dauernd ist von Günter Behnisch und Fritz Auer die Rede. Und von Ingrid Auers Nylonstrümpfen, die über Zahnstocher gespannt das Modell für dieses umwerfend neuartige Dach möglich gemacht haben.

Bereits 1955 die ersten Zelte

Die Idee kam von Frei Otto. Der konzipierte bereits 1955 die ersten Zelte für die Bundesgartenschau in Kassel. Das war quasi der Beginn einer neuen Epoche im Membranbau, wie Irene Meissner in ihrem Aufsatz schreibt. Wegen seiner ästhetischen Qualität hätte man Frei Ottos erstes ausgeführtes Vierpunktsegel auch als Kunstwerk betrachten können, bemerkt Meissner. Denn parallel zur Buga fand seinerzeit die erste Documenta statt.

Damals wurde noch ein Baumwollschwergewebe verwendet. Dann hat Frei Otto seine Zeltdächer weiterentwickelt und damit eine anerkannte Bauform geschaffen, die 1967 auf der Expo in Montreal mit dem deutschen Pavillon und seiner imposanten Seilnetzkonstruktion in die Architekturgeschichte einging. Von just diesem Entwurf ließen sich Behnisch und Partner inspirieren.

Eine Materialschlacht

Wegen der riesigen Dimensionen wäre das Münchner Dachprojekt allerdings fast gescheitert. Doch auch da gab sich Frei Otto kooperativ. Am Ende hing die 75.000 Quadratmeter große Dachlandschaft aus Seilnetzen an bis zu 80 Meter hohen Pylonen und wurde mit den ikonisch gewordenen Acrylglasplatten verkleidet. Immer waren es Teamlösungen. Stellt sich die Frage nach dem Erfinder, ist Frei Otto nicht verkehrt.

Dass es letztlich eine Materialschlacht wurde, musste er nolens volens hinnehmen, um auch gleich fulminant weiter zu tüfteln: Die 1975 errichtete Multihalle im Mannheimer Herzogenriedpark – wieder einmal zu einer Bundesgartenschau – ist mit ihrer Querspannweite von 60 Metern die weltweit größte freitragenden Holzgitterschalenkonstruktion. Bis heute. Um dieses „Wunder von Mannheim“, das zu den Hauptwerken der organischen Architektur zählt, wurde in den letzten Jahren heftig gerungen. Glücklicherweise ist die Sanierung der großen Halle nun gesichert, auch wenn“s freilich teuer wird.

„Das hängende Dach“

Natürlich hat sich auch Frei Otto an Kollegen orientiert. Noch bevor er 1954 über „Das hängende Dach“ an der TU Berlin promoviert wurde, war er ein halbes Jahr durch die Vereinigten Staaten gereist, um die Bauten der Avantgarde zu studieren. In New York fiel ihm das Modell der „Dorton Arena“ auf. Die in North Carolina errichtete elegante Mehrzweckhalle besitzt ein frei hängendes Dach. Das blieb im Gedächtnis haften, und dann muss man tatsächlich nur die Vergrößerungen aus der Natur durchgehen.

In Frei Ottos Fotosammlungen gibt es Studien von Muschelformationen, Korallen, Spinnengewebe – da schwingt das Zeltdach mit – und die unterschiedlichsten Kelche oder Trichter, die sich zumindest motivisch auch in pfeilergestützten gotischen Decken wiederfinden. Den Kölner Tanzbrunnen, eine Freilichtbühne im Rheinpark, für die er 1957 ein zusammenfaltbares Sternwellenzelt entworfen hatte, erweiterte er 1971 um Trichterschirme zum Schutz vor Sonne und Regen. Mit einer leicht modifizierten Version gingen Pink Floyd 1977 auf Konzerttournee durch die USA. Man könnte diese Schirme heute genauso einsetzen, vor allem wird man solche Konstruktionen auf einer überwärmten Erde brauchen. Frei Otto hätte jedenfalls gut zu tun, mehr denn je wahrscheinlich. Das hat der Pritzker-Preis, von dem er kurz vor seinem Tod im März 2015 erfahren hat, deutlich unterstrichen.

Lesezeichen

„Frei Otto. 1925 – 2015“ (Prestel Verlag, 256 Seiten, 59 Euro)

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