Glosse Hart am Leben RHEINPFALZ Plus Artikel Zu spät: Deutschland im Dezember

Die Gegenwart, ein Symbolbild.
Die Gegenwart, ein Symbolbild.

Die Inzidenzen – Horror. Hospitalisierungsrate, dito. 3 G, 2G, 2G plus, gar nix geht mehr, wie man jetzt halt die Gegenwart durchbuchstabiert. Das Boostern, die Bürgerinnen- und Bürgerpflicht, bei Nichterfüllung droht einem der Rückfall in den Impfverweigerer-Status. Anruf vor ein paar Tagen beim Hausarzt, der Ärmel links symbolisch schon hochgekrempelt. Ob auch Moderna okay sei? Die Frage am anderen Ende der Leitung. Weil, die meisten würden wegen des offiziell angekündigten Verfallsdatums von Moderna ausschließlich Biontech vertrauen. Klar, Moderna, warum auch nicht? Ah, gut, sie so. Termin: am 4. Dezember. Beim Anrufer, innerer Jubel, Dank, Überschwang, draußen Glockengeläut, das war’s doch, oder? Das heißt, bis die Sprechstundenhilfe dann noch pflichtgemäß fragt, wann denn meine zweite Impfung gewesen sei? Am 22. Juni. Und sie: Ja, dann doch leider nicht, die Vorschriften. Zu früh sei, sagt sie, 19 Tage, denke ich. NEUNZEHN TAGE. Ich solle mich im Dezember wieder melden. Und in meinem Kopf brüllt der Gedanke: Ist das jetzt ein Laubbläser draußen?

Betriebsablaufstörung im Novembergrau

Der November jedenfalls endet in nurgrau. Stürme, Regen, nieselndes Gemüt. Die Virusvariante Omicron hat inzwischen für uns Zeit gefunden. Ein neuer Morgen, heute. Die Straßenbahn, in die ich einsteige, fährt seit Minuten „sofort“, heißt: sie fährt doch nicht und dann noch nicht. Die Stimme der Schaffnerin, ein technischer Defekt ist aufgetreten. Eine lange Reihe im Wartestand, die 7, 6, 4a, die Wartenden drinnen mit Glück 3 G. Eine Sicherung sei futsch, heißt es gleichnishaft. Also zur S-Bahn laufen, die laut Anzeige fünf Minuten Verspätung hat. Nein, zehn. Das Laufband auf der Tafel, unaufhörlich. Zehn Minuten nach der - wie es sooo schön und soso oft heißt: „ursprünglichen Ankunftszeit“, die Durchsage, dass die S-Bahn sich um fünf Minuten verspäten werde. Die Bahn, eine eigene Parallelwelt mit eigenen Zeitfenstern. Die Gewissheit in einem, dass für das Leben keine Wiederholungstaste existiert. Das Hohngelächter auf dem Bahnsteig. Die Anzeige, auf der Tafel. Auf dem Smartphone die Nachricht des Hausarztes jetzt, bis Februar 2022 sei’s das mit dem Boostern gewesen, kein Impfstoff. Noch so eine Störung im Betriebsablauf. Ich werde dann zwei Monate zu spät dran gewesen sein, Futur zwei. ZWEI MONATE. Im Netz bricht die sich die Eilmeldung bahn, dass Immer-Noch-Bundesminister Jens Spahn (CDU) sagt, er sei schon mal nicht schuld an dem Desaster. Noch-nicht-Bundeskanzler Olaf Scholz (CDU) stellt einen Bundeswehrgeneral als Ober-Anti-Covid-Strategen ins Rampenlicht. Auch in meine Laune marschiert Militär ein. Das Laufband auf der Anzeigentafel am Gleis zeigt weiter Verspätung zehn Minuten. Die S-Bahn hält sich nicht daran. Dann fährt sie doch noch ein. Eine halbe Stunde Deutschland im Dezember. Der Himmel diesig. Sonne? NEIN.

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