Alltag RHEINPFALZ Plus Artikel Zipfelmütze des Moments: Über einen Lehrer, der seine Schildkappe auch im Unterricht trägt

Was auch noch gegen die Mütze spricht : Basecap-Träger Trump.
Was auch noch gegen die Mütze spricht : Basecap-Träger Trump.

Nur so ein Gefühl, aber möglicherweise erschließt sich weiten Teilen der komplex vor sich hin kriselnden deutschen Öffentlichkeit – auch – das Wurf- und Fangspiel nicht vollends, das in den USA Volkssport ist. Das heißt, außer vielleicht, dass während der undurchsichtigen Vorgänge zwischen sehr niedrigschwelligen Aussichtsplattformen auf dem Sportplatz viel Zeit bleibt, um Bier zu holen. Baseball dauert zwar nur halb so lange wie eine ordentliche Wagner-Oper, aber allem Anschein nach ist bei den Rheintöchtern entschieden mehr los bzw. Wagalaweia.

Baseballschlägerjahre

Rund 25.000 Baseball-Aktive gibt es in Deutschland – gegenüber rund 27.000 ganzen Fußballvereinen. Dafür erfreuen sich im starken Kontrast dazu die Accessoires der Randsportart bei uns, sagen wir es so, seltsam großer Beliebtheit.

Das zur nachdrücklichen Neo-Nazi-Thesen-Verbreitung zweckentfremdete Hartholz-Haudrauf-Ding etwa hat zeitgeschichtliche Relevanz, das heißt die Neunzigerjahre in Ostdeutschland sind als „Baseballschlägerjahre“ historisch. Dagegen ist das Basecap, eine biomorph dem Halsaufsatz nachgeformte Textilkappe mit – bei richtiger Anwendung – Augenbeschattung mittels eines kragenden Schilds, schleichend zum Haupt-Kopfschmuck junger bis mehr als mittelalter Männer avanciert: zum paradox individualistischen Massenphänomen. Aber immerhin: Bis auf die – außer auf dem Kopf des Politikchefs dieser Zeitung natürlich – meist aggressiv alberne Ausstrahlung ist die Mütze eher harmlos.

Achtung Symbol!

Darauf hat jetzt auch der Grundschullehrer Marcus Burkert aus Gauting im oberbayerischen Landkreis Starnberg verwiesen, bei dem das zuständige Schulamt angemahnt hat, sich endlich an das Einmaleins des angemessen sich Kleidens zu halten. Na ja, Burkert bekam böse Post, weil er seine Schirmmütze auch während des Unterrichts aufbehält, so als stünde er auf einer Baseball-Base oder wie der ikonische Liverpooler Trainer Jürgen Klopp am Spielfeldrand an der Anfield Road statt im – Verzeihung – möglichen Strafraum vor dem Whiteboard in Klasse 3d.

In Frage steht so: Was will er seinen Schülerinnen und Schülern sagen, im Zweifelsfall auch uns und der Welt? Dass er lieber Bruce Springsteen wäre, als „Guuten Moorgen Herr Leehrer“-Burkert? Wobei das nicht heißen soll, dass die Sitte, Haupt- oder Nichthaar wie auch immer zu bemützen – mit Kappe, Hut, Helm und Tuch – nicht seit der Post-Fell-Zeit existieren würde. Dito, dass jedem Narr, seine Kappe gefällt.

Allerdings hat, was auf dem Kopf sitzt, seit sich die Kopf-ab-Jakobiner im Fortgang der Französischen Revolution 1789 die rote Mütze der Galeerensklaven zur äußerst äußerlichen Bedeckung ihrer Radikalhirne auserkoren, vom Grundzweck des Witterungseinflussschutzes emanzipiert und doch heftige Symbolkraft entfaltet. Als Fez der Osmanen, Pfaffenhut katholischer Würdenträger, Papstkappe, Nonnenhaube, Kopftuchbekenntnis im Islam, um den Kopf gewickeltes Palästinensertuch – oder Bedeckung frommer Juden, von der es im gerade gefeierten, nach den antisemitischen Verwerfungen in der Nachfolge des Hamas-Terrors gedichteten Songtext „Oktober in Europa“ der Antilopengang heißt: „Keine Sonne auf der Sonnenallee / Du gehst mit Kippa noch nicht mal auf die Champs-Élysées“.

Was nun das weltliche Basecap des Herrn Burkert betrifft, zeichnet es neben seiner – etwa zum Sprezzatura ausstrahlenden Borsalino – vergleichsweisen Unansehnlichkeit, seine Bedruckbarkeit aus. Auf der Frontpartie steht dann „Security“ zum Beispiel. Das Bezeichnende daran ist, dass dort aufgeführte politische Botschaften, wenn man es darauf anlegen sollte, immer mit dem Träger im Bild sind. „Make America Great Again“ zum Beispiel.

Zipfelmütze der Jetztzeit

Der sich selbst religiös verbundene, notorische Basecap-Träger Donald Trump müsste eigentlich schon letztgültiger Grund sein, sich des Ersatzhuts zu entledigen. Schade eigentlich, dass die Bens und Günthers auf den deutschen Boulevards – Kopfhaar egal – das anders sehen. Warum nur? Die Frage beschäftigt große Denker seit Jahrzehnten. Der Chemnitzer Schriftsteller Rolf Schneider etwa mutmaßte, beim Basecap handele es sich um eine Neuauflage der Zipfelmütze. Diese war im 19. Jahrhunderts als Nachtbekleidung Usus, wie bei Carl Spitzwegs „Armen Poeten“ aus dem Jahr 1839 zu erleben, bevor sie die Heizwende zum lästigen Utensil werden ließ. Man trug sie trotzdem, sie mutierte, so Schneider zum Kostüm des deutschen Michels, einer Deppen-Figur des Kleinbürgertums, wie auch dessen bevorzugten Bildkunstwerk: des Gartenzwergs. Mittlerweile sei die Zipfelmütze verschwunden und von der Basecap gleichwertig ersetzt worden. Inwieweit der Gautinger Schullehrer Marcus Burkert, der seine Kopfbedeckung einfach mag, in diese Genealogie passt, offen.

Abgetaucht im Hoodie

Inzwischen hat er jedenfalls, wie er jüngst die „Süddeutsche Zeitung“ wissen ließ, in seiner Klasse schon Gleichgesinnte, respektive Nachahmer gefunden. Selbstverständlich haben Eleven, die bei ihm im Unterricht ihre Kapuzenpullis tief in die Stirn gezogen tragen, sein volles Verständnis. „Wenn da mal jemand ein bisschen abtauchen, nicht die ganze Zeit beobachtet werden will“, lautet sein argumentativer Strike, „finde ich das absolut okay“. Darauf erst einmal ein Rote-Bete-Smoothie.

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