Mannheim Zerbrechliches Rückgrat aus Eisen: Mit Yoga in der Kunsthalle ein Werk körperlich erfahren

Schwer und zugleich fragil ist Gunter Frentzels Skulptur „50 geschichtete Stäbe“ und lädt dazu ein, die Balance auszuloten.
Schwer und zugleich fragil ist Gunter Frentzels Skulptur »50 geschichtete Stäbe« und lädt dazu ein, die Balance auszuloten.

Das Format „Yoga in der Kunsthalle“ eröffnet neue Perspektiven: Warum man sich dabei erschüttern lassen darf – aber bitte nicht Gunter Frentzels „50 geschichte Stäbe“.

Fast wäre ich achtlos an diesem Winkel aus „50 geschichteten Stäben“ von Gunter Frentzel vorbeigeschlendert, wenn die Aufseherin der Mannheimer Kunsthalle nicht so alarmiert ausgesehen hätte: Sie stellte sich schützend vor die Kante der Skulptur, die sich wie ein mächtiger Schiffsbug in den Raum wölbt, wohlwissend, dass Leute aus Versehen dagegen rempeln könnten. Eine große Erschütterung könnte reichen, dann würde das 400 Kilo schwere Konstrukt aus Eisen in sich zusammenbrechen. Denn hier ist nichts verlötet, sondern es hält nur in einer prekären Balance aus Schwerkraft und Gegengewicht. „Man braucht zwei Leute, die das Kunstwerk einen Tag lang präzise wiederaufbauen“, erklärt die Restauratorin Katrin Rademacher auf Nachfrage. Für diesen Fall besitzt sie ein Modell und einen Plan, wie die Vierkantstäbe millimetergenau nur am Ende aufeinandergestapelt werden müssen und wie sich die Schenkel in einer eleganten Drehung auffächern. Diese Kunst wirkt massiv und ist doch leicht zerbrechlich, grenzstabil wie ein Mikado.

400 Kilo wiegt die Skulptur „50 geschichtet Stäbe“ von Gunter Frentzel. Die Eisenstäbe sind nicht verlötet.
400 Kilo wiegt die Skulptur »50 geschichtet Stäbe« von Gunter Frentzel. Die Eisenstäbe sind nicht verlötet.

„Gunter Frentzel wollte diese Fragilität, weil alles enden kann“, meint Katrin Rademacher und erinnert sich, wie der schweigsame Bildhauer aus dem Schweizer Solothurn 2010 eine andere Raumskulptur zwei Tage lang in aller Ruhe aufgebaut hat. Nachdem diese wieder entfernt werden musste, schuf er einfach aus denselben Stäben 2017, im Jahr seines Todes, dieses neue Werk. Als „Nomadenkunst“ bezeichnete der gelernte Steinmetz seine Arbeiten, die ausgerechnet aus den Materialien der Ewigkeit, aus Stein, Eisen und später auch Laserstrahlen gefertigt sind und in internationalen Sammlungen in Paris, Bern, Köln oder Lissabon ein Zuhause gefunden haben. Da scheinen Eisenbänder aus einer Wand zu quellen und über den Boden zu fließen. Oder eine Metallschiene biegt sich ins Extreme und wird am Ende nur vom Gewicht eines flachen Steins daran gehindert, wie ein Katapult zurückzuspringen.

Am Anfang des Hochstapelns ist immer der leere Raum und der nackte Boden. Oder die Yogamatte, wie an diesem Samstagmorgen im Raum der „Natur-Bilder“ in der Kunsthalle. Zwischen dem löchrigen Iglu aus Marmorplatten von Mario Merz und dem groben Steinkreis von Richard Long, knautschen sich 18 Körper zu Kugeln zusammen. In der Stellung des Kindes dürfen wir schwer werden, die Stirn auf den Boden betten und die Schultern loslassen. „Versucht der Erde zu vertrauen, Innigkeit und Ruhe zu finden“, sagt Yoga-Lehrerin Birgitt Held. „Und wie alles, was aus der Erde wächst, könnt ihr jetzt Wirbel für Wirbel aufrollen.“ Im Knien fällt mein Blick auf die Skulptur vor mir, die sich aus diesem besonderen Blickwinkel geradezu monumental auftürmt, beruhigend stark mit ihrem Rückgrat aus Stäben. Aber wir werden uns erschüttern lassen.

Gemütlich oder starr?

Zwar verwurzeln wir erst die Hände und Knie im Vierfüßlerstand, dann strecken wir einen Arm und das gegenüberliegende Bein und formen eine stabile Linie. Doch als wir uns weiter nach oben öffnen in den knienden Halbmond, geraten die Muskeln an ihre Grenze, um die Balance zu wahren und beginnen zu zittern. „Jedes Wackeln ist ein Ausloten“, begrüßt Birgitt Held die Bewegungen. Sie hatte zuvor schon im Kunst- und Yogaphilosophiegespräch erklärt, dass Yoga-Haltungen manchmal perfekt ausgeführt sind, dann aber wie Statuen und nicht lebendig sind. Stattdessen solle im Yoga der Gegensatz von „Sthira“ und „Sukha“ zusammengeführt werden, also von „Stabilität“ gepaart mit „Leichtigkeit“, genau wie in Frentzels Skulptur. Wenn ein Prinzip überhand nimmt, sollte es vom anderen ausgeglichen werden. Wo ist man festgefahren? Wo hat man die Erdung verloren? „Das ist ein schönes Sinnbild fürs ganze Leben“, sagt die 52-Jährige, die ganzheitliches Coaching und integrative Traumaseminare anbietet sowie Kurse im Yogaheld in Böhl-Iggelheim und im Soma Yoga Space in Mannheim gibt. „Es kann sein, dass man es sich als Mensch in seinen Ritualen gemütlich gemacht hat, muss aber aufpassen, dass man dabei nicht zu starr wird.“

Erst wird über das Kunstwerk und die Yogaphilosophie gesprochen, dann kommt die Yoga-Praxis – passend auf das Thema abgestimmt.
Erst wird über das Kunstwerk und die Yogaphilosophie gesprochen, dann kommt die Yoga-Praxis – passend auf das Thema abgestimmt.

Als wir in die Haltung des Baumes hineinwachsen, erinnert sie daran, die Knie nicht steif zu machen, sondern mit einem winzigen Knick durchlässig zu bleiben. Im Gegensatz zur Skulptur bricht indes so mancher Baum zusammen und muss neu aufgebaut werden. Kein Problem, auch die zur Blätterkrone geöffneten Arme dürfen im Wind schwanken. Die Herbststürme machen jetzt ohnehin die Haare strubbelig und bringen viel Fluktuation, die man ausgleichen müsse, die aber auch willkommen sei, sagt Birgitt Held und hat deshalb dieses „nomadische“ Werk zum Thema Balance für diesen Termin ausgewählt. „Der Herbst steht für das Vergehen, das einen Raum schafft, in dem Neues entstehen darf. Wie die Bäume ihre Blätter abwerfen, muss man auch loslassen können.“

Und es gibt noch eine Parallele zu Gunter Frentzels Werk, das so feine Strukturen wie Blätter aufweist. Auf diese grafische und wie mit dem Bleistift gezeichnete Qualität hat Dörte Ilsabe Dennemann, zuständig fürs Programm Plus bei der Kunsthalle, in der Einführung hingewiesen und vorgeschlagen: „Man kann wiederkommen und das Werk zeichnen – auch das ist eine leibliche Auseinandersetzung.“

Stimmt! Denn was spricht schon dagegen, sich beim nächsten Museumsbesuch vor ein Kunstwerk im Lotussitz zu pflanzen, sich übers Atmen mit dem Raum zu verbinden und zu zeichnen? Es ist so viel mehr möglich. Um die Routinen zu durchbrechen, wie die Begegnung mit einem Kunstwerk abzulaufen hat, braucht es offenbar besondere Formate. „Man sollte nie verlieren, immer wieder neue Perspektiven einzunehmen“, meint Corinna Müller aus Birkweiler. Die 47-Jährige hat den Veranstaltungsbesuch von der Freundin geschenkt bekommen, weil beide nach solch inspirierenden gemeinsamen Erlebnissen suchen, die Erinnerungen schaffen. Und sie sind überrascht, wie tiefgründig diese Begegnung zwischen Yoga und Kunst ausfällt. „Ich habe selten eine Yoga-Lehrerin auf diesem Niveau erlebt und so versiert, dass sie die Brücke zur Kunst schlägt“, sagt die Freundin Julia Kellner aus dem Odenwald. „Plötzlich macht alles Sinn.“

Die Idee zur Reihe kam Birgitt Held, weil sie als Kunstinteressierte häufig Ausstellungen besucht, selbst ein kleines Atelier hat und mit der Szene auch durch ihren Partner, dem Künstler Skafte Kuhn, in Kontakt kommt. In den fünf Jahren hat sich die Reihe gut etabliert mit zehn bis 20 Besuchern, die keine besondere Yoga-Erfahrung brauchen, aber wenn möglich eine Matte mitbringen. Einmal monatlich – außer in der Sommerpause – steht ein Werk im Fokus, und dabei trifft Birgitt Held die Wahl „aus dem Bauch heraus“, passend zur Jahreszeit oder den Themen, die sich gerade aufdrängen. „Es ist nicht nur der Herbst, in dem jetzt ein Wandel ansteht“, überlegt sie. „Auch im Weltgeschehen geht es darum, wieder eine neue Balance einzurichten.“

Termine

Impulse aus Kunst und Yogaphilosophie mit Yogapraxis in der Mannheimer Kunsthalle am Samstag, 18. Oktober, 10.30 Uhr, zu „Max Beckmann: Fastnacht & Satya“, zum Thema Rollen, Inszenierung und Wahrhaftigkeit. Wie sich das Lebendige in der äußeren Welt und in uns zeigt, erkundet Yoga in der Kunsthalle am Samstag, 29. November, 10.30 Uhr, zu „Ernst Ludwig Kirchner: Roter Baum am Strand & Natur und Form“. Anmeldung über www.kuma.art. Informationen zu Birgitt Held unter www.birgittheld-coaching.de/.

Mehr zum Thema
x