Apokalypse RHEINPFALZ Plus Artikel X-Faktor Mensch: Jakob Thomäs Buch über die Risiken, die uns bedrohen

Plötzlich eine Eiszeit: Risikofaktor Vulkanausbruch, hier der Fagradalsfjall auf Island.
Plötzlich eine Eiszeit: Risikofaktor Vulkanausbruch, hier der Fagradalsfjall auf Island.

Von der Atombombe bis zur Zombieapokalypse: Jakob Thomä kalkuliert die uns bedrohenden Risiken. Angsteinflößend, Sonneneruptionen und Vulkanausbrüche, eher nicht: das Aussterben des Y-Chromosoms. Der größte Unsicherheitsfaktor aber bleibt der Mensch.

Die Seepocken sollten uns zu denken geben. Sie kastrieren Krabben und halten sie sich als Lebendnahrung, solange sie sie brauchen. Noch so ein Menetekel: Der perfide kalifornische Saugwurm, der sich Wasserschnecken sucht, um ihnen Larven unterzujubeln, die der nichtsahnende Kilifisch frisst, nur um sich selbst, manipuliert von den Larven, stracks Vögeln zum Fraß vorzuwerfen, in denen sich der Saugwurm dann vollständig auswächst. Über Ausscheidungen kehrt er zurück ins Meer. Das zirkuläre Saugwurm-Leben ist von lebenden Toten gesäumt. Kann es sein, dass uns ihr fremdbestimmtes Schicksal droht? Jakob Thomä, Geschäftsführer der Theia Finance Labs (eines Think Tanks) und Kopf verschiedener Nachhaltigkeitsinitiativen, hat ein A-bis-Z-„Buch der Risiken“ verfasst – angefangen mit der Atombombe bis hin zur „Zombieapokalypse“ als abschließende Menschheitsgefahr. Dabei zeigt sich, dass wir untätig, untot, ungerührt von dräuenden Kalamitäten untergehen, liegt – bei etwas Meta-Denken – gar nicht so fern.

Und das Jüngste Gericht?

Das Buch ist ein populärwissenschaftliches Kompendium der angstbesetzten Gefährdungsszenarien. Angesichts der finalen Wucht dessen, was es behandelt, so kurzweilig wie möglich geschrieben, am stabilen Rand des Spekulativen: Konfrontationstherapie für die überforderte Angstgesellschaft. Reha? Nein. Dabei wird immerhin die Furcht, dass uns dereinst eins der eine Milliarde Schwarzen Löcher verschlingt, die die Milchstraße perforieren, mit Statistik besänftigt. Die Wahrscheinlicht dafür beträgt 1:40 Milliarden. Die nächste Pandemie derweil steht datenbasiert geschätzt in 59 Jahren an, noch zu Lebzeiten der Corona-geplagten Generation Z(oomer). Der Überraschungsmoment allerdings, so viel Prophetie scheint möglich, wird dennoch mutmaßlich der gleiche sein wie vor vier Jahren.

In seinem Buch „Der Kill-Score“, 2022 erschienen, hat Thomä die „Spuren unseres ökologischen und sozialen Fußabdrucks“ skaliert, Motto: „20 EU-Bürger töten im Lauf ihres Lebens eine andere Person durch Luftverschmutzung“. In seinem neuen Risiko-Buch springt der 1989 geborene Denker indes wild hin und her zwischen Anstehendem (Sonneneruption), ziemlich Sicherem (Atombombeneinsatz), gut Möglichem (Aliens) und dem Unkalkulierbaren wie dem Jüngsten Gericht, an das auf dem Papier zumindest 50 Prozent der Menschheit glaubt. Die Reichweite der Bedrohungsphänomene schwankt ungefähr zwischen Weltenbrand und Einbildung, potenziell planetenzerstörenden Mega-Events (Asteroid-Einschlag, eher unwahrscheinlich), „Brave-new-World“-Fantasien (siehe Cyberrisiken) und der globalexistenziell betrachtet überschaubaren Wirkmacht von Antibiotikaresistenzen.

Das heißt, wir sprechen hier von über einer Million dadurch verursachten Todesfällen im Jahr weltweit, rund 10.000 Menschen in Deutschland, der größten Bedrohung für die Gesundheit der Menschen im subtropischen Afrika.

Elon Musk beugt vor

Wobei, 73 Prozent aller Antibiotika werden gar nicht von uns direkt eingenommen, sondern von Tieren, die „wir“ essen. Die Tierhaltung gehört zu den Dingen, die gleich mehrere Risiken unterströmt: wie das teilbedrohliche Artensterben. Der letzte Baum ist demnach soweit absehbar in 600 Millionen Jahren fällig. Der Rest endet – wenn nicht ein finaler Handhabungsfehler mit Fusionsenergie interveniert oder Außerirdische genug von uns haben – mit Abbruch des Kohlenstoffkreislaufs in voraussichtlich einer Milliarde Jahren. Und über allem thront die jetzt schon spürbare Großwetterlage Klimawandel. Es gibt da vieles, was mit vielem interagiert, zahlreiche Interdependenzen und Ambivalenzen.

Ist etwa, wie der Neunfachvater Elon Musk befürchtet, der durch sinkende Reproduktionsraten zwangsläufige Bevölkerungskollaps schlimmer? Oder das prognostizierte Bevölkerungswachstum auf über 10 Milliarden Erdenbewohner am Ende des Jahrhunderts, wo doch der immer noch im Fernsehen gefragte US-Experte Paul R. Ehlich in den 1960er-Jahren voraussagte, eine Milliarde Menschen seien mehr als genug.

 Fluch, Segen, oder vielleicht beides? Quantencomputer im im OpenSuperQ Lab am Forschungszentrum in Jülich. .
Fluch, Segen, oder vielleicht beides? Quantencomputer im im OpenSuperQ Lab am Forschungszentrum in Jülich. .

Quantencomputer könnten die Welt retten. Oder den totalen Überwachungsstaat ermöglichen, Nanotechnologie, eine Medizinrevolution, die Blut-Hirn-Schranke überwinden, vielleicht auch Superkriegswaffe werden. Mit Geoengineering ist der Mensch – Stichwort Erderwärmung – vielleicht in der Lage, einen Lichtschirm aus Sonnenstrahlen reflektierenden Aerosolen am Himmel aufzuspannen. Folgen, ungewiss. Thomä, der sehr für den Einsatz plädiert, ist sich sicher, dass technologische Verfahren irgendwann zum Einsatz kommen werden. Kann dann aber auch sein, um im Feindesland eine Eiszeit auszulösen. Im Weltmaßstab eingesetzt jedenfalls, wird Geoengineering absehbar ein neuer Konfliktherd sein, wenn etwa Russland und Saudi Arabien sich streiten.

Hitze ist tödlich

Denn wie Studien nahelegen, ist der Persische Golf wie Südasien und die Region um das Rote Meer bis 2050 von tödlicher Hitze bedroht. Genauer: von 35 Grad Außentemperatur bei 75 Luftfeuchtigkeit, laut WBGT-Index, die Bedingungen, bei dem es mehr als richtig eng wird, wenn – falls vorhanden – die Klimaanlage den Dienst quittiert. Folglich geht eine Studie auch davon aus, dass bis Mitte des Jahrhunderts eine Milliarde Klimaflüchtlinge unterwegs sein werden – 20 Jahre bevor die tödliche Hitzewelle dann auch Teile Ostchinas, Südostasiens und Brasilien erreicht. Oder nicht? Kann aber auch sein, dass vorher die hochkomplexe, noch unverstandene atlantische (meridionale) Umwälzbewegung (AMOC) die klimatischen Bedingungen grundlegend verändert und Europa zum Beispiel erkaltet.

Ein Vulkanausbruch der Stufe 7 könnte wie 1815 beim Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora die Welt so wie auf den Gemälden von Caspar David Friedrich von damals verschatten – samt Sommerlosigkeit für ein Jahr. Hungersnöte würden ausbrechen. Die Erderwärmung würde um ein Grad gedimmt. Die Chancen stehen eins zu sechs, dass das noch in diesem Jahrhundert stattfindet. Ein Prozent für einen Ausbruch der Stufe acht, für die 120 auf Japan, Indonesien, der Westküste der USA und den Mittleren Westen konzentrierte Vulkane das Potenzial haben. Hieße: Temperatursturz um bis zu 19 Grad und den Beginn einer Eiszeit, weshalb einige Vulkanologen ernsthaft mit dem Gedanken operieren, Kohlekraftwerke als Prophylaxe vorzuhalten, um dem Klima im Fall des Falls einzuheizen.

Die Lehren des Saugwurms: Werden wir zu Zombies?
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Saugwurm-Feminismus?

Dabei wäre es laut Thomä wichtiger, sich auf Sonneneruptionen wie das Carrington-Ereignis im Jahr 1859 einzustellen. Der Strom fiel aus. Der Funkenschlag in Brand gesetzter Telegrafenstationen war damals als Nordlicht in Kuba zu sehen. Heutige Folgen der geomagnetischen Störungen sind ungleich schlimmer einzuschätzen. Mit zwei Billionen US-Dollar wird der erwartende Schaden beziffert. Wahrscheinlichkeit in den kommenden zehn Jahren: zwölf Prozent, für die kommenden 50 Jahren: 50 Prozent. Wahrscheinlicher allerdings ist, dass der Risikofaktor Mensch sich derweil mit dem Exitus des Y-Chromosoms beschäftigt. Dem Aussterben der Männer – als Folge eines wie der kalifornische Saugwurm klandestin tätigen, nachhaltigen Feminismus vielleicht. Fünf Gene in einer Million Jahren verliert das Chromosom, das für die Ausbildung Hoden tragender Menschen verantwortlich zeichnet. In elf Millionen Jahren ist Ende Gelände. Zombies halt. Apokalypse now.

Lesezeichen

Jakob Thomä: „Das kleine Buch der großen Risiken. Von Atombombe bis Zombie-Apokalypse“; Klett-Cotta, Stuttgart; 230 Seiten, 22 Euro.

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