Interview
Wincent Weiss spricht über die Liebe, Oldtimer – und was ihn von Peter Maffay unterscheidet
Wincent, wir erreichen dich auf Koh Samui. Lässt du es dir nochmal so richtig gutgehen, bevor dein Album rauskommt?
Absolut. Schwimmen, lecker Essen, bisschen Sport, Ausschlafen. Und dann wieder von vorne. Ich habe Silvester mit Freunden in Bangkok verbracht, danach sind wir noch ein bisschen weitergereist. Eigentlich wollte ich gar nicht so lange bleiben, doch dann haben wir den Rückflug spontan nach hinten verschoben, weil es hier so schön ist. Den Rest des Jahres werde ich für einen richtigen Urlaub wahrscheinlich keine Zeit mehr haben, allerdings arbeite ich hier auch so ein bisschen. Ich mache meine Arbeit ja sehr gerne und deshalb nehme ich sie mir auch mit auf Reisen.
„Hast du kurz Zeit“, dein gestern erschienenes Album ist ein überaus facettenreich und mit 18 Songs auch echt lang. Willst du nochmal neue Seiten von dir präsentieren?
Ja. Ich habe viel ausprobiert, mit neuen Produzenten und Songschreibern gearbeitet, neue Einflüsse gesammelt, zwischendurch auch einiges umgeworfen und neu gemacht. Dieses Album war eine wirklich abenteuerliche Reise. Anfangs hatte ich deutlich mehr negative und düstere Songs wie „Die letzten beißen die Hunde“, bis ich merkte, dass diese Stimmung so gar nicht zu der Lebenssituation passt, in der ich gerade stecke. Dementsprechend haben wir die Gewichtung geändert und noch weitere positive Songs geschrieben. Ich finde, man kann sich schön durch das Album treiben lassen. Es ist für alle was dabei.
Im Text von „Die letzten beißen die Hunde“ sagst du, dass deine Freunde mit dem Leben nicht klarkommen und ständig am Gras rauchen sind. Geht es dir für deine Generation geradezu untypisch gut?
Ich bin in der absolut privilegierten Lage, beruflich frei zu sein und jeden Tag aufs Neue meinen Job gestalten zu dürfen. Und ich bin gesund. Als ich mit der Musik angefangen habe, bin ich nur gerannt und wollte immer gleich das nächste Level erreichen. Mittlerweile habe ich eine Balance reingebracht und bin zur Ruhe gekommen. Ich sage auch mal „nein“ zu Projekten und achte auf mich und meine Psyche.
Du hast in der Vergangenheit manches Mal über die mentale Herausforderung der Hochs auf der Bühne und den anschließenden Tiefs allein im Hotelzimmer gesprochen. Hast die Extreme heute besser im Griff?
Perfekt wird es nie sein, aber ich finde, dass ich das inzwischen sehr gut hinbekomme. Das ist auch ein Lernprozess, dass man auf viele Dinge pfeift, die von außen kommen. So lange ich selbst das, was ich mache, richtig finde, sollen die Nörgler ruhig schreiben, sagen und posten, was immer sie wollen.
Aus dem Rahmen fällt auch das rockige „Flieg“, in dem du sagst: „Ich habe Angst mich zu verlieren und keiner siehts.“ Wie meinst du das?
Da geht es eher um die Vergangenheit als um meine heutige Verfassung. Die Leute sehen mich nur fliegen, sie sehen mich nicht fallen. Und diese Fallmomente – ich allein, ohne Kamera – die sehe nur ich, und die kann auch nur ich beschreiben. Selbst wenn ich heute ausgeglichener bin als früher, gibt es immer noch Tage, wo ich denke „Alter, warum geht es dir denn heute so dreckig, obwohl doch eigentlich alles gut ist“. Aber auch diese Tage sind okay.
Sprechen wir über die positiven Songs. „Unendlichkeit“ oder „Hast du kurz Zeit“ handeln von deinem Glauben an die ewige Liebe und das gemeinsame „Für immer“? Wie nah an deinem Leben sind diese Lieder?
Sehr nah (lächelt). Ich will das, was bei mir los ist, in meinen Songs beschreiben und nicht in der Öffentlichkeit oder bei Social Media breittreten. Ich wollte mit „Unendlichkeit“, der ersten Nummer, klar machen, wo ich im Leben stehe.
„Hast du kurz Zeit, mit mir den Rest deines Lebens zu teilen“, singst du. Eine neue Heiratshymne?
Der Song ist ja schon als Single raus, und ich habe ganz viele Nachrichten bekommen, dass er perfekt ist, um auf Hochzeiten zu laufen. Wenn du aus deinen eigenen Gefühlen heraus einen Song schreibst, der auch im Leben anderer Menschen eine emotionale Bedeutung bekommt, dann ist das quasi der Jackpot für einen Künstler.
Hältst du das gesellschaftliche und politische Geschehen bewusst als deiner Musik raus?
Als Privatmensch Wincent Weiss beschäftigt mich die Politik sehr. Ich verfolge wirklich jeden Tag, was los ist, egal, wo ich bin. Aber als Musiker Wincent Weiss möchte ich den Leuten Kopffreiheiten verschaffen. Bei meinen Konzerten sollen sie Spaß haben, ihre Fantasie schweifen lassen und nicht die Negativität des Alltags spüren. Deswegen halte ich mich mit politischen Aussagen zurück. Ab und zu sage ich auf der Bühne mal ein, zwei Sätze, das ist dann aber etwas Persönliches und Selbstwertstärkendes als etwas Politisches.
Du hast, auch durch deine langjährige Teilnahme an „The Voice Kids“ ein recht junges Publikum. Hast du gegenüber den jungen Menschen eine Verantwortung?
Ja, das finde ich schon. Ich bin mir darüber im Klaren, dass bei mir den Sozialen Medien und in den Konzerten auch Kinder zuschauen. Ich will gute Werte vermitteln. Aber ich bin kein Ersatzerziehungsberechtigter, auch wenn manche Eltern mich so sehen. Es kam schon vor, dass Eltern mir geschrieben haben, dass ihr Kind mir auf Social Media nicht mehr folgen dürfe, weil sie in einem Video gesehen habe, dass ich Bier trinke. Hallo? Ich fordere ja nicht, dass deine neunjährige Tochter das auch machen soll.
Du bist jetzt seit zehn Jahren erfolgreich. Überlegst du dir, ob du diesen Job noch weitere zehn Jahre machen willst?
Ich plane so weit nicht. Ich hätte auch vor zehn Jahren nie gedacht, dass ich heute hier sitzen würde. Im Unterschied zu einem Johannes Oerding oder einem Peter Maffay bin ich nicht sozusagen als Musiker zur Welt gekommen. Ich habe mich aktiv dafür entschieden, und zwar relativ spät mit 17 Jahren. Deshalb kann ich mir auch vorstellen, dass ich nicht unbedingt mit 50 Jahren noch auf der Bühne stehen werden. Aber vielleicht auch doch. Was ich definitiv nicht machen werde, ist, mich irgendwie durchzuboxen, wenn ich merke, es läuft eigentlich nicht mehr besonders.
Du hast ja noch so einige andere Interessen, vor allem alte Autos. Deine Youtube-Videos auf dem Kanal „Wincents Garage“ erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Woher kommt deine Liebe für Oldtimer?
Alte Sportwagen fand ich schon immer sehr schön. Da ich vom Dorf komme, war ein Auto mit 18 das Einzige, was einem die Freiheit geschenkt hat. Im Auto habe ich das Leben kennengelernt. Und heute liebe ich es, in meine Garage zu gehen und stundenlang rumzuschrauben, um den Kopf freizubekommen. Manchmal liege ich schon um 6 Uhr morgens unter einem Auto. Irgendwann habe ich eine Kamera aufgestellt und gedacht, wenn ich daran Spaß habe, dann schauen vielleicht ein paar Leute gerne zu.
Hast du ansonsten noch besondere Pläne für dieses Jahr?
Letztes Jahr bin ich aus Spaß einen Halbmarathon gelaufen. Dieses Jahr ist der ganze dran, im April in Hamburg. Ich habe mir vorgenommen, eine Zeit unter vier Stunden zu laufen, und das schaffe ich auch.
Zur Person
Mit Fleiß, Beharrlichkeit und einer lässig-sympathischen Aura hat sich Wincent Weiss an die Spitze der deutschsprachigen Popmusikschaffenden gekämpft. Nach vielen Hits wie „Musik sein“, „Feuerwerk“ oder „An Wunder“ widmet sich der 33-Jährige aus Eutin an der Ostsee, der seit Jahren zudem in der Jury von „The Voice Kids“ sitzt, auf seinem fünften Album „Hast du kurz Zeit“ vor allem den großen Fragen rund um Themen wie Glück, Liebe und dem Ankommen im Leben.