Kultur „Wie kann man vergeben?“
Weltberühmt wurde die englische Schauspielerin Keira Knightley als rebellische Gouverneurstochter in den „Fluch der Karibik“-Filmen. Doch überzeugt sie auch als Charakterdarstellerin, etwa in „Abbitte“ (2007) oder „Anna Karenina“ (2012). Ab Donnerstag ist sie im Kino in „Niemandsland – The Aftermath“ zu sehen: Die 34-Jährige spielt die Ehefrau eines englischen Offiziers, 1946 in Nachkriegsdeutschland stationiert, die im vormaligen Feindesland eher Rache denn Versöhnung zu suchen scheint.
Eigentlich hatte ich mir geschworen, nie in einem Film über den Zweiten Weltkrieg mitzuspielen. Als ich dann aber das Drehbuch las, konnte ich es einfach nicht weglegen. Noch nie hatte ich einen Film gesehen, der unmittelbar nach Kriegsende spielt und die britische Besatzung in Deutschland zum Thema hat. Und die Konflikte aufzeigt, die dadurch natürlich auf beiden Seiten entstehen. Mit den großen Fragen: Wie kann man vergeben? Wie kann man nach all diesen schrecklichen Ereignissen weiterleben? Wie kann man – nach so einer furchtbaren Katastrophe – überhaupt wieder etwas aufbauen? Das fand ich sehr interessant. Sie sind in den 90ern aufgewachsen. Wie wurde denn da der Zweite Weltkrieg im Geschichtsunterricht dargestellt? Natürlich wurden wir über die Gräueltaten der Nazis informiert. Und darüber, wie ungerecht der Versailler Vertrag war. Und dass der Erste Weltkrieg zwangsläufig zum Zweiten Weltkrieg führen musste. Aber es wurde kein Wort darüber verloren, wie ganz Europa wieder aufgebaut wurde. In britischen Schulen wurde gesagt: „Wir haben gewonnen! Und nachdem wir gewonnen hatten, bekamen wir den NHS (National Health Service) – den staatlichen Gesundheitsdienst Großbritanniens.“ Das war es dann auch schon. Selbstverständlich hieß es, dass wir Engländer verdammt großartig waren. Kein Wort darüber, wie dieser Wiederaufbau dazu führte, dass wir nun schon seit über 70 Jahren in Frieden miteinander leben. Das finde ich schon sehr außergewöhnlich und wichtig. Was macht denn einen Film heutzutage nicht nur sehenswert, sondern auch wichtig? In unserer Zeit wird leider sehr wenig miteinander geredet und gemeinsam um etwas gerungen. Die Rhetorik ist meist polarisierend oder auf Spaltung aus. Viel zu viele Politiker sind da am Werk, die nichts als Zwietracht säen wollen. Schauen wir uns nur Trump an. Oder das Brexit-Theater hier in England. Auf fast allen Kanälen wird sehr lautstark gefordert, man müsse wieder Mauern bauen, Gewerkschaften abschaffen und sich wieder von anderen abgrenzen. Ohne darüber nachzudenken, wie schwierig es doch war, solche internationalen Interessengemeinschaften überhaupt zu ermöglichen. Unser Film zeigt die große Leistung der Kriegsgeneration, die es geschafft hat, aus den Trümmern etwas Gemeinsames und Bleibendes aufzubauen, von dem wir doch alle heute noch profitieren. Deshalb ist „Niemandsland“ für mich ein sehr relevanter und wichtiger Film. Sie spielen die Britin Rachael Morgan, die von ihrem Mann Lewis, einem britischen Oberst, im Herbst 1946 nach Hamburg geholt wird und dort – im Feindesland – zunächst sehr verloren ist. Ja, Rachael weiß anfangs wirklich nicht, was sie da soll. Sie hat keine Aufgabe – außer dekorativen Pflichten als Ehefrau. Und sicher, sie hasst die Deutschen anfangs ganz unverhohlen. Gerade auch den deutschen Witwer Stefan Lubert, in dessen luxuriösem Haus sie unterkommen. Ihr seelischer Zustand wird aber vor allem dadurch definiert, dass sie ihren fünfjährigen Sohn bei einem deutschen Luftangriff verloren hat. Seinen Tod hat sie nie überwunden. Ihre große innere Leere entsteht dadurch, dass sie sich eigentlich um ihren Sohn kümmern will, der aber nicht mehr da ist. Ich habe meine Rolle voll und ganz daran festgemacht, dass Rachael an diesem persönlichen Trauma fast verzweifelt. Zur Vorbereitung habe ich einen Artikel einer Frau gelesen, die ihren Sohn verloren hatte. In der englischen Sprache haben wir zwar das Wort „Waisenkind“ und „Witwe“ oder „Witwer“ – aber es gibt kein Wort dafür, wenn jemand sein Kind verloren hat. Kann man sich nach diesem Verlust noch Mutter nennen? Das hat mich sehr beschäftigt. Sie spielen oft Frauen, die nicht gerade sehr liebenswürdig oder sympathisch sind… … weil das doch meist die viel interessanteren Frauen sind. Aber Rachael gehört nicht in diese Kategorie. Ich finde, sie ist sehr einfühlsam und sympathisch. Natürlich hat auch sie Charaktereigenschaften, die nicht so schön sind, zum Beispiel ihr Hass auf die Deutschen. Aber Rachael ist doch viel mehr an einer sehr spezifischen Rache interessiert, die ich „weibliche Rache“ nennen will. Weil das doch, eigentlich bis heute, ein Tabu ist. Männer dürfen ausrasten und wütend sein. Frauen nicht. Die sollen sich gefälligst gesittet benehmen. Wenn sie es nicht tun, nennt man sie zickig und hysterisch. Vor allem auf der Leinwand wird die männliche Wut doch geradezu gefeiert. Bei Frauen wäre das undenkbar. Da legt unsere Kultur immer noch den Mantel des Schweigens darüber. (Lacht) Ich liebe es, „Wut“ zu spielen: Rachaels Wut gegen sich selbst, auf die Welt, Wut auf Lubert und ihren Ehemann. Sie sind nicht nur Schauspielerin, sondern auch das Gesicht von Chanel. Man sieht Sie viel öfter in Werbeanzeigen als im Film. Was sagt das über unsere Gesellschaft aus? Dass unsere Gesellschaft immer noch viel mehr darauf achtet, wie gut Frauen aussehen, als darauf, was sie sagen. Das sollte sich definitiv ändern. Aber wollen die meisten Leute nicht doch, dass ein bewunderter Filmstar „Größer-als-das-Leben“ ist und etwas von seinem Glitz und Glamour auf sie abstrahlt? Aber ja doch, den Filmstar wollen die meisten tatsächlich nur anhimmeln. Das erinnert mich an die griechischen Götter auf dem Olymp. Man erwartet, dass Stars reich und berühmt sind. Das ist eine sehr sonderbare Art von Idealisierung, finde ich. Man mag aber auch die tragische Variante: Dass sie vom Olymp abstürzen und auf dem Boden zerschellen.