Koloniaules Erbe
Wie die Mannheimer REM die Rückgabe von Beninbronzen vorbereiten
Sie habe umgehend das Auswärtige Amt, das Kultusministerium in Stuttgart und die Kontaktstelle für Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten informiert, sagt Sarah Nelly Friedland, die für Archäologie und Weltkulturen zuständige Direktorin des Mannheimer Museums. Die vor sechs Jahren eigens zu diesem Zweck von der Kulturstiftung der Länder eingerichtete Kontaktstelle werde nun die zuständigen Institutionen in dem westafrikanischen Staat informieren und die weiteren Verhandlungen mit der National Commission for Museums and Monuments (NCMM) in Nigeria führen.
In Aussicht gestellt habe die Kontaktstelle demnächst „eine Art Fahrplan“ der nächsten Stationen auf dem Verhandlungsweg. Ausdrücklich untersagt ist es dem Museum, selbst die Initiative zu ergreifen. Der deutschen Regierung ist nämlich sehr daran gelegen, Nigeria über das restituierte Kulturgut selbst bestimmen zu lassen.
„Eigentumsübertragung bedeutet nicht unbedingt, dass die Objekte auch physisch in Nigeria anwesend sein müssen“, erklärt Jamie Dau, Referent für Provenienz und Archive an den Reiss-Engelhorn-Museen. Das Museum geht davon aus und hofft, dass einige der 29 in seinem Depot befindlichen Objekte in Mannheim bleiben werden. Dauerleihverträge seien ja unter Museen, auch international, gang und gäbe, sagt Jamie Dau. Der Verbleib eines Teils der Objekte in Mannheim wäre auch deshalb wünschenswert, weil das Interesse der Öffentlichkeit seit der breiten Diskussion über die Restitution von kolonialem Raubgut in den vergangenen Jahren stark zugenommen habe.
In Mannheim befinden sich drei Skulpturenköpfe und drei Reliefplatten, außerdem Glocken, Gefäße, Waffen sowie Kunstwerke aus Elfenbeinstoßzähnen und Holz.
4000 Objekte geraubt
Bronzen schmückten seit dem 16. Jahrhundert den Palast des Oba von Benin, des einstigen Königs in dem untergegangenen Reich im heutigen Staat Nigeria. Sie gelten als bedeutende Kunstwerke Afrikas. Insgesamt befinden sich über 1000 während einer sogenannten Strafexpedition der englischen Kolonialmacht am Ende des 19. Jahrhunderts geraubte Objekte in mehreren deutschen Museen, die meisten in den Staatlichen Museen zu Berlin. Über ganz Europa verstreut sind mehr als 4000 aus Messing, Elfenbein, Holz und anderem Material bestehende Kunstwerke aus Benin.
Es war eine Geste, als die damalige Außenministerin Anna-Lena Baerbock und die damalige Kulturstaatsministerin Claudia Roth im Dezember 2022 bei einem Staatsbesuch in Nigeria 20 Objekte aus Deutschland überreicht haben. Vor etwa 100 Jahren kam das erste Ersuchen einer Rückgabe der Kunstwerke aus Afrika. 1972, zwölf Jahre nachdem der bevölkerungsreichste afrikanische Staat unabhängig geworden war, forderte Nigeria erstmals offiziell die Restitution der Benin-Bronzen. Seit den 90er Jahren wurde die Forderung dringlicher. „Das erste Ersuchen in den 20er Jahren blieb völlig unbeachtet“, weiß Sarah Nelly Friedland. Erst seit den späten 80er Jahren sei der Unwille der Museen, etwas aus ihrem Bestand herauszugeben, nicht mehr so heftig. Auch habe sich die Mentalität inzwischen gewandelt. Die heutige Generation sei anders sozialisiert und sensibilisierter für koloniales Raubgut als frühere.
Dass sich die Verhandlungen über die Restitution gleichwohl über Jahrzehnte hingezogen haben, ist nicht allein aus dem Sträuben der Museen zu erklären. Es handelt sich um politische Prozesse, an denen viele Institutionen und Akteure beteiligt sind. Deutschland restituiere nur an einen anderen Staat, was etliche interne wie externe Abstimmungsprozesse erfordere, wissen die beiden Experten. Eine Empfehlung der Bundesregierung zur Restitution ist auch nicht zwingend, sondern eben nur eine Empfehlung. Denn juristisch ist die Sachlage, jedenfalls, was die Objekte in den Reiss-Engelhorn-Museen betrifft, klar: Eigentümer wie auch Besitzer ist die Stadt Mannheim, denn in den 1920er Jahren sind die Objekte rechtmäßig erworben worden, andere in den 1930er Jahren während eines Ringtausches von Karlsruhe nach Mannheim gekommen. Anders als bei NS-Raubgut, dessen Herkunft aus jüdischem Besitz oftmals verschleiert worden sei, seien die Umstände, unter denen die Objekte aus dem damaligen Königreich Benin in die Hände der Engländer gefallen seien, den Käufern klar gewesen, meinen die Museumsexperten. Jamie Dau spricht daher bei der jetzigen Restitution von „historischer Verantwortung“. Sarah Nelly Friedland bringt die Rückübertragung auf die Formel: „Eigentum verpflichtet“.
Ein neues Museum in Nigeria
Für Nigeria und das nationale Geschichtsbewusstsein des Landes seien die Bronzen von großer kultureller und symbolischer Bedeutung, wissen die beiden Fachleute. Sie machten einen bedeutenden Teil des Erbes des Landes aus. Weiter kompliziert haben die Restitution aber unklare Verhältnisse in Nigeria selbst. Der frühere nigerianische Präsident Muhammadu Buhari hatte offenbar die Bronzen dem Nachfahren des Oba von Benin, des früheren Königs des untergegangenen Reiches, übereignen wollen. Sie wären dann wohl in dessen Privatmuseum im nigerianischen Bundesstaat Edo gelandet oder gar weiterverkauft worden. Dagegen erhob sich Protest.
Der neue Präsident Bola Tinubu, seit Mai 2023 im Amt, habe klare Verhältnisse geschaffen, weiß Sarah Nelly Friedland. Sie würden zwar Eigentum des Oba, aber der Öffentlichkeit im demnächst fertiggestellten Neubau des Edo Museum of West African Art, dem Nationalmuseum Nigerias, zugänglich gemacht. Eine Veräußerung sei ausgeschlossen. Hinzu kam noch, dass die Restitution Study Group in New York Besitzansprüche erhob und diese mit Verwicklungen der Benin-Bronzen in den Sklavenhandel begründete. Diese Besitzansprüche sind inzwischen vom Tisch, sagt Sarah Nelly Friedland.
Das immerhin haben die Kunstwerke, um die es im Ringen um Restitution von kolonialem Raubgut und NS-Raubgut geht, gemeinsam: An ihnen kleben Blut und viele Tränen.