Pfalzgeschichte(N)
Widerstand gegen die Nazis: der „Rote Stoßtrupp“ in Pirmasens
Das Haus in der Wasserturmstraße 1 in Pirmasens-Winzeln steht nicht mehr. Hier liefen für den pfälzischen Widerstand des „Roten Stoßtrupps“ 1933 die Fäden für die Pfalz zusammen. Von hier aus wurden andere Widerstandsgruppen wie in Ludwigshafen mit Material versorgt. Kuriere gingen ein und aus.
Es waren einfache Arbeiter und Studenten, die schon Ende 1932 die Grundlagen für eine Widerstandsgruppe legten und nach der Machtübernahme Hitlers gleich mit der Verteilung ihrer Untergrundzeitung „Der Rote Stoßtrupp“ loslegen konnten. Schriftsetzer, Schuhmacher, Hausangestellte und Hilfsarbeiter waren es in Pirmasens, die sich nicht nur um die Verteilung der Flugschriften kümmerten, sondern auch eine wichtige Schaltfunktion zwischen Exilanten und Berlin erfüllten. Weitere Ortsgruppen dürfte es in der Pfalz in Ludwigshafen, Zweibrücken und Kaiserslautern gegeben haben, zeigt sich der Berliner Politikwissenschaftler Dennis Egginger-Gonzalez überzeugt, der mit seiner Dissertation über den „Roten Stoßtrupp“ ein Standardwerk über die ansonsten eher unbekannte Widerstandsgruppe vorgelegt hat. Wobei über die Gruppen in der Pfalz, mit Ausnahme von Pirmasens, nach dem Krieg keine Unterlagen zu finden waren. Die Existenz ist nur durch Aussagen von Mitgliedern des „Roten Stabs“, der Führungsgruppe des Stoßtrupps in Berlin, belegt. Im Gegensatz zu den Pirmasensern arbeiteten die anderen pfälzischen Gruppen offenbar deutlich konspirativer.
Der Kopf: Ein Pfälzer in Berlin
Ausgangspunkt für die Gründung des „Roten Stoßtrupps“ war ein Studentenwohnheim in der Luisenstraße in Berlin. Das Wohnheim war von dem Pfälzer Karl König gegründet worden. König, der 1910 in Alsenz geboren wurde, in Zweibrücken und Landau aufwuchs und nach dem Krieg als Wirtschaftssenator in Berlin Karriere machte, versammelte in diesem Wohnheim weitere Köpfe des „Roten Stoßtrupps“ wie den Pirmasenser Arthur Schweitzer, der nach seiner Emigration als Wirtschaftswissenschaftler in den USA arbeitete.
Die Mitglieder setzten sich hauptsächlich aus Sozialdemokraten des eher linken Flügels zusammen. Dazu kamen Gewerkschafter und Mitglieder der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD), Trotzkisten und Aktivisten der Sozialistischen Studentenschaft. Die politische Richtung bezeichnete der „Rote Stoßtrupp“ selbst als „sozialdemokratisch-linkssozialistisch“, wie der Berliner Kopf der Gruppe, Rudolf Küstermeier, sich nach dem Krieg erinnerte. Wobei auf die Abgrenzung zu den Kommunisten geachtet wurde. Im linken Lager hatten viele die Kooperation der KPD mit der NSDAP nicht vergessen und kein Vertrauen mehr. Auch ging das Gerücht, dass die ganze KPD von Spitzeln der Gestapo durchsetzt gewesen sein soll.
Das Mittel für den Kampf gegen das Regime war einzig das Wort. Waffen lehnten die Widerständler ab, mit gutem Grund, wie sich nach den Verhaftungswellen im Herbst/Winter 1933 zeigte. Die Urteile gegen die Mitglieder und Führungsleute wären deutlich härter ausgefallen, wenn die Gestapo noch auf Waffen gestoßen wäre.
Geheimer Zeitungsdruck
Den mit der Machtübernahme der Nazis gleichgeschalteten Medien wollte der „Rote Stoßtrupp“ eigene Informationen entgegen setzen. Zur Vervielfältigung ihrer Texte wurde das Hektografieverfahren verwendet, das viele noch nach dem Krieg aus den Lehrerzimmern deutscher Schulen kennen könnten. Mit auf der Schreibmaschine getippten Matrizen konnte in dem kleinen Rotationsapparat auf Papier gedruckt werden. 100 Abzüge waren so möglich, bevor der Text erneut auf eine weitere Matrize getippt werden musste.
Eine Riesenarbeit muss die Produktion einer Ausgabe des „Roten Stoßtrupp“ gewesen sein, der zu seiner besten Zeit in einer Auflage von 1500 Stück vertrieben wurde. Für die Papierbeschaffung stützte sich die Gruppe auf jüdische Händler, die nicht so genau Buch führten über ihre Abnehmer. Denn gesetzlich war vorgeschrieben, dass Käufer von mehr als 2000 Blatt Papier gemeldet werden müssen. Gedruckt wurde oft in Privatwohnungen, wobei wegen des Lärms des Rotationsapparats Vorsicht geboten war. Zur besseren Papierbeschaffung wurde an die Gründung eigener Läden gedacht, die ganz offen eine Abzugsmaschine und Papier benötigten. Es kam aber aus finanziellen Gründen nur zur Einrichtung eines dieser Läden in Berlin.
Die Ortsgruppen mussten folglich oft selbst vervielfältigen. Egginger-Gonzalez geht davon aus, dass auch in Pirmasens eine Produktion aufgebaut worden war. Es gibt auch Hinweise auf eine Druckerei in Kaiserslautern. Zentrum der Pirmasenser Aktivitäten war das Elternhaus von Arthur Schweitzer in der Wasserturmstraße 1 im Pirmasenser Vorort Winzeln. Dort lebte Schweitzer mit seiner Verlobten Elfriede Zimmermann und seinen Eltern, nachdem in Berlin eine der ersten Zellen des Stoßtrupps aufgeflogen waren.
Boten aus dem Saarland oder Prag brachten Material, Geld und Informationen. In der Pirmasenser Gruppe arbeitete noch der Schuhmacher Eugen Eberhardt sowie das Ehepaar Rudolf und Leonie Bernhardt, die Kurierdienste zwischen Frankreich, dem Saargebiet und dem Deutschen Reich erledigten. Auch nachdem die Gruppe Ende 1933 aufgeflogen war, arbeitete Eberhardt weiter für sozialdemokratische Gruppen. Unter anderem gründete er einen Betrieb für orthopädische Schuhe, der ihm Reisen ins Ausland ermöglichte, was für die Organisation von Unterstützung durch Exilgruppen wichtig war.
Görings Hausmeister
Über Eberhardt war auch der Gewerkschafter Adolf Ludwig mit dem „Roten Stoßtrupp“ verbunden, wobei eine aktive Mitarbeit nicht belegbar ist. Wegen der Freundschaft zu Eberhardt war Ludwig kurzzeitig ins Visier der Gestapo geraten. Eberhardt trat nach dem Krieg wieder der SPD bei, wurde Mitglied im Pirmasenser Stadtrat. Ludwig engagierte sich als Landesvorsitzender des DGB nach dem Krieg.
Weitere Mitglieder muss es gegeben haben, diese konnten sich aber vor dem Zugriff der Gestapo durch Verbrennen von belastenden Adresslisten oder Flugschriften schützen. Elfriede Zimmermann wurde von der Gestapo erwischt und verhört. Die Verlobte Schweitzers hatte die Schriften der Widerstandsgruppe im Garten des Hauses in der Wasserturmstraße vergraben, gab die Depots aber unter dem Druck der Gestapo preis.
Die Gestapo des Jahres 1933 war noch nicht der allmächtige Apparat späterer Jahre. Ihre Mitglieder wussten um die formale Strafbarkeit ihrer Foltermethoden und wechselten sich deshalb immer ab, so dass die Gefolterten sich später nicht mehr an einzelne Personen erinnern konnten. Wie brutal sie vorgingen, zeigt der Bericht der Frau eines Gefolterten des „Roten Stoßtrupps“: „Beim Verhör schlug man ihm vier Zähne aus. Um Namen von aktiven Genossen, deren Anschriften und Abgabestellen illegalen Materials herauszubekommen, misshandelte man ihn so stark, dass beide Trommelfelle platzten. Am Hinterkopf hatte er sogar den Abdruck vom Tritt eines Schuhabsatzes.“
Umgekehrt hatte der Stoßtrupp Verbindungen zur NS-Arbeitsfront und bis in das Propaganda-Ministerium, worüber so mancher Hinweis über die Aktivitäten der Machthaber in den Widerstand floss. Über den Hausmeister im Haus Hermann Görings kam die Gruppe an weitere wichtige Informationen.
Für den Versand der Zeitungen konnte die Gruppe nicht allein auf Kuriere setzen, weshalb viel schlicht über die Post verschickt wurde, öfter in ein Exemplar des NS-Blattes „Völkischer Beobachter“ eingelegt. Das ging jedoch ins Geld, bis ein Berliner Mitarbeiter, der in einem Bezirksamt arbeitete, die Idee hatte, die Zeitung mit einem Behörden-Freistempel zu verschicken, was immerhin zehn Wochen lang gut gegangen sein soll. Mitte September 1933 ging eine Postsendung mit der aktuellen Ausgabe des „Roten Stoßtrupps“ als unzustellbar an das Bezirksamt zurück. Bei der Gestapo wurde „Großalarm“ ausgelöst.
Geld vom Pfälzer aus London
Beim Aufbau der Organisation hatte sich der „Rote Stab“ am Fünfersystem der russischen Bolschewisten orientiert, weshalb es der Gestapo nicht gelang, alle Gruppen aufzudecken. Die Teilzerschlagung der Gruppe gelang wegen deren Schlamperei mit den Regeln der Geheimhaltung. Nicht alle hatten Decknamen verwendet. Belastendes Material und sogar Adresslisten wurden nicht verschlüsselt und sogar archiviert. Egginger-Gonzalez geht davon aus, dass die Organisation von Pirmasens aus durch die Gestapo aufgerollt werden konnte. Arthur Schweitzer floh ins schweizerische Basel und setzte dort nahtlos die Widerstandsarbeit fort. Die Verteilung von Flugschriften kam ebenfalls nicht zum Erliegen. Bis 1936 wurden kleinere Auflagen weiter verteilt.
Die zweite Phase der Arbeit begann 1934 als Hilfsorganisation zur Unterstützung sozialdemokratischer Gefangener und deren Familien. Konspirative Treffen gab es weiterhin, beispielsweise am Asselstein 1934 oder nahe der Burg Fleckenstein im Elsass. Schweitzer versuchte, Gelder aus dem Auslandsvermögen der SPD oder von sozialistischen Gruppen zu bekommen. Mal gab es Geld von der SoPaDe, wie die Führung der SPD im Exil genannt wurde, mal wieder nicht. Die Quäker unterstützten die Gruppe, von jüdischen Organisationen flossen auch geringe Beträge, ebenso von katholischen und protestantischen Studentenverbänden.
Und aus Großbritannien sorgte ein weiterer Pfälzer in seinem Exil für Zuwendungen. Der aus Pirmasens stammende SPD-Reichstagsabgeordnete Karl Höltermann schickte 1934 Geld zur Unterstützung des Widerstands aus seiner Privatkasse. Auch Adolf Ludwig soll an diesem Punkt eingebunden gewesen sein, und sich über Schweitzer um Unterstützung bemüht haben. Kettenbriefe wurden vom Ausland eingeschmuggelt, die in winziger Handschrift geschrieben, von Hand zu Hand weitergereicht wurden. Sie begannen oft mit den Worten: „Lieber unbekannter Leser...“
Psychologie des Widerstands
Solidarität wurde als Waffe gegen das Regime eingesetzt, um die Genossen zu motivieren und die Verbundenheit auch weiter zu demonstrieren. Geld, Kleidung und Nahrung für die Inhaftierten wurde organisiert. Die Familien wurden unterstützt, Anwälte bezahlt, wie aus einer Auflistung der Abrechnung des Stoßtrupp-Hilfsfonds an die SoPaDe von 1934 hervorgeht. Honorare für die Verteidiger, Fahrgeldzuschuss für die Ehefrau, „Einzahlungen für Haftvergünstigungen“ sowie Unterstützung für Eltern und Kinder von Inhaftierten sind hier aufgelistet.
Zur Effektivität der Arbeit der Widerstandsgruppe bemerkt Egginger-Gonzalez, dass anfangs nur 70 bis 200 Exemplare des „Roten Stoßtrupps“ verteilt wurden. Später jedoch wurden es bis zu 1500 Stück, die wahrscheinlich von bis zu 7500 Personen gelesen wurden. Schätzungen gehen davon aus, dass wohl jeder zehnte Sozialdemokrat wenigstens einmal ein Exemplar des „Roten Stoßtrupps“ gelesen haben dürfte. Die psychologische Wirkung, zu sehen, dass es noch einen Widerstand gab, dürfte sehr groß gewesen sein. An Umsturzplänen sei die Gruppe jedoch nicht beteiligt gewesen. Zu Kreisen des Widerstands, der das Attentat vom 20. Juli 1944 organisierte, habe eine lose Verbindung bestanden.
Quellen
- Rudolf Küstermeier: „Der Rote Stoßtrupp“, Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Berlin.
- Dennis Egginger-Gonzalez: „Der Rote Stoßtrupp, eine frühe linkssozialistische Widerstandsgruppe gegen den Nationalsozialismus“, Lukas-Verlag, Berlin.