Kunst RHEINPFALZ Plus Artikel Weltrettung mit Weltschmerz: Die Biennale in Venedig

Alles wieder da: Schaulustige in den Giardini in Venedig
Alles wieder da: Schaulustige in den Giardini in Venedig

Die Biennale in Venedig ist aus dem Takt. Es ist wie immer und doch nicht. Der Krieg überschattet die Träume. Männer haben Sex mit Bäumen. Der deutsche Pavillon ist wieder bodenlos. Und die Weltkunst entdeckt eine Künstlerin aus Kaiserslautern, die selbst in der Pfalz kaum jemand kennt.

Fast ist es wie immer, wie früher, wie damals, wie sehr lange her, ewig, wie – sagen wir 2019. Alle wieder da. Das heißt, am Kai, der Riva Sette Martiti, fehlen die russischen Yachten. Sonst aber wird die Biennale von Kunstvolk bestürmt wie eh und je. Vielleicht auch, weil die neben der Kasseler Documenta wichtigste globale Kunstschau, auf der insgesamt 1433 Werke gezeigt werden, selbst aus dem Takt ist. Verschoben um ein Jahr, wegen der Pandemie. Viel Live-Erlebnis-Willen hat sich in drei Jahren angestaut. Die Welt ist sowieso komplett aus den Fugen. Die Szene überhitzt. In der La Serenissima ist es kalt wie nie – 14 Grad, bewölkt, teilweise Regen.

„The Milk of Dreams“ – die Milch der Träume – hat die künstlerische Leiterin der Biennale, die italienische New Yorkerin Cecilia Alemani, für die 2022 stattfindende Biennale 2021 ein versonnenes Motto für ihre zentrale Ausstellung mit Werken von 213 allermeistens Künstlerinnen ausgegeben. Einem Buchtitel ihrer Säulenheiligen entnommen, der britischen Phantastischen Künstlerin Leonora Carrington (1917-2011), die der eigenen Legende nach der Liebschaft ihrer Mutter mit einer Maschine entstammt.

Entdeckt: Werk, der in Kaiserslautern geborenen Künstlerin Ilse Garnier.
Entdeckt: Werk, der in Kaiserslautern geborenen Künstlerin Ilse Garnier.

Alemanis Grundidee ist von den Philosophinnen der Stunde abgeschaut, Donna Haraway und Rosi Braidotti: Wir sind ins posthumanistische Zeitalter eingetreten. Der Mensch ist nicht mehr Zentrum der Welt. Jedes Leben ist gleich viel wert. Alemani erzählt in sechs in ihre Schau integrierten, sogenannte Zeitkapseln, die unter anderem „The Witch’s Cradle“, die Wiege der Hexe, überschrieben sind, eine weibliche Kunstgeschichte, die bei der Frankfurter Naturforscherin Maria Sibylla Merian (1647-1717) anfängt. Und drumherum feiert sie die Kunst als universelles, verzauberndes, selig machendes Heilsversprechen.

Die Pfälzer Poetin

So viel Zartbesaitung und Innerlichkeit, Surrealismus und kosmische Strömung, Schönheit und Humusboden wie in Alemanis Hauptausstellung gab es jedenfalls selten bis nie. Kaum je lässt es sich so wohlfühlen wie zwischen den vielen bis zum Kitschrand träumerischen Gegenentwürfen zur kalten Gegenwart und Moderne. Kaum je wurde bei einer Biennale so viel Gemaltes gezeigt. Zu schweigen von surfenden Fischen und Giraffen, die ein übergroßes Modell eines von Krebs befallenen Mannesgemächts hinter sich herziehen. Oder von den nackten Männern, die auf einem Video des Chinesen Zheng Bo stöhnend sexuell auf das unausgesprochene Begehren der Bäume reagieren.

Auch, dass mit der konkreten Poetin Ilse Garnier, 1927 als Ilse Göttel geboren, gestorben 2020 im französischen Saisseval, eine Künstlerin aus Kaiserslautern bei einer Weltausstellung als Klassikerin gefeiert wird, kommt ja so gut wie nie vor. Die in Mainz und der Pariser Sorbonne studierte Sprachwissenschaftlerin war eine Vertreterin der sogenannten Spatialen Poesie. Einer experimentellen Dichtung. Behutsam erkundete die Autorin, Künstlerin und Übersetzerin – die wohl kaum jemand in der Pfalz kennt –, was sie umgab. „Im Grase ausgestreckt“ las sie „die Bücher des Himmels“. Auf den 46 von ihr ausgestellten weiblichen Porträts sind Wellenlinien, Tangenten, Kreise mit Schrift verschränkt. „Corps amour“ steht auf einem Blatt, die Wörter Körper und Liebe von einem Halbkreisbogen durchzogen. Ilse Garnier wollte sich „immer unbedingter Tiefe aussetzen“, „glühen“, wie sie einmal schrieb. Der Welt sollten nur ja keine Verletzungen zugeführt werden.

Und jetzt toben bei allem Regionalstolz, aller Liebe und „Verschwesterung“ zwischen allem und jedem, Mensch und Technik, Natur und Kunst, Macht und Magie – der Tod und der Krieg. Russland gegen den guten Rest. Wie Mehltau legt sich Weltschmerz über den offiziellen venezianischen Weltrettungsoptimismus und bringt dessen Verletzlichkeit zum Vorschein.

Bin Bürger, kein Künstler: Der ukrainische Künstler Pavlo Makov vor seinem Werk.
Bin Bürger, kein Künstler: Der ukrainische Künstler Pavlo Makov vor seinem Werk.

Im Arsenale, einer ehemaligen Werft, eine der beiden Hauptbühnen der Biennale, die teilweise noch militärisch genutzt wird, jedenfalls redet sich Pavlo Makov in Rage. Um die Situation zu beschreiben, würgt er sich selbst. Dem Künstler ist mit seiner 92-jährigen Mutter im Auto die Flucht aus Charkiw gelungen. Sein Werk, eine Pyramide aus Trichtern, aus denen es von oben nach unten schwächer werdend tröpfelt, kam auf verschlungenen Wegen hierher. Makov sagt, es symbolisiere die Erschöpfung der Demokratie.

Der ukrainische Pavillon

Fast wie der ukrainische Botschafter Andri Melnyk hört sich der angegriffene Mann an. Er beklagt das deutsche Großversagen. Er verstehe sich jetzt nur noch als Bürger, nicht als Künstler, spricht er in die Mikros, die ihm entgegengehalten werden. Er sagt, er wolle, was er an Kunstverkäufen möglicherweise verdient, in Waffen für die kämpfende Truppe in seinem Heimatland investieren. Derweil ist im Zentrum der Giardini, der Gärten, dort wo sich 28 der 80 insgesamt bei der Biennale vertretenen Nationen in ihren festen Häusern präsentieren, ein Holzgerüst installiert: Der provisorische ukrainische Pavillon ist auf den letzten Drücker fertig geworden. Sandsäcke stapeln sich auf dem Gerüst zum Berg, als gelte es wie in Lwiw, Kiew oder Odessa, Denkmäler zu schützen. Auf dem Mulch rund um das Mahnmal ist Platz für Kunstwerke ukrainischer Künstlerinnen und Künstler, die zwangsweise abwesend sind. Der russische Pavillon dagegen, unweit auf einem der Hauptlaufwege gelegen, von Sicherheitspersonal bewacht, ist aus freien Stücken brüllend leer geblieben.

Der Künstler Kirill Savchenkov und die Künstlerin Alexandra Sukhareva, eine gebürtige Russin, haben abgesagt. Auch der litauische Kurator Raimundas Malasauskas wollte angesichts des Krieges nicht mehr antreten. „Es gibt keinen Platz für Kunst, wenn Zivilisten unter dem Beschuss von Raketen sterben“, hat Sukhareva auf Facebook geschrieben. In Venedig herrscht darüber naturgemäß null Konsens. Im Gegenteil: Es herrscht das übliche, wilde, nationalrepräsentative Chaos.

Verwaist: der russische Pavillon,
Verwaist: der russische Pavillon,

Krawalliger Krach samt Bildergewitter bei den Australiern. Bei den Dänen hängt ein toter Kentaur, halb Mensch, halb Schnecke von der Decke. Bei den Briten fühlt es sich wie in einem Tonstudio an. Bei den Österreichern wie in den 1970ern, dort darf sich das queere Künstlerpaar Jakob Lena Knebl und Ashley Hans Scheirl in einer poppig-schrillen Total- und Selbstinstallation austoben. Überhaupt geht es oft um Identitätsfragen. Woher jemand kommt, wie er ist und fühlt, und was das bedeutet.

Die Löwen-Favoritin

Im nordischen Pavillon etwa ist Kunst der Sámi eingezogen, der indigenen Bevölkerungsgruppe aus dem Norden Skandinaviens. Im griechischen Pavillon schaut man mit VR-Brille „Ödipus auf der Suche nach Kolonos“ zu, Loukia Alvanous Reinszenierung des antiken Stoffs mit Roma-Laiendarstellern, die auf dem einstigen heiligen Hügel Kolonos in einer Barackenstadt leben. Das US-Haus ist mit einem Strohdach überbaut und erinnert an den Pavillon von Belgisch-Congo, der auf der Pariser Weltausstellung 1931 stand. Präsidiert wird das Ganze aufsehenerregend von einer der kraftvollen, stilisierten, durchgängig augenlosen Porträtskulpturen der schwarzen US-Künstlerin Simone Leigh, von denen auch in der „Milch der Träume“-Schau zwei massiv imponieren. Der Kopf der Arbeit erinnert an ein Satellitenschüssel auf Empfang. Die 55-jährige Chicagoerin Leigh dürfte zu den Favoritinnen für den Goldenen Löwen als beste Biennale-Künstlerin gehören. Als ähnlich preiswürdig gilt der italienische Pavillon, vor dem eine sehr lange Menschenschlange wartet.

Wer endlich reinkommt, trifft auf Industrie- und Werkshallen, in denen Förderbänder stillstehen und Plastikrohre von der Decke hängen. Aus verlassenen Wohnräumen führt ein Steg ins Wasser, Glühwürmchen blinken in der Ferne. Ein wenig erinnert das an Gregor Schneiders Totalinstallation seines von Reydt nach Venedig versetzten Hauses „Ur“, mit dem er 2001 den deutschen Pavillon verschwinden ließ und den Goldenen Löwen gewann. Die 59-jährige Bamberger Konzeptkünstlerin Maria Eichhorn, die Germany dieses Mal vertritt, hatte eine ähnlich spektakuläre erste Idee.

Gestrandeter Kentaur zwischen Seegras: der dänische Pavillon.
Gestrandeter Kentaur zwischen Seegras: der dänische Pavillon.

Eingeladen von Yilmaz Dziewior, dem Direktor des Kölner Museums Ludwig, wollte sie den 1938 Nazi-mäßig erweiterten und „verschönten“ Pavillon komplett dekonstruieren, für die Zeit der Biennale verschiffen und wiederaufbauen lassen. Die Künstlerschaft tut sich historisch schwer mit der architektonischen Erblast, die italienischen Denkmalschutz genießt. Und Eichhorn steht für eine künstlerische Position, die sich wie kaum eine andere mit der deutschen Geschichte beschäftigt. Zwei Angebote für den Transport, Volumen 1500 Tonnen, hatte Eichhorn schon eingeholt. Dann wurde das große sinnbildliche Gebäuderücken doch nicht realisiert. So ist, was jetzt im leeren Pavillon unter dem Motto „Relocating a Structure“ zu erleben ist, ein nicht so origineller Plan-B.

1993 ließ Hans Haacke für seinen Beitrag den Travertinboden des Hauses aufreißen. Die deutsche Geschichte, ein Trümmerfeld. Maria Eichhorn indes hat jetzt die unter dem Boden liegenden Grundmauern freilegen lassen. Der Putz an den Wänden ist teilweise weg und zeigt dadurch, welche einschüchternde Erweiterungen Hitler gegenüber dem ursprünglichen bayerischen Pavillon aus dem Jahr 1909 vornehmen ließ. Eine tiefschürfende Arbeit für den zweiten Blick.

Eichhorn ist wie eine Archäologin vorgegangen. Viel Stoff hat sie zudem in ein Katalogbuch transportiert, das alles, was das Bauwerk betrifft, abschließend verhandelt und nebenbei offenlegt, wie die Biennale, die Immobilienwirtschaft und der Bevölkerungsrückgang in der Venedig zusammenhängen. Dazu hat Eichhorn Stadt-Führungen zu Schauplätzen des Holocausts und Orten des Widerstands gegen das faschistische Deutsche Reich organisiert.

Ein Mahnmal

Auch Denkmäler werden angesteuert. Eins davon ist unweit am Vaporetto-Halt Giardini zu finden. Augusto Murers Skulptur einer leblosen Frau mit gefesselten Händen. Sie liegt ausgestreckt auf einem Sockel. Eine Erinnerung daran, dass die Nazis und ihre Verbündeten die Leichen ermordeter Partisaninnen zur Abschreckung im Kanal treiben ließen. Ein Mahnmal. Ursprünglich war gedacht, dass es nie ganz im Wasser verschwinden soll. Mittlerweile wird es immer öfter überspült. Eine Erinnerung jetzt auch an den Klimawandel, eine andere Geschichte. Daran, dass auch die Stadt der Träume selbst irgendwann untergeht.

Die Ausstellung

Bis 27. November. Info: labiennale.org

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