Pfalzgeschichte(N)
Weltoffen verwurzelt: Erinnerung an Otto Ditscher
„Er ist ein Künstler von hohem Wollen und großem Können, unermüdlich und ernsthaft bemüht, die Welt einzufangen und ihr sein Gepräge zu geben oder aber seine inneren Vorstellungen in adäquate Formen umzusetzen“, schrieb sein Pfälzer Landsmann Karl Schultz über den 1903 Neuhofen in der Rheinebene geborenen Maler Otto Ditscher. In sieben Jahrzehnten künstlerischen Schaffens – von den 1920er-Jahren bis zu seinem Tod 1987 – malte Otto Ditscher die Pfalz und die Welt.
Der Sohn des Zigarrenmachers
Seine Inspiration bezog er aus der pfälzischen Landschaft, aber auch auf seinen vielen Reisen, die ihn in die verschiedenen Länder Europas, nach Afrika und nach Amerika führten. Er setzte diese Inspiration um in ein stilistisch höchst reichhaltiges qualitätvolles Werk, das von den impressionistischen Anfängen bis zur Auflösung der Formen reicht. Wie seinen großen Vorgängern Max Slevogt, Albert Haueisen oder Hans Purrmann gelang es dem zeitlebens weltoffenen Künstler, dessen Name heute nicht in der vordersten Reihe der Kunstgeschichte zu finden ist, mit seiner Malerei die Pfalz von ihrem provinziellen Anstrich zu befreien.
Verortet war Otto Ditscher in Neuhofen, wo er als Sohn eines selbstständigen Zigarrenmachers zur Welt kam und wo er lange Zeit seines Lebens, wenn ihn seine künstlerische Neugier nicht gerade hinaus in die Welt trieb, ansässig war. Im kurz vor dem Zweiten Weltkrieg noch erbauten Atelierhaus setzte er die Impressionen aus nah und fern in Gemälde, Zeichnungen, Holzschnitte oder Collagen um, in denen er als Künstler die Welt in seiner individuellen Handschrift neu entstehen ließ. Eine Handschrift, die im Laufe seines Malerlebens höchst unterschiedliche Ausprägungen annahm.
Anfänge als „Schirmhalter“
Obwohl die Eltern den künstlerischen Interessen des Sohnes Verständnis entgegenbrachten, sollte der 1917 erst einmal eine solide handwerkliche Lehre beim Malermeister Schifferdecker in Ludwigshafen machen. Dessen Sohn, der Maler Heinz Schifferdecker, der sein Atelier im Mannheimer Schloss hatte, war es gewesen, der Otto Ditscher wohl den ersten Kontakt zur Kunst ermöglichte. Denn Schifferdecker malte nach 1910 oft „en plein air“ in und um Neuhofen. Bei einer dieser Gelegenheiten sprach er den 10-jährigen Otto an, ob dieser ihm nicht den Malerschirm halten wolle, der ihm eine blendungsfreie Sicht ermöglichte. Während der Lehre nahm Otto Ditscher dann auch Malstunden bei Schifferdecker, den er zeitlebens sehr schätzte und dessen Malerschirm und Farbenkasten nach dem frühen Tod Schifferdeckers 1924 als „Reliquien“ in seinen Besitz übergingen.
Sein künstlerisches Rüstzeug holte sich Otto Ditscher als Student dann bei Meistern ihres Faches, bei Max Mayrshofer, dem Vertreter einer reinen Malerei („bonne peinture“), der das Spiel der Farben und des Lichtes propagierte, und bei Adolf Schinnerer, dem Zeichner, der die Linie als gestaltendes Element feierte, von 1922 bis 1925 an der Münchner Akademie. Von 1927 bis 1929 dann an der Akademie in Karlsruhe bei August Babberger, der aus dem Erleben der Natur elementare Gestaltungen schöpfte, sowie bei Karl Hubbuch, dessen Hunger nach Wirklichkeit gesellschafts- und sozialkritische, durch das Zeichnerische charakterisierte Werke hervorbrachte. Auch wenn ihre Namen teilweise heute nicht mehr zum schmalen Kanon der immer wieder Genannten gehören, waren diese Maler alle Meister ihres Faches, bei denen Ditscher eine solide Ausbildung erhielt.
Dorfstraßen und Boulevards
Es war die Natur, oder allgemeiner ausgedrückt, die äußere Welt, die Otto Ditscher zeitlebens zu seinen Bildkompositionen anregte. Es konnten die Landschaften der Rheinebene oder der sie begrenzenden Höhenzüge sein, es konnte eine kleine Dorfstraße oder ein breiter Boulevard in Paris sein, es konnten die Industrielandschaft Ludwigshafens, das Kolosseum in Rom, Wolkenkratzer in New York oder die Akropolis in Athen sein, die ihm den Impuls zum künstlerischen Schaffen lieferten. Über die Quellen seiner Kunst und seine Arbeitsweise sagte Otto Ditscher einmal: „Meine Bilder entstammen meiner inneren Beziehung zur Natur, zur Landschaft, zur Jahreszeit. Sie entsprechen meiner Anschauung von der Welt, werden aber gewissermaßen in einen imaginären Raum gerückt. Es geht mir um die Spannung, die sich im Zusammenprall der äußeren und inneren Wirklichkeit selbst erzeugt. Raum und Zeit möchte ich zu einem Geflecht vielfältiger Spiegelungen verweben. Meine Bilder sind nicht vorher festgelegt. Sie verwandeln sich unter der Arbeit, die Bildanstöße kommen von außen und innen. Ein Stück Himmel, eine Form, eine Bewegung, eine Idee, eine Stimmung! Ich muß sie benützen, solange sie eine starke Wirkung auf mich haben.“
Zum Künstler machte Otto Ditscher seine Begabung, seine Eindrücke in seinen höchst individuellen Bild- und Formenkosmos zu übersetzen sowie die Beherrschung einer breiten Palette künstlerischer Mittel, um seinem Werk Ausdruck zu geben. Eine Reise durch Otto Ditschers Werk ist auch ein Gang durch die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts. Seine frühen Landschaften und Porträts der 1920er und 1930er Jahre sind von einem individuell geprägten Spätimpressionismus gekennzeichnet, ehe sich mit Beginn der 1940er Jahre auch expressionistische Malweisen in seien Arbeiten zu erkennen geben. Mit Ende des Krieges wandelte sich – auch durch die Rezeption der internationalen Tendenzen der Kunst, von denen Deutschland während der Zeit des Dritten Reiches abgeschnitten war – allmählich sein Stil.
Die Gegenständlichkeit löste er zugunsten einer abstrahierenden Darstellung immer weiter auf, bis er schließlich zur abstrakten Malerei gelangte, in deren Feld er vielfältig im Ausdruck und im Material experimentierte. Immer wieder aber sprang er zwischen den genannten Malweisen, erfand und erprobte sich in Ihnen wieder neu, wie es ihm eben, so Wilhelm Fensterer in einem Aufsatz, „in den Sinn kommt – wie es dem Thema adäquat erscheint – wie es die Intuition verlangt.“
Nach Ende seines Studiums folgte für Otto Ditscher Anfang der 30er-Jahre eine fruchtbare Zeit der Zusammenarbeit mit dem Galeristen Ernst Buck in Mannheim, der ihm in seiner Galerie nicht nur ein Atelier einrichtete, sondern seine Arbeiten regelmäßig mit den Bildern so großer Namen wie Hans Thoma, Wilhelm Trübner oder Karl Hofer präsentierte.
Mit dem Machtantritt der Nationalsozialisten 1933 bekam auch Otto Ditscher deren parteiisch geprägte Kunstanschauung zu spüren: Sein 1932/33 entstandenes großformatiges Ölgemälde „Arbeiter“ wurde heftig kritisiert, nachdem es 1936 in der Schau „Kunstschaffen der Westmark“ in Kaiserslautern zunächst gezeigt und dann entfernt worden war. Zu unheroisch und ganz ohne Pathos kamen die drei darauf gezeigten Männer daher, nicht überhöht dargestellt – sondern vielmehr von den Mühen der Arbeit gezeichnet.
Ein Maler im Krieg
Dass Otto Ditscher der Ideologie der Nazis nicht verfiel, zeigen dann auch seine als Soldat in den Kriegsgebieten entstandenen Arbeiten, bei denen kein Heroismus, sondern immer die sachliche Darstellung von Schicksal, Schmerz, Not und Zerstörung im Mittelpunkt stehen. Als die mit Ditscher befreundete Heidelberger Malerkollegin Senta Geißler und ihr Mann 1942 ins Visier der Nazis gerieten, zogen sie sich in eine durch Ditscher vermittelte Wohnung ins dörfliche Neuhofen zurück.
Nach Kriegsende konnte Otto Ditscher in sein nahezu unversehrtes Atelier in Neuhofen zurückkehren. Den internationalen Kunsttendenzen folgend, die er zeitlebens aufgeschlossen beobachtete, wandelte sich der Stil seiner Werke. Er beschäftigte sich weiter mit der heimatlichen Landschaft, wobei sich aber eine immer freiere Behandlung des Gegenständlichen zeigte. Mehr und mehr reduzierte er das Gesehene zu Grundformen und setzte auf reine Flächenwirkungen, die immer stärker in die Abstraktion drängten, bis er schließlich die Formen völlig auflöste. Der Ludwigshafener Künstlerkollege Rudolf Scharpf umriss das Werk seines 1987 verstorbenen Kollegen zusammenfassend: „Beides steht nebeneinander, Freies und Gebundenes, sich gegenseitig ergänzend durchdringend. Welt einbringend in den Umkreis und den Umkreis verschenkend an die Welt.“
Der „Otto Ditscher-Preis für Buchillustration“
Wie kaum ein anderer Künstler hat Otto Ditscher eine besonders intensive Beziehung zu der Region aufgebaut und erhalten, in der er geboren wurde und in der er einen großen Teil seines Lebens verbracht hat. Zu seinem umfangreichen künstlerischen Schaffen gehörte nicht nur die Malerei, sondern auch die Beschäftigung mit der Illustration literarischer Texte. Beides zusammen veranlasste den Rhein-Pfalz-Kreis 1978, eine Auszeichnung nach Otto Ditscher zu benennen, die dieser Sparte künstlerischen Arbeitens gewidmet ist: Der „Otto Ditscher-Preis für Buchillustration“ wird alle vier Jahre vergeben und ist einer von nur wenigen Kunstpreisen in Deutschland, die dezidiert für Buchillustration ausgeschrieben werden.
Unter den Preisträgern des Otto Ditscher-Preises, dessen Hauptpreis mit 7500 Euro dotiert ist und zu dem es auch einen mit 1500 Euro ausgestatteten Förderpreis für Künstler und Künstlerinnen unter 40 Jahren gibt, gehörten in den vergangenen Jahrzehnten renommierte Vertreter der Grafik und Buchkunst in Deutschland wie Ulrich Hachulla, Susanne Theumer oder Claudia Berg.
Auch in diesem Jahr wird die Auszeichnung wieder vergeben: Sie geht an den in Berlin lebenden Künstler Klaus Zolondowski. Eine zehnköpfige Jury sprach Zolondowski die Auszeichnung für seine Tuschezeichnungen zu Patrick Süskinds Roman „Das Parfum“ zu. Dem Künstler, so die Jury, sei es „gelungen, den vielschichtigen Roman in einer stilistisch geschlossenen Form mit seinen technisch versierten und stimmungsvollen Zeichnungen zu durchdringen.“
Da die Jury unter den 68 Einsendungen keinen Kandidaten zu ermitteln vermochte, der den Anforderungen des für unter 40-jährige Kunstschaffende bestimmten Otto Ditscher-Förderpreises entsprach, entschloss sie sich einstimmig, diesen Preis 2021 altersunabhängig als Anerkennungspreis zu verleihen. Er geht an die Künstlerin Uta Clemens aus Haar für ihre Illustrationen des Textes „Die Vegetarierin“ der koreanischen Autorin Han Kang. „Mit sensiblem, facettenreichem Strich“, so die Jury „gelingt es der Künstlerin, der kafkaesken Geschichte über Scham und Begierde, Macht und Obsession durch ihre in einer Mischtechnik von druckgrafischen und gezeichneten Linien gehaltenen Grafiken in eigenständiger Manier gerecht zu werden.“
Termin
Die Preisverleihung findet am 10. Oktober um 10.30 Uhr im Schloss Kleinniedesheim statt. Dort werden auch die Arbeiten der beiden Preisträger bis 31. Oktober ausgestellt, geöffnet sonntags von 13-17 Uhr.