Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel „Wahrscheinlich war ich wahnsinnig“

„Schenken Sie Ihre Sammlung doch uns, wir bauen ein Museum dafür“: Hack-Museum.
»Schenken Sie Ihre Sammlung doch uns, wir bauen ein Museum dafür«: Hack-Museum. ArchivFoto: Kunz

Interview: Mit Manfred Fath, Gründungsdirektor des Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museums, das am Wochenende sein 40. Jubiläum feiert. Darüber, wie er dem Sammler Hack ein Museum versprach, einfach so. Wie Georg Kreisler Tauben vergiftete, ein Floß Fath von Ludwigshafen wegtrieb, wie er seinen Nachfolger findet und was ihn an Oberbürgermeisterin Jutta Steinruck stört.

War das Museum ihre Idee?
(Seufzt lange) Ja.

Wie kam es dazu?
Wahrscheinlich war ich wahnsinnig.

Das müssen Sie erklären.
Ich war bei der Stadt zuständig für die Kunstsammlung – mit dem albernen Titel Kunstrat. Bei einer Ausstellungseröffnung von Erwin Bechthold habe ich dann den Wilhelm Hack kennengelernt. Er war mir aufgefallen. Er wirkte so anders. Wer ist das, dachte ich. Und habe nachgefragt. Es hieß: Der Sammler aus Köln. Ich hatte nie etwas von ihm gehört. Aber wir kamen doch ins Gespräch. Er zählte mit, dass er eine Kunstsammlung besitze. Sie werde gerade im Kunstverein in Düsseldorf ausgestellt. Das war 1969 oder 1970. Es kam dann im Gespräch heraus, dass Hack die Absicht hatte, seine Sammlung zu stiften. Ohne an irgendwelche Konsequenzen zu denken, habe ich ihm vorgeschlagen, sie nach Ludwigshafen zu geben. „Schenken Sie ihre Sammlung doch uns“, habe ich gesagt, „wir bauen ein Museum dafür“.

Einfach so. Ohne Rückendeckung haben Sie das vorgeschlagen? Hoch gepokert.
Ja, ohne Rückendeckung, ohne an die Konsequenzen zu denken. Die Sammlung habe ich mir erst später angeguckt. Ich war fasziniert. Es war seine sehr qualitätvolle Sammlung, besonders die Werke aus dem 20. Jahrhundert. Ich dachte, wenn wir die wirklich kriegen können und das mit der Sammlung zusammenbringen, die die Stadt schon gekauft hat, wäre das ein wunderbarer Grundstock für ein Museum. Wie gesagt, wahrscheinlich war ich wahnsinnig. Ich habe dann jedenfalls versucht, die Museumsidee, wie sagt man heute, zu kommunizieren.

Und?
Die Leute haben mich ausgelacht. Ich denke, sie haben mich für einen durchgedrehten Spinner gehalten. Auch der damalige Kulturdezernent schaute mich verständnislos an.

Warum eigentlich?
Es war ja so, dass damals gerade der Pfalzbau gebaut worden war. Und schon der war sehr umstritten. Jetzt also ein Museum. Der Dezernent hielt es für unmöglich, dass es entsteht. Aber er sagte: Probieren Sie es. 1971 dann schenkte Wilhelm Hack seine Sammlung, die Stadt nahm an und verpflichtete sich, ein Museum zu bauen.

Aber wie ging das? Eben noch war das Museum unmöglich. Und dann das.
Ich hatte Verbündete. Und ich hatte großes Glück. Der Erste, der meinte, das wäre toll, würde es gelingen, ein Museum zu bekommen, war der damalige CDU-Stadtrat und spätere IHK-Präsident, Hans-Jörg Demuth, ein Geschäftsmann. Er hat sich sehr engagiert. Auch die Mutter von Ex-Oberbürgermeisterin Eva Lohse, Hilde Müller-Tamm, hat sich für das Museum eingesetzt. Zunächst waren allerdings erst einmal andere Standorte im Gespräch. Das alte Sparkassengebäude in der Ludwigstraße etwa. Aber es erwies sich als ungeeignet. Dann wollte man die Sammlung im Rathaus unterbringen, dort, wo heute das Stadtmuseum ist. Aber das ging auch nicht. Es gab dann hefige Diskussionen um einen Neubau. An der Stelle, wo das Museum jetzt steht, gab es ja auch einen so schönen Parkplatz. In Ihrem Archiv können Sie das alles nachlesen.

Das heißt, die Ludwigshafener waren nicht begeistert?
So generell kann man das nicht sagen. Ich hatte aber auch großes Glück. Es wurde beschlossen, ein Museum zu bauen, aber nur, wenn es nicht mehr als 12 Millionen Mark kostet, zu je einem Drittel finanziert von der Stadt, vom Land und aus Spenden. Und dann das große Glück. Der Vorstandsvorsitzende von Knoll Pharma kam eines Tages und spendete für sein Unternehmen 500.000 Mark für den Neubau. Die BASF, daraufhin etwas in Zugzwang, gab eine Million dazu. Ein weiterer Großspender 250.000 Mark. Jedenfalls hatten wir durch die drei Großspenden schon einen Großteil des geforderten Spendenbeitrags zusammen. Der Rest kam aus der Bevölkerung. Teilweise spendeten die Leute fünf Mark, aber sie spendeten. Ich hätte das nie geglaubt. Es heißt doch immer, in Ludwigshafen gäbe es gar keine Bürgerschaft.

Und plötzlich waren Sie Gründungsdirektor eines Museums, das Ihre Idee war. Stolz gewesen?
(Stille) Ich war jahrelang herumgelaufen und hatte allen erzählt, ohne Museum könne man ja gar nicht leben. Jetzt musste ich es beweisen. Damals wurde ja heftig über die Zukunft der Museen diskutiert. Ein entscheidender Mann war der Frankfurter Kulturdezernent Hilmar Hoffmann mit seiner Forderung, Kultur müsse für alle da sein. Mir schwebte ein offenes Haus vor. Ich nannte das multifunktionales Museum.

Und das bedeutet?
Wir machten von Anfang ein breit gefächertes Programm. Ich habe eine Paul-Klee-Ausstellung gezeigt, Eugene Ionescu, der bedeutende französische Dramatiker hielt bei einem anderen Anlass eine Eröffnungsrede. Aber wir veranstalteten auch Kabarett-Abende, dann spielten Georg Kreisler und Hanns Dieter Hüsch. Das Haus war voll. Von Günter Krall (ehemaliger stellvertretender Chefredakteur der RHEINPFALZ, Anm. der Redaktion) organisiert, lief eine Reihe mit Autorenlesungen im Museum. Alles was damals in der deutschen Literatur für wichtig gehalten wurde, trat auf. Leute wie Walser oder der damals schon gebrechliche Lyriker Karl Krolow, den Krall mit dem Auto in Darmstadt abholte. Die Pfälzer Musikgesellschaft hat Konzerte veranstaltet. Der Chefarzt des Städtischen Klinikums, Helmut Gillmann, schenkte uns einen Boesendorfer Flügel. Und die Ludwigshafener sind sehr offen mit dem Museum umgegangen.

Hört sich nach einer guten Zeit an. Allerdings sind Sie schon nach drei Jahren an die Kunsthalle gewechselt. Und im Nachhinein haben Sie davon gesprochen, dass das Ihre beste Zeit gewesen sei, weil sie dort große Freiheiten genossen hätten. Anders als in Ludwigshafen?
Ja. Wissen Sie, ich war damals sehr anfällig für zeitgenössische Kunst, mittlerweile sagt mir vieles nichts mehr, was aber bestimmt an meinem hohen Alter liegt. Jedenfalls schickte mir damals der Münchner Künstler Hanns Jörg Voth immer seine Kataloge. Ich bedankte mich jedes Mal. Voth machte Interventionen, umwickelte Bäume mit Säcken, so was. Ich fand das toll. Eines Tages rief er an. Er hätte die Idee ein 25 Meter langes Floß zu bauen, darauf eine 20 Meter lange liegende Figur aus Stroh mit einer Blei-Maske. Eine Art Katafalk. Das Objekt sollte von Ludwigshafen aus den Rhein entlang treiben und dann verbrannt werden. So, wie die Wikinger das mit ihren Toten machen. Ob ich ihm helfen könne? Ich wollte unbedingt. Wir holten die Genehmigung beim Schifffahrtsamt ein, ich organisierte Bäume aus dem Schwarzwald, Flößer von der Isar, Speyerer Pioniere der Bundeswehr bauten das Ding auf dem Otterstadter Altrhein, was viel Ärger gab. Drei Tage lang ging das Kunst-Floß in Ludwigshafen vor Anker. Die Leute haben vielleicht geschaut. Ich war euphorisch. Strahlend berichtete ich meinem Dezernenten davon. Er nannte mich übergeschnappt und untersagte mir eine weitere Beteiligung an der Aktion. Was mir natürlich egal war. Er schickte mir eine Abmahnung. Ich stand kurz vor der Kündigung. Damals war mir schon klar, dass ich hier weg musste.

Und heute. Sind Sie dem Museum noch verbunden, das Ihnen so viel verdankt?
Immer, wenn es mir möglich ist, gehe ich zu den Ausstellungseröffnungen. Aber ich setze mich in die letzte Reihe. Einmal im Jahr lade ich die Führungsmannschaft zum Essen ein. Ich finde mein Nachfolger Rene Zechlin macht das sehr gut. Darf ich noch etwas zu der Jubiläumsveranstaltung sagen?

Nur zu?
Was ist eigentlich von einer Oberbürgermeisterin zu halten, die es wie Frau Steinruck nicht für notwendig hält, zu der Veranstaltung zu kommen und etwas zu dem Engagement der Bürger zu sagen, die bei der Gründung ein Drittel der Kosten für das Museum aufgebracht haben und sich zu Hunderten im Förderverein engagieren? Ich würde das als eine Selbstverständlichkeit empfinden. Sie offenbar nicht.

Zur Person

Manfred Fath, Prof. Dr., ein Ludwigshafen-Hemshofer, 1938 geboren, war 1979 Gründungsdirektor des Ludwigshafener Wilhelm-Hack-Museums, das er sozusagen erfand. 1982 wechselte er an die Kunsthalle nach Mannheim, wo er zunächst Co- dann alleiniger Direktor war. 2003 ging er in Rente.

Info

Zum Jubiläum zeigt das Hack-Museum die Ausstellung „Darf ich Dir meine Sammlung zeigen? 40 Jahre – 40 Meisterwerke zu Gast“. Sie läuft bis zum 26. Januar 2020. Außerdem finden von Freitag bis Sonntag zahlreiche Veranstaltungen statt. Programm: www.wilhelmhack.museum.de

„Die Leute haben mich ausgelacht. Ich denke, sie haben mich für einen durchgedrehten Spinner gehalten“: Manfred Fath zu seiner I
»Die Leute haben mich ausgelacht. Ich denke, sie haben mich für einen durchgedrehten Spinner gehalten«: Manfred Fath zu seiner Idee, in Ludwigshafen ein Museum zu bauen. Foto: Kunz
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