Kultur „Wahr ist, was uns verbindet“

Plädierten für europäische Solidarität als Antwort auf zunehmenden Nationalismus: die Friedenspreisträger Jan und Aleida Assmann
Plädierten für europäische Solidarität als Antwort auf zunehmenden Nationalismus: die Friedenspreisträger Jan und Aleida Assmann.

„Dieser Preis ist für uns ein Ehrenbürgerbrief in der Res publica literaria, dem Heimatland, das keine Grenzen kennt“, sagten die Kulturwissenschaftler Aleida und Jan Assmann gestern in ihrer Dankesrede, nachdem ihnen in Frankfurt der Friedenspreis des deutschen Buchhandels für ihr Lebenswerk verliehen worden war.

Mit dem Satz „wahr ist, was uns verbindet“ schlossen sie ihre gemeinsame Dankesrede in der Paulskirche. Die Bedeutung von Meinungsvielfalt war ein Hauptthema, die Geisteswissenschaftler betonten aber: „Es stimmt, dass Demokratien durch Streit und Debatten gestärkt werden, aber auch in ihnen steht nicht alles zur Disposition. Es muss unstrittige Überzeugungen und einen Grundkonsens geben wie die Verfassung, die Gewaltenteilung, die Unabhängigkeit des Rechts und die Menschenrechte. Nicht jede Gegenstimme verdient Respekt. Sie verliert diesen Respekt, wenn sie darauf zielt, die Grundlagen für Meinungsvielfalt zu untergraben. Demokratie lebt nicht vom Streit, sondern vom Argument.“ Dennoch strahlten die seit 50 Jahren miteinander verheirateten Forscher Zuversicht aus. Sie sprachen von durchlässigen kulturellen Grenzen, den wichtigen „Errungenschaften Wahrheit, Glaubwürdigkeit und Verantwortlichkeit“ und stellten drei Integrations- und Bildungsprojekte vor, an die sie ihre 25.000 Euro Preisgeld spenden wollen. Die 71-jährige Anglistin Aleida Assmann ist Expertin für Erinnerungskultur. Jan Assmann war von 1976 bis 2003 Professor für Ägyptologie an der Universität Heidelberg und setzte sich 2016 in seinem Buch „Totale Religion“ mit aktuellen Diskussion über das Gewaltpotential monotheistisch geprägter Gesellschaften auseinander. Ein Schlüsselbegriff in beider Wirken ist das „Kulturelle Gedächtnis“ und die Frage, welche Faktoren zu Identitätsbildung von Kulturen beitragen. Jan Assmann habe mit seinen Schriften zum Zusammenhang von Religion und Gewalt sowie zur Genese von Intoleranz und absolutem Wahrheitsanspruch einen unverzichtbaren Beitrag zum Verständnis der Friedensbereitschaft der Religionen geleistet, begründet der Stiftungsrat die Ehrung. Aleida Assmann greife „die immer wieder neu virulenten Themen von Geschichtsvergessenheit und Erinnerungskultur auf. Sie zeigt, dass ein offener und ehrlicher Umgang mit der Vergangenheit grundlegende Bedingung für ein friedliches Miteinander ist.“ Weiter heißt es in der Begründung ihrer Würdigung: „Angesichts einer wachsenden politischen Instrumentalisierung der jüngeren deutschen Geschichte leistet sie in hohem Maße Aufklärung zu Fragen eines kulturellen Gedächtnisses einer Nation.“ Von einer „spannungsvollen, komplementären Einheit“ ihres „zweistimmigen Werks“ ist weiter die Rede in der Preisbegründung. Wenn man die beiden bei ihren diversen Pflichtterminen auf der Buchmesse erlebt hat, erhält man einen Eindruck, was es mit dieser scheinbar widersprüchlichen zweistimmigen Einheit auf sich hat. Zur Friedenspreisverleihung haben beide neue Bücher vorgelegt, um die es in diesen Tagen natürlich auch geht, und die sich in der Themen- und Akzentsetzung komplementär verhalten: In „Achsenzeit“ nimmt Jan Assmann den geistigen Entwicklungssprung der Menschheit in den Blick, der sich zwischen 800 und 200 vor Christus vollzog – in der Absicht, eine Alternative zu einem eurozentristischen Weltbild anzubieten, das die Entwicklung der menschlichen Vernunft als Kulturleistung Europas oder des Westens verbucht und damit implizit andere Völker und Regionen herabsetzt. Aleida Assmanns „Der europäische Traum“ versucht hingegen, eine gemeinsame europäische Perspektive zu festigen. Sie tut dies, wie der Titel unschwer erkennen lässt, in Anlehnung an die Rede vom amerikanischen Traum. Auf der Messe erklärte sie, dass ein solcher europäischer Traum sich im Gegensatz zum amerikanischen nicht allein aus einer gemeinsamen Zukunft ableiten lasse. Die gemeinsame Vergangenheit, die im vergangen Jahrhundert von den Verheerungen der zwei großen Kriege geprägt ist, wiege zu schwer. Die Friedenspreisträger erinnerten gestern daran, dass „die Nation kein heiliger Gral ist, der vor Befleckung und Entweihung – Stichwort ,Vogelschiss’ – zu retten ist, sondern ein Verbund von Menschen, die sich auch an beschämende Episoden ihrer Geschichte erinnern und Verantwortung übernehmen für die ungeheuren Verbrechen, die in ihrem Namen begangen wurden“. Eine nationalistische Politik verstehe es gut, „in vielen Bereichen Entsolidarisierung zu befördern, indem sie Hass auf Schwächere oder Fremde schürt“, führten Aleida und Jan Assmann weiter aus. Solidarität müsse auch daher auf vielen Ebenen „trainiert werden“. Von Europa forderten die Wissenschaftler eine globale Solidarität mit Flüchtenden sowie im Umgang mit ökonomischen und natürlichen Ressourcen – „damit es eine Zukunft nachfolgender Generationen überhaupt noch geben kann“.

Mehr zum Thema
x