Musiktheater
Wagners „Lohengrin“ am Badischen Staatstheater Karlsruhe
Das Stück, vor 175 Jahren von Franz Liszt in Weimar an Goethes Geburtstag uraufgeführt, hat im deutschen Südwesten derzeit Konjunktur. Das Mannheimer Nationaltheater legte im Opal vor, jetzt hatte das Werk am Badischen Staatstheater in Karlsruhe Premiere und zu Ostern 2026 gibt es eine Produktion bei den Osterfestspielen im Festhaus Baden-Baden (dann mit dem ultimativen Lohengrin unserer Zeit, mit Piotr Beczala).
Doch zurück zu Karlsruhe. Die vierte Einstudierung im Bätzner-Bau bot ein interessantes szenisches Konzept und eine sehr eindrucksvolle musikalische Einstudierung.
Der Regisseur Manuel Schmitt deutete das Werk im Bühnenbild von Julius Theodor Semmelmann und den Kostümen von Carola Volles gleichsam ganz säkular. Alles sozusagen Metaphysische wurde ausgeblendet. Der Gral ist – Richard Wagner. So lässt sich zumindest die Gralserzählung verstehen, denn diese singt Lohengrin am Grab des Meisters und auf dieses deutend. Eine Grabstätte steht im Zentrum der Bühne.
Es könnte auch das Grab vom alten Herzog von Brabant sein, aber es sieht aus wie die Grabstätte im Park der Villa Wahnfried in Bayreuth. Es ist wohl Wagners Grab gemeint, zumal die vier Edelknaben in Kostümen aus Wagners Musikdramen dort auch mal betend niederknien. Wagners Worte, „Das Heilige ist allein der freie Mensch, und nichts Höheres ist denn er. Vernichtet sei der Wahn, der einem Gewalt gibt über Millionen, der Millionen untertan macht dem Willen eines Einzigen, der Wahn, der da lehrt: der Eine habe die Kraft, die Andern alle zu beglücken“ (aus „Revolution“ von 1849), sind das Motto der Produktion. Sie werden zweimal auf den Vorhang projiziert.
Zweimal sind dort auch Zitate von Winifred Wagner von 1923 zu lesen, die sich offensichtlich auf Hitler beziehen. Wider jeglichen Führerkult: Das ist eine Botschaft der Inszenierung. Lohengrin ist hier einer von uns, er sitzt im Publikum. Gottfried, der Knabe (gespielt von Phillip Hohner), der als etwas zerrupfter Schwan mehrfach auftaucht, sucht ihn scheinbar willkürlich aus. Zum Ritter, Helden und Heerführer macht ihn dann erst eine verführbare Masse.
Auch Elsa wird in dieser Produktion ungewöhnlich gedeutet. Sie ist eine elegante und emanzipierte Frau, die gerne Zigaretten raucht und von der ihr zugedachten Rolle als Ehefrau und Mutter nichts wissen will. Sie nimmt den Abgang Lohengrins nach ihrer hier gar nicht fatalen Frage auch nicht besonders tragisch und überlebt.
Der erste Akt mit dem Gottesgericht spielt hier wirklich in einem Gerichtssaal. Im zweiten wird das Bühnenbild der Bayreuther Aufführung 1936 zitiert. Der zweite Teil im Schlussakt mit den markigen Worten des Königs wirkt wie ein Reichsparteitag.
Der Regisseur verknüpft also sehr viele Ansätze miteinander in einer durchaus ideenreichen und dramaturgisch schlüssigen Weise. König Heinrich ist ein schon reichlich seniler Herrscher. Und wie die Schlussszene zeigt, hat Ortrud eine traumatische Erfahrung mit ihrem toten Kind. Ob sie deshalb den jungen Herzog Gottfried in den Schwan verwandelt hat?
Nun, am Ende wird dieser zum Führer von Brabant erklärt, doch er zerbricht das Schwert. Ob nun eine Friedenszeit kommt?
An sich ist dieser neue Karlsruher „Lohengrin“ eine recht klare Sache, doch es gibt auch Dimensionen des Werks, die zu kurz kommen. Warum eigentlich das Frageverbot, wenn der Lohengrin aus unserer Mitte so gar keinen magischen oder spirituellen Hintergrund hat? Die an sich lebendig ausgespielte Brautgemachszene hat so keinen wirklichen Sinn.
Es bleibt aber zu hoffen, dass diese Produktion etwas länger im Repertoire bleibt als der „Lohengrin“ von 2012 in Reinhild Hoffmanns Regie, der nach ganz wenigen Vorstellungen abgespielt war.
Musikalisch ist der neue Karlsruher „Lohengrin“ großartig. Bei den Protagonisten glänzen hier wie schon im „Tannhäuser“ zu Ostern 2024 wieder aus dem hauseigenen Ensemble die Sopranistin Pauliina Linnosaari, diesmal als „gute“ Elsa, und die Mezzosopranistin Dorothea Spilger, diesmal als „böse“ Ortrud. Pauliina Linnosaari singt ebenso ausdrucksvoll und nuancenreich wie klar und konsequent in der Textdeklamation. Dorothea Spilger gibt eine furiose Ortrud mit einer ungebrochenen dramatischen Intensität. Sie weiß mit volltönendem Timbre und tragendem Volumen ihre Partie sängerisch auf beste und zwingende Weise zu modellieren. Mirko Roschkowski ist ein sehr lyrischer, hell und leicht singender Lohengrin, der entsprechend viele subtile Töne hat, aber in der Gralserzählung auch strahlen kann. Sein Stimmcharakter passt sehr gut zu der eher unheldischen Auffassung der Rolle.
Als König Heinrich setzt Konstantin Gorny abermals seine Stimmkraft und gestalterische Präsenz effektiv ein. Mit baritonaler Fülle und sicherer Linienführung überzeugt Tomohiro Takada als Herrufer. Kihun Yoon ist ein eminent leidenschaftlicher Telramund. Ob sein gelegentlicher Hang zum Sprechgesang allerdings mit dem Ton dieser letzten romantischen Oper Wagners übereinstimmt, ist fraglich.
Generalmusikdirektor Georg Fritzsch bietet eine faszinierende Wiedergabe der Partitur Wagners – vom ersten A-Dur-Akkord des Vorspiels an. Dieses lässt er ganz flüssig und innerlich belebt, aber zugleich voller Aura und Klangschönheit musizieren. Der Dirigent entfaltet das Werk im Folgenden mit großer Klarheit und Übersicht, immer sehr schlüssig disponiert und mit packenden dynamischen Entwicklungen und Steigerungen. Dazu gibt es schöne Details und Übergänge. Ein Wagner ohne falsche Übertreibungen, der in keinem Takt unterbelichtet ist und die Partitur mit großer Überzeugungskraft zur Wirkung bringt.
Vorzüglich singen die Chöre.
Info
Weitere Vorstellungen am 22. November, 7. und 28. Dezember, 22. März, 4. und 11. April. Karten: 0721 933333, www.staatstheater.karlsruhe.de