Museen
Wärmestube Museum: Über die Neuerfindung der Ausstellungshäuser in der Energiekrise
Draußen heiß, drinnen Kunst – und die Klimaanlage läuft. Kann sein, dass ein Museum derzeit nicht der schlechteste Ort der Welt ist. „Im Moment ganz gut“, sagt dann auch Steffen Egle, der neue Direktor des Kaiserslauterer Museums Pfalzgalerie (mpk), über das Menschenaufkommen in seinem Haus. Sogar „sehr gut“ nennt Helga Huskamp, geschäftsführende Vorständin des Karlsruher Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) die Besucherzahlen. Und im Weltkulturerbe Völklinger Hütte ist die Besucherstatistik wieder so gut wie vor Corona. Gleichwohl aus anderen Gründen als der Kühle, wie Armin Leidinger meint.
„Wir führen“, sagt der Welterbe-Pressesprecher, „den Anstieg insbesondere auf unser Angebot mit der Industriekultur der Völklinger Hütte, der Großausstellung The World of Music Video, der Urban Art Biennale und der Garten-Wildnis des Paradieses zurück“. Natürlich, das Programm. Der Kaiserslauterer Egle hat noch die „touristische Hochsaison“ in Verdacht – als Alternativargument für die proportional zur Hitze höheren Besucherzahlen. Dass andere, wie das Erlanger Kunstpalais oder die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen ihr schweißfreies Aufenthaltsangebot an heißen Tagen in den sozialen Medien sogar offensiv bewerben, indes hält Egle „für interessant“. Immerhin.
Seiner Kollegin Andrea Jahn, Kunst- und Kulturwissenschaftliche Vorständin der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz, indes erscheint das Raumtemperaturargument „nicht wirklich relevant“. Und Matthias Weber, Pressesprecher der Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, das unter anderem für das Landesmuseum Mainz zuständig ist, lässt etwas schmallippig mitteilen: „Wir beschränken uns darauf, unsere Inhalte zu bewerben.“ Dabei ist es gar nicht so abwegig, den Nebennutzen der in Ausstellungshäusern zum Schutz der Exponate nun einmal notwendigerweise herrschenden Kühle für die Allgemeinheit zu propagieren. Vor allem auch: sie nutzbar zu machen. Als Teil des Eigenmarketings und ihrer gesellschaftlichen Verpflichtung in krisenhaften Zeiten.
Der anstehende Klimakollaps, der Ukrainekrieg plus Folgen, die Coronabegleiterscheinungen. Kulturstaatsministerin Claudia Roth hat schon angekündigt, dass auch die Kulturbranche mit „schmerzhaften Einschnitten“ angesichts der steigenden Energiepreise und der knapper werdenden Gasreserven zu rechnen habe. Die Rückseite des musealen Angebots und der in den Häusern herrschenden Angenehmtemperaturen ist: Museen sind ziemlich CO2-intensiv.
70 Millionen Kilowattstunden
Das Münchner Lenbachhaus beispielsweise hat 2019 bei dem Pilotprojekt „Klimabilanzen in Kulturinstitutionen“ mitgemacht. Ergebnis: In einem Jahr hat das Haus alles in allem 530 Tonnen CO2 verursacht, inklusive Dienstreisen, Kunsttransporten, Wasser, Strom, den Materialien für Einladungen, dem Energieverbrauch von Klimaanlagen. Zum Vergleich, ein Hin- und Rückflug Düsseldorf Mallorca erzeugt die Treibhauswirkung von 680 Kilogramm CO2 und lässt dadurch zwei Quadratmeter Arktiseis schmelzen.
Ein Vierpersonenhaushalt verbraucht im Jahr rund 4000 Kilowattstunden Strom. Für die Staatlichen Museen Berlin wurde ein Energieverbrauch von 70 Millionen Kilowattstunden für den gleichen Zeitraum errechnet. Das Karlsruher ZKM braucht vier Millionen Kilowattstunden im Jahr für eine Fläche von 41.000 Quadratmetern. Und im Weltkulturerbe Völklinger Hütte gehen per annum 950.000 Kilowattstunden drauf.
mpk-Chef Steffen Egle hat das einmal genauer aufgedröselt und listet für Strom 140.000 Kilowattstunden pro Jahr auf, für Fernwärme 550.000 Kilowattstunden, für Erdgas 500.000 Kilowattstunden. Wobei er auch anführt, dass ein Blockheizkraftwerk, das seit 2003 sein Haus und die Meisterschule versorgt und 150.000 Kilowattstunden Energie produziert, den Bezug aus dem Stromnetz reduziert. Allein die Sanierung der Beleuchtung habe 30.000 Kilowattstunden Ersparnis gebracht, rechnet der Kunsthistoriker vor. Nach der Kunst, die sich länger schon am Thema Klimawandel abarbeitet, ist jetzt auch die Museumsszene auf: Hab acht!
Gütesiegel Nachhaltigkeit
In der neuen Museumsdefinition des Internationalen Museumsverbands ICOM steht seit jüngst ausdrücklich: „Museen fördern Nachhaltigkeit.“ Schon 2019 war in einem, von Museumsdirektorinnen und -direktoren im Kunstmagazin „Monopol“ veröffentlichten Offenen Brief von einem „Green New Deal“ die Rede. „Wir fordern eine zentrale Task force, die sich einzig den klimapolitischen Herausforderungen in Museen und anderen Ausstellungshäusern widmet.“ Zudem solle über einen Zertifizierungsprozess nachgedacht werden - letztlich ein staatliches Klimaschutz-Gütesiegel für Museen.
Unterschrieben haben unter anderem der Direktor des Kölner Museums Ludwig, Yilmaz Dziewezor, die Direktorin des Frankfurter Museums für Moderne Kunst, Susanne Pfeffer. Und der Karlsruher ZKM-Chef Peter Weibel. Darin stehen Sätze wie: „Wir fordern, dass der Kulturbetrieb zum Vorreiter auch im Klimaschutz werden kann.“ Nur, dass es die Museums-Task-force-Klimaschutz auch drei Jahre später immer noch nicht gibt. Bedeutet auch, dass die Häuser mehr oder weniger unkoordiniert vor sich hin agieren, je nachdem unterstützt von denen, denen sie gehören, und einige avancierter als die anderen.
Im Frankfurter Städelmuseum etwa werden so Teile der Ausstellungsräume mit einer Geothermieanlage betrieben, komplett ohne Gas. Das Museum Fridericianum in Kassel und die Kunsthalle Bremen regeln ihren Bedarf mit Erdsondenanlagen, die auch eine passive Kühlung ermöglichen. Im Kölner Museum Ludwig startet im September das wegweisende Ausstellungsprojekt „Die neue Sicht auf Pflanzen“, das ohne Leihgaben auskommt, ohne Katalog, die Ausstellungsarchitektur ist aus Vorgängerschauen recycelt. Und im Museumsrestaurant werden Kürbisse serviert, die auf der hauseigenen Dachterrasse wachsen. Öfter kommt es vor, dass Museen zum sogenannten saisonalen Gleiten übergehen. Das heißt, sie passen die Temperaturen den neuen Gegebenheiten an.
Es müssen nicht 20 Grad sein
So sehen die Richtlinien des vorhin schon erwähnten Internationalen Museumsverbands ICOM, in Ausstellungsräumen 50 Prozent Luftfeuchtigkeit und 20 Grad Raumtemperatur vor. Die Stiftung Saarländischer Kulturbesitz ist dazu übergegangen, das aufzuweichen. „Im Winter wird das Temperaturniveau gesenkt, im Sommer in bestimmten Ausstellungsbereichen eine höhere Temperatur eingeräumt“, beantwortet Vorständin Andrea Jahn unsere Anfrage nach Energie- und klimaschützenden Maßnahmen. Das Karlsruher ZKM, wo im Übrigen die Arbeitsräume nicht klimatisiert sind, handhabt das ähnlich. Und auch mpk-Chef Steffen Egle kann sich eine „Heizungsoptimierung“ vorstellen. Gegebenenfalls will er „Behördenthermostate“ installieren, die nur von autorisierten Personen verstellt werden können.
In der Kunsthalle Mannheim, ergab unsere Umfrage, sind die gebäudetechnischen Anlagen nachts auf Energiesparmodus geschaltet. Die Dachbegrünung wird geprüft. Ebenso die Installation einer Photovoltaikanlage, über die auch bei der Stiftung Saarländischer Kulturbesitz nachgedacht wird. Wo es sie schon gibt, wie in Kaiserslautern und dem Weltkulturerbe Völklinger Hütte steht eine Ausweitung der Fläche an. Alle rüsten ihre Beleuchtung auf LED um, wenn es nicht schon passiert ist. Nachts bleibt es in der Kunsthalle Mannheim jetzt, wo das möglich ist, dunkel. Das Mainzer Landesmuseum derweil wird nicht mehr von außen angestrahlt. Auch die Außenlampen der Festung Ehrenbreitstein bleiben aus.
Offene Arme für alle
Die Maßnahmen reichen bis dahin, dass im Frankenthaler Erkenbert-Museum ausschließlich kaltes Wasser zum Händewaschen zur Verfügung steht, wie die Direktorin Maria Lucia Weigel aus dem Nähkästchen plaudert. „Niederschwellige Maßnahmen“, nennt das ihr Kaiserslauterer Kollege Steffen Egle. Er berät sich darüber mit dem Experten des Bezirksverbands, dem sein Haus gehört, und den eigenen Haustechnikern. Außerdem denkt der aus Stuttgart gewechselte Museumsmann über eine Idee nach, die auch schon Klaus Biesenbach, der Direktor der Berliner Neuen Nationalgalerie gehabt hat.
„Wir haben einen harten Winter vor uns“, sagte Biesenbach zuletzt. „Ich hoffe, dass ganz viele Leute einfach in den Museen zu überwintern.“ Die Häuser sollten die Menschen „mit offenen Armen empfangen“. Der Kaiserslauterer Egle spricht in diesem Zusammenhang von „möglichen Wärmeinseln“ in seinem Haus, die beworben werden könnten. Das Museum als warme Stube. Es wäre dann wie jetzt, nur unter umgekehrten Vorzeichen. Draußen kalt, drinnen Kunst – und die Heizung läuft.