Kultur Vor den Bayreuther Festspielen: Der Mythos lebt
Am Mittwoch geht es los mit einer Neuinszenierung des „Lohengrin“
Morgen um 16 Uhr ist es wieder so weit: Das Klassikfestival mit der wohl größten medialen Beachtung weltweit wird eröffnet. Im Festspielhaus auf dem Bayreuther Grünen Hügel hebt sich dann der Vorhang für Richard Wagners Oper „Lohengrin“. Als Ouvertüre vor den ersten sphärischen Streicher-Klängen des „Lohengrin“-Vorspiels wird es das bekannte Defilee der Prominenz auf dem roten Teppich geben. Klar, die Kanzlerin. Die ist schließlich immer da und hat sich auch wieder für dieses Jahr angekündigt. Ein Zusammentreffen mit ihrem Intimfreund Horst Seehofer bleibt Angela Merkel 2018 erspart. In der Loge wird neben ihr dessen Nachfolger als bayerischer Ministerpräsident, Markus Söder, Platz nehmen. Und auch die Ministerpräsidenten aus Tschechien und den Niederlanden haben sich angekündigt. Prominenz aus Film und Fernsehen sowieso. Manche Bayreuther stellen deshalb schon früh morgens ihren Campingstuhl direkt an der Absperrung auf, damit sie freien Blick auf die Festspielprominenz haben. Bleibt nur zu hoffen, dass die Temperaturen etwas runtergehen, sonst droht akute Überhitzung. Allen Unkenrufen zum Trotz, die Faszination der Bayreuther Festspiele ist ungebrochen, genauso wie das öffentliche Interesse. Dabei ist der künstlerische Ertrag rein quantitativ verglichen mit anderen Festivals wie Salzburg oder Aix-en-Provence vergleichsweise gering. Lediglich eine Neuproduktion steht pro Jahr auf dem Spielplan, in seltenen „Pausenjahren“ noch nicht einmal die. Und auch die Repertoireauswahl ist überschaubar: Inszeniert werden nur die letzten zehn Opern Richard Wagners, chronologisch beginnend mit dem 1843 uraufgeführten „Fliegenden Holländer“. Und dennoch ist das Publikumsinteresse um ein Vielfaches höher als das Kartenangebot. Der Mythos Bayreuth lebt. Dass er das tut, daran hat – neben der Festspielchefin Katharina Wagner – vor allem ein Dirigent seinen Anteil, der sich mittlerweile Musikdirektor der Bayreuther Festspiele nennen darf: Christian Thielemann. Stolze 153 Aufführungen hat er seit seinem Debüt 2000 mit den „Meistersingern“ dirigiert. In dieser Spielzeit steht er nicht nur bei der Neuproduktion des „Lohengrin“ im sagenumwobenen Graben des Festspielhauses, sondern auch bei „Tristan und Isolde“. Seit Felix Mottl (1856-1911) wird er damit der erste Dirigent sein, der alle zehn Wagner-Werke auf dem Hügel dirigiert hat. Thielemann steht in bestem Sinne des Wortes in der deutschen Kapellmeister-Tradition, die vielleicht in Wilhelm Furtwängler ihren legendärsten Vertreter hat. Seinen Wagner- (und Strauss-) Dirigaten gelingt mitunter die Quadratur des Kreises. Er achtet auf jedes Detail, entdeckt immer wieder neuen Facetten der Partitur, zugleich lässt er die Musik fließen, zwingt ihr kein Konzept auf und ermöglicht dennoch auch die große emphatische Geste. Thielemanns „Lohengrin“-Klänge werden beim diesjährigen Festival von einem der Malerstars unserer Zeit bebildert: das Bühnenbild hat Neo Rauch zusammen mit seiner Frau Rosa Loy entworfen. Mit dem US-Amerikaner Yuval Sharon, der in Karlsruhe eine großartige „Walküre“ auf die Bühne gebracht hat, liegt die Inszenierung wie mit Barrie Kosky im vergangenen Jahr bei den „Meistersingern“ wieder in den Händen eines Regisseurs mit jüdischen Wurzeln. An einem Ort, dem erst nach 1945 der bereits von Richard Wagner selbst implantierte Antisemitismus endgültig ausgetrieben wurde – auch wenn es natürlich davor ebenfalls immer wieder zahlreiche jüdische Künstler gab, die auf dem Grünen Hügel gefeiert wurden. Im Bayreuther Graben wird es überdies in diesem Jahr eine Premiere geben. Extra für den ehemaligen Star-Tenor Plácido Domingo, der nur noch als Bariton auf der Bühne und ansonsten als Dirigent am Pult steht, wird die „Walküre“ aus dem Castorf-„Ring“ von 2013 nochmals aufgenommen. Und auch eine prominente Rückkehrerin gibt es: 18 Jahre, nachdem sie sich mit Katharina Wagners verstorbenem Vater Wolfgang völlig zerstritten hatte, kehrt Waltraud Meier als Ortrud im „Lohengrin“ nach Bayreuth zurück. Die Partie der Elsa ist mit Anja Harteros besetzt, die zum ersten Mal auf dem Hügel singen wird. Ach ja, und dann war da ja noch die Sache mit der Besetzung der Titelpartie. Eigentlich sollte das Roberto Alagna übernehmen, nur stellte der drei Wochen vor der Premiere fest, dass er den Text nicht kann. Piotr Beczala sprang als Retter in der Not ein – und gilt den meisten Experten ohnehin als die viel bessere Besetzung. Zwei Tage nach Bayreuth starten dann auch die Salzburger Festspiel mit ihrer ersten Premiere in den Sommer. Mit Mozarts „Zauberflöte“ erklingt das Werk eines der Hausgötter der Festspiele. Salzburg ist für Mozart ein ähnlich authentischer Ort wie Bayreuth für Wagner. Lydia Steier wird Regie führen, Constantin Carydis am Pult der Wiener Philharmoniker stehen, Schauspielerlegende Klaus-Maria Brandauer die Dialoge rezitieren. Für die US-amerikanische Regisseurin, die in der Region in Heidelberg Verdis „Aida“ und Wagner „Holländer“ inszeniert hat, ist es ihr Salzburg-Debüt. Insgesamt bieten die Festspiele in Salzburg an 42 Tagen 206 Aufführungen an. Im Schauspiel gibt neun Neuinszenierungen, darunter eine Dramatisierung von Knut Hamsuns Roman „Hunger“, bei der Frank Castorf Regie führen wird. Mit Hans Neuenfels, der Tschaikowskys Oper „Pique Dame“ inszenieren wird, kehrt ein Regie-Altmeister an die Salzach zurück, der 2001 für einen der größten Skandale in Salzburg gesorgt hat. Seine Totalzertrümmerung der Strauß-Operette „Die Fledermaus“ sorgte bei vielen Festspielbesuchern für Tollwutattacken mit Schaum vor dem Mund. Info DIE RHEINPFALZ wird von allen wichtigen Musiktheaterpremieren der Festspiele in Bayreuth und Salzburg berichten.