Pfalzgeschichte(N)
Vor 90 Jahren: Der Glaspalast brennt
„Ausgebrannt noch da und dort ein phantastisch hoher, schwankender Eisenpfosten, ein Stück Gerippe. In der Mitte ein Türrahmen des Haupteingangs, um den, welk und halb versengt, der Lorbeer steht, der gestern noch deutscher Kunst galt. Die Masten ragen ohne Fahnen, aber wie zum Hohn klebt an einem Stück erhalten gebliebener Außenwand zerfetzt das Plakat ,Kunstausstellung München 1931, Glaspalast’ ...“.
So schilderten am 7. Juni vor 90 Jahren die „Münchner Neuesten Nachrichten“ das, was übrig geblieben war von der Architektur, die bei ihrer Einweihung 1853 für eine neue Ära stand, für den Aufbruch des Königreichs Bayern in das Industriezeitalter. Der Autor des Berichts heißt Eugen Roth. Viele Jahre später sollte er als Dichter heiter-nachdenklicher Verse zu einem der in Deutschland populärsten und bis heute meistgelesenen Lyriker werden. 1931 ist er – bis zu seiner Entlassung durch die Nationalsozialisten zwei Jahre später – noch Schriftleiter in der Lokalredaktion der damals auflagenstärksten Tageszeitung Süddeutschlands.
3000 Kunstwerke verbrennen
„Eine herrliche Sommernacht, weich und tief, duftend in Jasmin, Holunder und Akazien. Die Brunnen rauschen und die Bäume, am Lenbachplatz, im alten Botanischen Garten. Und wie verzaubert schläft die Stadt“: Das schreibt einer, der nicht nur Journalist, sondern auch ein großer Kunstkenner und -sammler ist, mit einer besonderen Vorliebe für die Malerei des ausgehenden 18. und des 19. Jahrhunderts. Roth wohnt keine 200 Schritte vom Glaspalast entfernt. Er weiß, als er in der Nacht von 5. auf den 6. Juni aus dem Schlaf gerissen wird, sehr genau, dass da vor seinen Augen nicht nur ein Architektur-Koloss lichterloh steht, sondern auch kostbare Kunstwerke unwiederbringlich verloren gehen.
Nur fünf Tage zuvor war sie eröffnet worden, die mit über 3000 Werken bestückte „Große Münchner Kunstausstellung 1931“. Mitglieder der Münchner Künstlergenossenschaft stellen aus, der Kunstverein Freie Secession hat drei Sonderschauen organisiert, darunter eine Retrospektive des Schweizers Cuno Amiet (1868-1961), der 50 Werke präsentieren darf. Es gibt eine Abteilung der Juryfreien und eine für Architektur und christliche Kunst. Die Attraktion aber sind die im Ostflügel untergebrachten 110 Werke der Sonderausstellung „Werke deutscher Romantiker von Caspar David Friedrich bis Moritz von Schwind“. Am Morgen nach dem Brand steht fest, dass ein wesentlicher Teil des Frühwerks von Amiet zerstört ist, ebenso wie allein neun Gemälde von Caspar David Friedrich, darunter ein „Mönch im Schnee“ aus den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, der „Hafen von Greifswald“ aus der Kunsthalle Hamburg und eine Herbstlandschaft aus der Privatsammlung des letzten hessischen Großherzogs Ernst Ludwig. Zu den Museen, die Verluste zu beklagen haben, gehören auch das Kurpfälzische Museum in Heidelberg und die Badische Kunsthalle in Karlsruhe.
Soldaten und Geflügelzüchter
Aber nicht nur die Kunst ist für immer verloren, auch ein Bauwerk, das einmal als „Höhepunkt deutscher Ingenieurbaus“ galt. Sein Architekt: August von Voit. Ein Name, der zu unrecht im Schatten der Münchner Platzhirsche Leo von Klenze und Friedrich von Gärtner steht. Der eine beginnt im Auftrag von Ludwig I., die Stadt in ein „Isar-Athen“ zu verwandeln, der andere steht bald höher in der Gunst des Königs und unterrichtet 1822 auch den Architekturstudenten August Voit, der nach obligatorischer Italienreise und ersten Anstellungen in Augsburg und Amberg 1832 als Zivilbauinspektor nach Speyer geschickt wird.
Er bleibt bis 1841, bevor er als Nachfolger seines Lehrmeisters Gärtner an der Akademie zurückkehrt nach München. Voits Wirken in der Pfalz ist nicht zu übersehen: von der Fruchthalle in Kaiserslautern über die Lutherkirche in Ludwigshafen, vom (unvollendeten) Wiederaufbau des Hambacher Schlosses bis – bereits als Chef der Obersten Baubehörde in München – zum Umbau des herzoglichen Schlosses in Zweibrücken zum Justizpalast, von der Königkreuzkapelle in Göllheim bis zur Synagoge in Rülzheim. Einen Katalog der Bauten Voits in der Pfalz hat Hans-Jürgen Kotzur, heute Direktor des Dom- und Diözesanmuseums in Mainz, als zweiten Teil seiner Dissertation über Leben und Werk des Architekten vorgelegt.
Die auffälligsten Bauten des seit 1852 in den Adelsstand erhobenen Oberbaurats August von Voit in München allerdings, seine „Schlösser“ gewissermaßen: die Neue Pinakothek und der Glaspalast, sind von der Bildfläche verschwunden. Unter den Bomben des Zweiten Weltkriegs die eine, bereits in der Feuersbrunst der Juninacht 1931 der andere.
Aus der eigens für die damals neue Kunst gebauten Pinakothek wurden die Gemälde rechtzeitig, gleich nach Kriegsbeginn, ausgelagert. Der Glaspalast aber, der seit der „1. Münchner Jahresausstellung von Kunstwerken aller Nationen“ jedes Jahr neu mit Kunst Besucher lockte, war kein Museum. Die Liste der Veranstaltungen von 1854 verzeichnet so Unterschiedliches wie das „Erste deutsche Musikfest“ (1854), jährliche Blumenausstellungen (ab 1858), die kurzfristige Nutzung als Truppenunterkunft (1859), den Maskenball der Künstlergesellschaft „Jung München“ (1862), die erste Internationale Geflügelausstellung des Bayerischen Vereins für Geflügelzucht (1878) und eine Internationale Conditorei-Ausstellung (1886).
Vorbild: der Crystal Palace
Geplant aber hat August von Voit den auch 90 Jahre nach seinem Untergang unvergessenen Glaspalast im Auftrag des am technischen Fortschritt sehr interessierten Königs Maximilian II., als Austragungsort der ersten Allgemeinen Deutschen Industrieausstellung. In nur acht Monaten Bauzeit entsteht so – nach dem Vorbild von Joseph Paxtons „Crystal Palace“ für die erste Weltausstellung in London 1851 – auf dem Gelände des Alten Botanischen Gartens in München ein Palast aus Eisen und Glas, der bei aller Modernität der Konstruktion einer barocken Schlossanlage ähnelt: 233,5 Meter lang, 47 Meter breit, mit einem 24 Meter hohen Mittelschiff und zwei zwölf Meter hohen Seitenschiffen.
Ölgetränkte Putzwolle
Für die Ewigkeit ist er – wie auch sein eiserner Verwandter, der Eiffelturm in Paris – nicht gedacht. Und so beginnt schon bald die Diskussion um Abbruch und Neunutzung, heutigen Debatten nicht unähnlich. Weil ein Abriss zu teuer ist, darf der Palast erst einmal stehen bleiben. Generationen von Münchnern lieben ihn. Bis zu jenem Augenblick, als die aus Holz, Gips und Stoffen gebaute Inneneinrichtung samt der präsentierten Kunst in Flammen steht, das Eisen schmilzt und das Glas bricht. „Selbstzündung ölgetränkter Putzwolle“ heißt es in den ersten Berichten. Brandstiftung ist in dieser unruhigen Zeit die wohl glaubhaftere Version.
Eugen Roth sagt das später so: „Viele Jahrzehnte sind vergangen. Schreckliches haben wir durchlebt, ganze Städte sind in Feuer und Schutt versunken, unwiederbringlicher Glanz der Erinnerung ist verloschen – oft genug stehen gesichtslose Riesenhäuser an dem Platze abendländischen Ruhms. Die Welt wandelt sich weiter, in vollen Zügen trinkt ein neues Geschlecht die Lethe des Vergessens. Und doch scheinen mir die Flammen des Münchner Glaspalastes, in der Nacht auf den 6. Juni 1931, heute noch ein Fanal kommenden Unheils gewesen zu sein ...“