Jahrestag RHEINPFALZ Plus Artikel Vor 100 Jahren wurde Charlton Heston geboren

Ikonische Rolle: Charlton Heston als Galeerensträfling Judah Ben Hur in einer Szene aus dem Film „Ben Hur“ von William Wyler.
Ikonische Rolle: Charlton Heston als Galeerensträfling Judah Ben Hur in einer Szene aus dem Film »Ben Hur« von William Wyler.

Die Frage, ob und wie kreatives Genie und inhaltliche Torheit zu trennen sind, beschränkt sich keineswegs auf antisemitische Komponisten, Nazi-Filmemacherinnen, literarische Kinderschänder und Documenta-Aufreger. Ebenso wie schöpferische Geister lösen auch reproduzierende Künstler zuweilen Kopfschütteln oder gar Empörung aus. Wie der am 4. Oktober vor 100 Jahren geborene US-Filmstar Charlton Heston.

Auf der Kinoleinwand war der durchtrainierte 1,91-Meter-Hüne mit dem Brustkorb eines Athleten überlebensgroß, heroisch und glanzvoll. Zwar gab er 1950 unter der Regie des Ludwigshafener Hollywood-Regisseurs William Dieterle sein Debüt als bedrohter Kriegsheimkehrer im Krimi „Stadt im Dunkel“; zwar überzeugte er in Orson Welles’ düsterem Film noir „Im Zeichen des Bösen“ (1958) als mexikanischer Drogenfahnder; zwar spielte er 2002 in der italienischen Produktion „Rua Algem 5555“ leidlich glaubhaft den KZ-Arzt Mengele.

Auf Heldenrollen abonniert

Gleichwohl bleibt er im kollektiven Gedächtnis des internationalen Kinopublikums der titanenhafte, mythisch überhöhte Heros aufwendiger Historienschinken, der sich mit grimmig entschlossener Physiognomie, unzweifelhaftem Edelmut und - nicht zuletzt! - effektvoll aus Untersicht ins Bild gerückter nackter Brust jedweder Unbill und Missetat entgegen stellte.

Wer den Ritter von der imposanten Gestalt in Farbe und Breitwand betrachten wollte, musste für den Besuch des Filmtheaters vier Stunden und mehr einkalkulieren. Eine kürzere Laufzeit wäre dem herkulischen Nimbus des Sägewerks-Erben aus dem Staat Illinois nicht angemessen gewesen.

Von Moses bis Wildwest

Der episkopale Protestant, der seinen Kriegsdienst in der Luftwaffe abgeleistet hatte, spielte den Moses im quietschbunten Vier-Stunden-Epos „Die zehn Gebote“ (1956), den heldenhaften jüdischen Prinzen im ebenso langen „Ben Hur“ (1959), den spanischen Söldnerführer „El Cid“ (1961) und Johannes den Täufer im frommen Star-Auftrieb „Die größte Geschichte aller Zeiten“ (1965).

Dazwischen gab er den US-Präsidenten Jackson („König der Freibeuter“, 1958) und den Maler Michelangelo („Inferno und Ekstase“, 1966), schlug den Boxer- („55 Tage in Peking“, 1963) wie den Madhi-Aufstand („Khartoum“, 1966) nieder und galoppierte mit stoppeligem, aber mutig gerecktem Kinn durch diverse Wildwest-Abenteuer.

Für Bürgerrechte eingesetzt

Geschichtsunterricht, -nachhilfe und -klitterung à la Hollywood war das, dann wandte sich Heston mit gleichbleibendem Erfolg der Science Fiction („Planet der Affen“, 1968; „Soylent Green“, 1973) und diversen Katastrophen-Reißern zu („Endstation Hölle“, 1972; „Erdbeben“, 1974). Lohn des Ritterdiensts waren zwei Oscars, ein Bambi und Gagen, die ihn zeitweilig zum höchstbezahlten Star Amerikas machten.

Charlton Heston nutzte Ruhm und Popularität, indem er sich für Freiheits- und Bürgerrechte im „Land of the Free“ einsetzte. Er arbeitete mit Martin Luther King zusammen, half afroamerikanischen Schauspielern in Hollywood und beteiligte sich an Sitzstreiks gegen Lokale, die Schwarzen den Zugang verweigerten. Immer wieder ergriff er das Wort für Gleichberechtigung und gegen Rassismus. Nach der Ermordung Kings forderte er restriktive Waffengesetze.

Die Kehrtwende

Dann trat er eine der damals üblichen patriotischen Verbeugungstourneen zur Truppenbetreuung im Vietnamkrieg an. Diese Erfahrung scheint sein liberales Weltbild ins Wanken gebracht zu haben, denn Heston wechselte die Seiten. Irgendwann vertrat er konservative bis reaktionäre Positionen, die seinem früheren Engagement zum Teil krass entgegenstanden. Er schloss sich den US-Republikanern an, trat während der Präsidentschaft des Ex-Kollegen Ronald Reagan aktiv in die Politik ein und forderte ein uneingeschränktes Recht auf Waffenbesitz.

Fan scharfer Waffen: Charlton Heston war Präsident der „National Rifle Association“ und trat in den USA vehement für das Recht a
Fan scharfer Waffen: Charlton Heston war Präsident der »National Rifle Association« und trat in den USA vehement für das Recht auf Waffenbesitz ein.

1998 wurde er Präsident der amerikanischen Vereinigung der Waffenbesitzer. In diesem Amt predigte er lautstark und beharrlich den freien Zugang zu Feuerwaffen, selbst nachdem es zu mehreren Amokläufen und Massakern unter Jugendlichen gekommen war. In der 2001 entstandenen Neuverfilmung des „Planeten der Affen“ absolvierte er einen nostalgisch gemeinten Gastauftritt als Primat, der seinem Sohn eine Waffe überreicht.

Zwei Jahre später erhielt er aus der Hand von Präsident George W. Bush die höchste zivile Auszeichnung der Vereinigten Staaten. 2008 erlag er 84-jährig einer Lungenentzündung.

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