Kultur Von allem ein bisschen
Es war die größte aller bisherigen „Matchbox“-Unternehmungen, der zwischen Odenwald und Pfälzerwald von Ort zu Ort wandernden Kunst- und Kultur-Projekte der Metropolregion Rhein-Neckar, das da am Wochenende unter dem Namen „Hambach! Das Demokratiefestival“ auf dem Hambacher Schloss über die Bühne ging: vom Budget her, der Anzahl der beteiligten Künstler und vermutlich auch der Besucher. Ob das Ergebnis aber wirklich überzeugen konnte, steht auf einem anderen Blatt.
Die Verantwortlichen vom Kulturbüro der Metropolregion, aber auch der Kooperationspartner „Stiftung Hambacher Schloss“ und der Stadt Neustadt, die ihr Jugendkulturfestival „Querfälltein“ teilweise in das „Demokratiefestival“ einbrachte, ziehen – mit Abstufungen – zwar eine positive Bilanz. Es habe an den zwei Tagen sehr intensive Gespräche zum Thema Freiheit, Demokratie und Europa gegeben, sagt etwa Robert Montoto vom MRN-Kulturbüro. „Genau das, was wir haben wollten.“ Doch viele Besucher äußerten am Samstag und Sonntag auch ihre Enttäuschung über das alles in allem recht überschaubare Programm – und auch über den Besucherzuspruch. „Schade angesichts des vielen Geldes, das hier investiert wurde“, sagte zum Beispiel ein Mann aus Maikammer. Ja, das Geld. Mit 500.000 Euro einschließlich Sach- und Personalkosten wurde das Budget für das Festival mit seiner zweijährigen Vorbereitungszeit angegeben. Dafür hatte man unter anderem rund 20, mehrheitlich internationale Künstler engagiert, die sich, wie es dem „Matchbox“-Prinzip entspricht, teilweise mit lokalen Akteuren, ganz normalen Bürgern zumeist, verbanden – „matchten“, wie man neudeutsch sagt –, um den Geist des Hambacher Festes von 1832 in die Gegenwart zu tragen. So wie beim „Hambacher Spielzug“, einem interaktiven Stationentheater der Mannheimer Künstlerin Lea Aderjan, die am Sonntag mit 15 Helfern insgesamt rund 150 Personen in einem „neuen Hambacher Festzug“ vom Dorf aus aufs Schloss geleitete. Eine schöne Sache für die Beteiligten. Aber eben auch ein Angebot, das wie so viele der Programmpunkte beim „Demokratiefestival“ nur eine kleine Gruppe von Menschen erreichte. Womit auch schon ein Grundproblem des Festivals benannt wäre: dass hier zwei Ziele gleichzeitig verfolgt wurden, die sich gegenseitig ein bisschen im Weg standen. Denn zum einen sollte ein deutliches Zeichen gegen die Vereinnahmung der Hambacher Traditionen durch rechte Gruppierungen gesetzt werden, zum anderen aber eben auch die Künstler mit ihren ganz individuellen Antworten zum Thema Europa und Demokratie zu Wort kommen – die wiederum nicht unbedingt sehr „massenkompatibel“ ausfielen. Hier beißt sich die Katze in den Schwanz. Dass man im Schloss aus Sicherheitsgründen heute gar kein Hambacher Fest mit 30.000 Besuchern wie 1832 mehr veranstalten könnte, kommt noch hinzu. So gab es letztlich ein bisschen Bürgerfest, ein bisschen Kunst und ein bisschen Manifest für Freiheit und offene Gesellschaft. Über die Qualität der künstlerischen Beiträge und auch das Engagement etlicher politisch-gesellschaftlicher Gruppen wie „Pulse of Europa“ oder des Deutsch-Französischen Jugendwerks ist damit noch gar nichts ausgesagt. Ob die Performance-Reihe im Festsaal, die größtenteils ursprünglich für das Schauspiel Stuttgart entwickelt worden war und nun in Hambach eine Zweitverwertung erfuhr, eine Sternstunde war, kann vermutlich niemand wirklich beantworten, denn die Aufführungen zogen sich über den ganzen Tag hin, noch dazu mit ziemlich langen Pausen zwischen den einzelnen Beiträgen. Eindringlich geriet aber die 40-minütige Videoinstallation „Why do you vote?“ der Franzosen Bruno Boudjelal und Rodolphe Risse, an deren Entstehung sozial benachteiligte Jugendliche aus Neustadt, Mannheim und Marseille beteiligt waren, die mit ihren Smartphones Bilder und Stimmen aus ihrer oft ziemlich tristen Umgebung einfingen oder auch persönliche Statements zum Thema „Wählen gehen oder nicht?“ abgaben. Wenn man weiß, dass in dem Viertel in Marseille, in dem ein Teil der Bilder entstand, der Front National heute den Bürgermeister stellt, weil nur eine Minderheit ihre Stimme abgeben wollte, versteht man, wie wichtig die Beschäftigung mit dieser Frage ist. Allerdings konnten auch hier maximal 20 Leute gleichzeitig die Bilder auf den acht Bildschirmen im abgedunkelten Siebenpfeifersaal verfolgen. Stellt man schließlich noch in Rechnung, dass sich heutzutage ohnehin nur maximal 2600 Menschen gleichzeitig auf dem Schlossareal aufhalten dürfen, ist auch die von den Veranstaltern angegebene Zahl von insgesamt 5000 Besuchern gar nicht so schlecht. Wobei allerdings eine Abgrenzung zwischen bewusst angereisten „Demokraten“ und normalen Tagestouristen nicht möglich ist. Schon an einem normalen Wochenende im September kommen leicht 2500 Gäste aufs Schloss. Die Eröffnung des Festivals fand schon am Freitag mit Ministerpräsidentin Malu Dreyer und viel Prominenz statt – allerdings nur vor geladenen Gästen. Auch das hat manche Bürger, wie am Wochenende zu hören war, befremdet und zu Kritik herausgefordert. Demokratie bedeutet eben Meinungsstreit und nicht „Friede, Freude, Eierkuchen“.