Rückblick RHEINPFALZ Plus Artikel Vom Einwandererkind zum Star: Zum 100. Geburtstag von Yves Montand

Montand auf der Bühne: Der bis ins kleinste Detail hart geprobte Auftritt eines Perfektionisten.
Montand auf der Bühne: Der bis ins kleinste Detail hart geprobte Auftritt eines Perfektionisten.

Am 13. Oktober 1921 wurde Yves Montand geboren: Aus dem Sohn italienischer Emigranten, aufgewachsen in einer Vorstadt von Marseille, wird ein Star des französischen Chansons, ein erfolgreicher Schauspieler und eine Ikone der französischen Linken. Wie zerbrechlich die Fassade war, hat die Welt erst nach und nach erfahren: eine Jahrhundertgeschichte mit ebenso viel Licht wie Schatten.

„Wie wünschte ich, Du würdest Dich erinnern“: Als eines der berühmtesten aller französischen Chansons, zum ersten Mal erklang, hat es kaum jemand bemerkt. Der Film, in dem ein junger Schauspieler es 1946 nicht einmal vollständig intonierte – Marcel Carnés „Les Portes de la Nuit“ (Die Pforten der Nacht) – war ein Flop. Aber die „Feuilles mortes“ wurden wenige Jahre später zum Klassiker – und als „Autumn Leaves“ zum Jazz Standard.

Auch wenn die Verse von Jacques Prévert zur Melodie von Joseph Kosma später von vielen interpretiert wurden – von Juliette Greco zu Iggy Pop, von Dalida zu Dylan: Sie sind bis heute untrennbar verbunden mit dem Mann, der sie als erster sang, mit Yves Montand. Aus dem schlaksigen Debütanten in einem wenig erfolgreichen Kinofilm wurde nicht nur ein Chansonnier-Star, der die Hallen von Paris über New York bis Moskau füllte, sondern einer der vielseitigsten Schauspieler Frankreichs, der es mit den Größten dieser Zunft von Belmondo über Delon bis Daniel Auteuil aufnehmen konnte. Als er zum ersten Mal das Lied von den welken Blättern sang, das auch 30 Jahre nach seinem Tod doch irgendwie zu jedem Herbst gehört, war er Anfang 20, gerade mal zwei Jahre in Paris und hieß auch noch nicht lange Yves Montand.

Der Traum von Amerika

Geboren wird er als Ivo Livi am 13. Oktober 1921 – in einer toskanischen Kleinstadt mit Namen Monsummano, die sich ihrer heißen Quellen wegen heute stolz den Beinamen Terme geben darf. Wenn das US-amerikanische Konsulat damals nicht die Ausgabe von Einwanderer-Visa von einem auf den anderen Tag eingestellt hätte, dann wäre die italienische Familie – Vater Giovanni, Mutter Giuseppina und drei Kinder – auf der Flucht vor den Nachstellungen der Mussolini-Faschisten nicht 1924 in Marseille gestrandet, sondern wie die Sinatras, die de Niros oder die Coppolas zu Amerikanern geworden. So aber muss Amerika warten, und aus Ivo wird ein kleiner Franzose, der mit elf Jahren die Schule verlässt, um mitzuhelfen, die Familie zu ernähren: Vater Giovanni, der gehofft hatte, mit einer Besenbinder-Werkstatt dem italienischen Bauernelend zu entrinnen, ist Bankrott gegangen.

La Mamma und drei Frauen

Später wird der Sohn mit eiserner Disziplin nachholen, was er – umgeben vom Pariser Intellektuellen-Milieu – als Bildungsdefizit empfindet. Einstweilen träumt das Einwandererkind im Friseursalon seiner Schwester und in den Kinos an der Canebière von Amerika, hat ein großes Vorbild: Fred Astaire – und erste Erfolge bei Auftritten in den Music Halls des Südens. „Dans les plaines du Far West“ – in den Weiten des Wilden Westens – ist ein Titel aus dieser Zeit, die nicht ganz ungefährlich ist: Giovanni Livi arbeitet im kommunistischen Untergrund, Nazi-Spitzel und Vichy-Kollaborateure sind überall. Ivo hat keine Lust auf Arbeitsdienst oder gar die Deportation. Sein Nachname Livi wird hin und wieder mit Levy gleichgesetzt … Noch vor Kriegsende, am 16. Februar 1944, steigt er am Bahnhof Marseille-St. Charles in den Zug nach Paris. Aus Ivo Livi wird Yves Montand.

„Monter à Paris“ heißt es, wenn jemand aus der Provinz in die Hauptstadt geht, „Ivo monta“ hat die Mutter zur gemeinsamen Familienmahlzeit gerufen. „Ich geben Dir sechs Monate, um es zu schaffen“, soll sie ihrem Jüngsten mitgegeben haben, „ansonsten gehst Du in die Fabrik wie alle anderen“.

Nun, er hat es dann recht schnell geschafft, nicht zuletzt, weil er anderen Frauen begegnet, die dem orientierungslosen jungen Mann den Weg weisen. Die erste, die sein großes Talent erkennt, ist Edith Piaf. Sie holt ihn auf die Bühne und ja, auch in ihr Bett. Mit ihr zusammen erscheint er auch zum ersten Mal auf der Kinoleinwand. „Étoile sans lumière“ (Chanson der Liebe) heißt der Film, nachdem die Liebe der beiden bald erlischt: Edith scheint zu ahnen, dass da einer bald zu viel Schatten werfen könnte.

Und dann kommt Simone Signoret. Sie, aus der gebildeten Pariser Bourgeoisie, und er, der Proletariersohn aus dem Süden, treffen sich im August 1949 und werden zum Traumpaar. Sie bleiben es auch dann noch, als die große Liebe längst zerbrochen ist. Anderes verbindet die beiden Gleichaltrigen einer vom Krieg aus der Bahn geworfenen Generation: ihr Sinn für Gerechtigkeit, ihr politisches Engagement für Menschenrechte, ihr Einsatz gegen atomare Aufrüstung. Sie stehen gemeinsam auf der Theaterbühne, in „Die Hexen von Salem“ nach Arthur Miller, das als französische Koproduktion mit der DDR 1957 auch mit den beiden verfilmt wird. Sie drehen auch einige gemeinsame Filme, darunter „L’aveu“ (Das Geständnis, 1970), nach „Z“ der zweite politisch engagierte Film Montands mit Regisseur Costa-Gavras. In diese Zeit, nach einer ersten Desillusion bei einem Moskau-Besuch 1956, fällt auch der endgültige Bruch mit der dem Partei-Kommunismus. Montand war nie Mitglied der Parti communiste Frankreichs, und der Einmarsch der Sowjets in Prag 1968 bedeutet eine erneute Enttäuschung. Für das chilenische Volk und aus Protest gegen den Staatsstreich des rechten Generals Pinochet betritt er 1974 nach langer Zeit wieder als Chansonnier die Bühne des Pariser Olympia.

Eine Männerfreundschaft

In diesem Zusammenhang muss man neben den vielen Frauen auch einen Mann erwähnen, der eine bedeutende Rolle im Leben von Montand spielt: Jorge Semprún (1923-2011), Buchenwald-Überlebender, Résistance-Kämpfer, Schriftsteller und 1988 bis 1991 spanischer Kulturminister der Regierung von Felipe González.

Seit „Le salaire de la peur“ (Lohn der Angst, goldene Palme von Cannes 1953) hat Montands Karriere als Schauspieler an Fahrt aufgenommen, er dreht mit Ingrid Bergmann („Aimez-vous Brahms“, 1961), Romy Schneider („César et Rosalie“, 1972), Emmanuelle Béart („Manon des Sources“, 1986) und, ja, auch mit Marilyn Monroe: „Let’s make love“ (1961) haben beide da etwas zu wörtlich genommen. „Kennen Sie einen Mann, der in den Armen der Monroe nicht schwach würde“, hat Simone Signoret die Affäre kommentiert, die von der Presse genüsslich ausgebreitet wurde.

Sie bleibt bis zu ihrem Tod 1985 der Kompass im Leben von Yves Montand. Der wird 1988 zum ersten Mal Vater. Drei Jahre später stirbt er, am 9. November 1991, einen Tag nach Ende der Dreharbeiten zu seinem letzten Film, „IP5, Insel der Dickhäuter“. Begraben wird er an der Seite von Simone Signoret auf dem Friedhof Père Lachaise in Paris. Dass das Grab 1998 wegen eines (negativen) Vaterschaftstest geöffnet wird, Signorets Tochter Catherine Allégret ihn 2004 des (nicht zu beweisenden) Missbrauchs bezichtigt: Auch das gehört zur Geschichte eines Lebens im 20. Jahrhunderts, das so viele verirrte Seelen hervorbrachte. Es war bereits Simone Signoret, die dies erkannt und ausgesprochen hat. Auch das werden wir nicht vergessen dürfen, wenn wir jetzt „Les Feuilles mortes“ hören.

Der letzte Film: „IP5 – Insel der Dickhäuter“.
Der letzte Film: »IP5 – Insel der Dickhäuter«.
Der erste Film, „Chanson der Liebe“ mit mit Edith Piaf.
Der erste Film, »Chanson der Liebe« mit mit Edith Piaf.
„Let’s make love“, mit der Monroe.
»Let’s make love«, mit der Monroe.
 Mit Simone Signoret in Moskau 1956.
Mit Simone Signoret in Moskau 1956.
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