Kunst RHEINPFALZ Plus Artikel Viel Freud! Eine Tübinger Schau zeigt die Wirkmacht des Psychoanalytikers auf die Kunst

Weibliche Innenwelt: Raphaela Vogels Uterusland“, 2017
Weibliche Innenwelt: Raphaela Vogels Uterusland", 2017

Sigmund Freud war kein Kunstfan. Der Gottvater der Psychoanalyse sammelte antike Kleinskulpturen und beschrieb die Kultur als Quelle des Leids. „Die Kunst ist fast immer harmlos und wohltätig, sie will nichts anderes sein als Illusion“: seine Worte. „Innenwelten“, die Ausstellung in Tübingen, widerlegt sie teils humorig, teils feinnervig berührend.

Ziemlich am Anfang der Schau steht Freuds Couch, nachgebildet vom Österreicher Franz West (1947-2012), eine Liege aus Eisen, die wirkt wie ein Folterinstrument. „Aha!“, darüber hängt der Textkommentar von Haim Steinbach, mattes Vinyl, die Maße sind vielsagend mit „variabel“ angegeben. Rund 70 Arbeiten sind in der von Nicole Fritz und Monika Pessler kuratierten Ausstellung entlang der großen freudianischen Linien und Begriffe (das Unbewusste, das Unheimliche, der Traum, die Projektion, die Übertragung usw.) inszeniert. Werke, in denen es innere Wirklichkeiten in die Außenwelt drängt: von Max Ernst, Käthe Kollwitz, Giorgio de Chirico, Paul Delvaux, René Magritte, Meret Oppenheim, große Namen zu Freuds Lebzeiten. Arbeiten von Joseph Beuys und Jeff Wall und Cindy Sherman kommen dazu. Oder von Louise Bourgeois, die eine witzige Allegorie dafür gefunden hat, dass das Gewesene immer neuen Staub aufwirbelt – und die Freud und Sisyphos verbindet: ein Putztuch mit dem Aufdruck: „The Return oft he repressed“, die Rückkehr des Verdrängten. Die Liste der Ausstellenden reicht bis zum heutigen Who-is-Who der Biennalen, zu dem etwa die Künstlerin Raphaela Vogel zählt.

So war von der Nürnbergerin Vogel vergangenes Jahr in Venedig ein raumgreifender Trauerzug aus zehn skelettierten Kunststoffgiraffen vertreten, die das anatomische Modell eines mannshohen, aber kläglich schlaffen Problem-Penis mit Krebsbefall hinter sich herzogen, der kaum den einschlägigen Neid aufkommen ließ. In der Tübinger Kunsthalle ist jetzt das weibliche Pendant dazu ausgestellt. Ein bis auf die Knochen ausgezehrtes Kunststoff-Pferd galoppiert einer weiblichen Brust voran. Wie im Schnitt zu erkennen, sind die Metastasen eines Mammakarzinoms, das sich darin angesiedelt hat, schon in die Lymphknoten gewandert.

Der Narziss, der sich verneigt: Dalí war von Freud besessen

„Uterusland“, nennt die Künstlerin ihre ins Verdrängte eintauchende Arbeit, zu der ein Schwimmbad-Video gehört, in dem die Künstlerin in Röhrenrutschen ihre Geburt nachstellt. Und natürlich darf Salvador Dalí nicht fehlen, dessen Tuschezeichnung „Die Metamorphose des Narziss“ aushängt: die Vorstufe des gleichnamigen Innenwelt-Selfie-Gemäldes, das er Freud in London mit dem Stolz eines Fanboys präsentierte.

Freud eins -zu-eins: Salvador Dalí: „La Métamorphose de Narcisse“. 1937.
Freud eins -zu-eins: Salvador Dalí: »La Métamorphose de Narcisse«. 1937.

Zu der Zeit war der Wiener Freud schon nach London emigriert – nach Zahlung der sogenannten Reichsfluchtsteuer und einer „Judenvermögensabgabe“. Am 4. Juni 1938 war es soweit. Zuvor aber dokumentierte der Fotograf Edmund Engelmann noch die weltberühmte Wohnung in der Berggasse 19 für die Ewigkeit. Seine Fotos sind die Vorlage der enorm suggestiven „The Freud Drawings“ von Robert Longo aus dem Jahr 2000, fotorealistische Kohlezeichnungen im Großformat, eine davon – sie ist in Tübingen ausgestellt – zeigt die vergitterte Tür mit dem Türspion seitlich, der wie ein drittes Auge wirkt.

Doch zurück zu Dalí, der exzentrische Künstler fand Hitler gut und schickte Franco nach der Vollstreckung eines Todesurteils ein Glückwunschtelegramm. Von Freud indes war er regelrecht besessen, während dieser immerhin nach der Londoner Begegnung seine Vorurteile teilrevidierte: „Bis dahin“, schrieb er in einem Brief an Stefan Zweig, der das Treffen arrangiert hatte, „war ich geneigt, die Surrealisten, die mich scheinbar zum Schutzpatron gewählt haben, für absolute (sagen wir 95 Prozent wie beim Alkohol) Narren zu halten. Der junge Spanier mit seinen treuherzig fanatischen Augen und seiner unleugbaren technischen Meisterschaft hat mir eine andere Schätzung nahe gelegt. Es wäre in der Tat sehr interessant, die Entstehung eines solchen Bildes analytisch zu erforschen.“ Umgekehrt scheinen nicht nur die Surrealisten wie Dalí, sondern Generationen von Kunstschaffenden trotz zunehmend aufkeimender Freud-Kritik seiner Menschensicht – ob unbewusst oder nicht – zumindest zugeneigt gewesen zu sein oder anzuhängen: Expressionisten, Aktionisten, Postmodernisten.

„Seelenschlitzer“, Muttersöhnchen, Aktionisten

Oskar Kokoschka (1886-1980) wurde wegen seiner durchdringenden Porträts „Seelenschlitzer“ geheißen. Käthe Kollwitz (1867-1945), von der ein 1914/15 entstandenes Selbstbildnis mit Muttersöhnchen Hans gezeigt wird, schrieb über diesen in ihr Tagebuch: „Manchmal denk ich, ob er gut täte, sich von Freud analysieren zu lassen.“ in den Siebzigern dann begannen die Wiener Aktionisten um Günter Brus und Hermann Nitsch ihre grenzwertigen Performances, Blutorgien und sadomasochistischen Aktionen als psychoanalytische Selbst- und Gesellschaftstherapie mit Freud-Thesen zu untermalen.

Beklemmend das 1978 entstandene Video, auf dem die Schweizerin Heidi Bucher im „Herrnzimmer“ ihres Elternhauses agiert, es mit flüssigem Kautschuk auskleidet, den sie dann als Haut wieder ablöst und sich damit umwickelt, um die als traumatisch erlebte „patriarchalische Familienstruktur“ abzutragen. Immer neu scheint in der Kunst das Unheimliche auf, das schon dem Begriffssinn nach Erschreckende, das – laut Freud – inwendig offenliegt. „Heimlich“ dekretierte der, sei ein Wort, „das seine Bedeutung nach einer Ambivalenz hin entwickelt, bis es endlich mit seinem Gegensatz unheimlich zusammenfällt“.

Beispielhaft für die künstlerische Ausformung sind Fotos, die der US-Künstlers Gregory Crewdson so inszeniert hat, dass man in die gruseligen Aufnahmen instinktiv den Moment projiziert, bevor etwas passiert oder gerade passiert ist, Bühnenlicht fällt in verwaiste Kleinstadtkulissen.

Eine nackte alte Frau im Esszimmer

Auf einem Foto hat eine nackte alte Frau unbemerkt das Zimmer betreten, in dem die Familie beim Abendbrot sitzt. Leicht verstörend auch die teilnahmslos in sich gekehrten, viel zu kleinen Marionettenmänner, die der Österreicher Markus Schinwald in einen Raum gestellt hat.

Leicht verstörend: Markus Schinwalds „Außenseiter“.
Leicht verstörend: Markus Schinwalds »Außenseiter«.

„Misfits“, Außenseiter, nennt Schinwald seine manisch verkapselte Puppengruppe und lässt sie nervös mit den Fingern schnippen und den Füßen trippeln. Was sie denken könnten, lässt sich nur erahnen. Was derweil in den Köpfen der Menschen vorgeht, die Esther Shalev-Gerz gefilmt hat, bleibt wohl unvorstellbare Realität.

Das Trauma im Gesicht: Esther Shalev-Gerz zeigt in ihrem Video Auschwitzüberlebende in den Momenten zwischen den Fragen und Antw
Das Trauma im Gesicht: Esther Shalev-Gerz zeigt in ihrem Video Auschwitzüberlebende in den Momenten zwischen den Fragen und Antworten.

Das 2005 entstandene Video-Triptychon der 66-jährigen Pariserin, die als Kind von Litauen nach Jerusalem ausgewandert ist, zeigt 60 Ausschwitzüberlebende, die letzten Zeitzeugen, die vor der Kamera über ihr Leben sprechen, davor, im Lager – und danach. Zu sehen ist allerdings lediglich, was sich in den Momenten zwischen den Fragen und Antworten abspielt: die Dramen in ihren Gesichtern, die Erstarrung, das in ihrem Augen aktualisierte Grauen. Freud würde von einem Trauma sprechen, einem anhaltenden psychischen Ereignis. Die Erinnerung daran, behalte „den Affekt, den sie ursprünglich hatte“, analysierte er 1893 in der „Wiener klinischen Rundschau“ den Prozess, dass sich die Vergangenheit der Gegenwart bemächtigt. Niederdrückend, dass er damals geistesgegenwärtig ziemlich gut die Lage beschrieb, die momentan vielerorts herrscht.

Die Ausstellung

„Innenwelten. Sigmund Freud und die Kunst“; Kunsthalle Tübingen, bis 3. März 2024. www.kunsthalle-tuebingen.de

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