Filmgeschichte
Verkanntes „Seelchen“: Schauspielerin Maria Schell wäre jetzt 100 Jahre alt
„Seelchen“ also. Das süffisante Verdikt der vermeintlichen Gralshüter hoher Bühnenkunst über Maria Schell verkennt die Tatsache, dass die großen Gefühle gerade auf der Kinoleinwand am wirkungsvollsten zelebriert werden. Die Filmkamera führt uns aus der unromantischen Eintönigkeit unseres Alltags hinauf in eine Welt der wabernden Passionen. Dort wohnen wir dem Lieben und Leiden, Sehnen und Begehren, Wagemut und Opferwillen überlebensgroßer Identifikationsfiguren bei.
Nur wenige Darstellerinnen tragisch liebender Frauenfiguren haben die Höhen und Tiefen des Melodrams mit so hingebungsvoller Inbrunst durchschritten und gelitten wie Maria Schell zur Blütezeit ihrer Popularität. Wenn die Lichtspielhäuser in den 1950er und frühen 1960er Jahren mit ihrem Namen warben, verhieß das: Es darf hemmungslos geweint werden. Aber es weinten nicht etwa die Filmverleiher und Kinobesitzer, weil sie bei Schell-Filmen nur karge Einnahmen hätten erwarten können. Im Gegenteil: Das „Seelchen“ zog ein Millionenpublikum an – und dies nicht nur in Deutschland, sondern auch in internationalen Produktionen.
Kritik ohne Kompass
Vielmehr weinten die Rezensenten, die – damals – für Kino-Konfektionsware keinen Kompass besaßen. Sie anerkannten und würdigten die künstlerische Leistung der vorwiegend in „gehobenen“ Gesellschaftsdramen agierenden Schauspielerin, haderten aber grimmig und unerbittlich mit Schell-Schmonzetten wie „Bis wir uns wiederseh’n“ (1952) oder „Herr über Leben und Tod“ (1955).
Und es weinte das Publikum, wenn es ergriffen mitansehen musste – und wollte –, wie Maria Schell in „Der träumende Mund“ (1953) zwischen zwei geliebten Männern an Selbstmord denkt; wie sie in „Die letzte Brücke“ (1954) als Lazarettärztin im Partisanenkrieg getötet und in „Die Ratten“ (1955) ungewollt schwanger wird; wie sie in „Der Galgenbaum“ (1958) nach einem Postkutschenüberfall im Wilden Westen zu verdursten droht; wie sie in „Das Riesenrad“ (1961) nach schwerem Siechtum mit einem Lächeln dahinscheidet.
Ein Hauch von Wehmut
Vor allem aber weinte – im Film! – Maria Schell selbst, die edel schmachtende Dulderin mit dem empfindsam-empfindungsvollen, von innen leuchtenden Antlitz, die des Daseins schwerste Bürden trägt und doch nimmer verzagt, etwa in der Rolle einer sterbenskranken Industriellentochter in „Dr. Holl“ (1951) oder als bitterarme Statistin in „Solange du da bist“ (1953), die ums Haar den Flammentod erleidet.
Sie konnte auch lachen, herzerfrischend, ansteckend, voller Glück und Lebendigkeit sogar, etwa als Gruschenka in der Hollywood’schen Digest-Version der „Brüder Karamasow“ (1957). Grundiert aber ist ihr Gesamtwerk von tränenfeuchter Schicksalsmacht. Selbst in Altersrollen wie ab 1987 in der gemütvollen Endlos-Seifenoper „Die glückliche Familie“ oder als Oberin in einem „Tatort“-Krimi (1996) schwang in ihrer sanften Stimme ein Hauch von melancholischer Schwer- und Wehmut mit.
Das Spiel der in Wien geborenen Schweizerin, die als 16-Jährige ihr Debüt vor der Kamera gab, war in der Tat seelenvoll und beseelt. Die ungeliebte, angeblich vom Kollegen und Filmpartner Oskar Werner gestanzte Schablone vom „Seelchen“ wurde sie nie los. Ihre Fans mögen den Beinamen liebe- und respektvoll gemeint haben, das hochmütige Rezensenten-Corps dagegen reimte verächtlich: „Niemand weint so schön und schnell,/wie im Film Maria Schell.“
Im Film war und blieb sie die gebeutelte Frau, die trotz leidvoller Erfahrung nie aufgibt, hinter deren Tränen kampfbereit hoffender Pragmatismus aufschimmert, die selbst für ihr Fortkommen und Überleben einsteht. Das war fast ein bisschen emanzipatorisch im ersten Nachkriegsjahrzehnt, als Lebenswut neben Gebrochenheit, Verzweiflung neben Neubeginn, auch Schuld neben Bewältigung stand.
Maria Schells Auftritte neben Dieter Borsche („Es kommt ein Tag“) und O. W. Fischer („Tagebuch einer Verliebten“, beide 1952) etablierten publikumswirksame Traumpaare, deren immense Popularität sich heute nur noch erahnen lässt. An der Seite internationaler Stars wie Marcello Mastroianni („Weiße Nächte“, 1957), Glenn Ford („Cimarron“, 1960), Paul Hubschmid („Ich bin auch nur eine Frau“, 1962) und natürlich dem übermaskulinen Curd Jürgens („Der Schinderhannes“, 1958) verlieh sie dem hiesigen Film glitzernde Internationalität, die sich in Trophäen bei den Festivals von Cannes und Venedig sowie einem Abonnement auf den jährlich vergebenen Bambi-Beliebtheitspreis niederschlug.
Es spricht für Maria Schells künstlerische Verlässlichkeit, dass selbst der Niedergang des qualitätsvollen westdeutschen Kommerzkinos ihren Bekanntheitsgrad nicht schmälerte. Auf der Bühne war sie Dumas’ „Kameliendame“, Bruckners „Elisabeth von England“, Dürrenmatts „Alte Dame“, im US-Fernsehen die Maria in „Wem die Stunde schlägt“ nach Hemingway – alles prall-vitale Frauenfiguren, denen sie nach ihrer Art glaubhaft und brillant Leben einhauchte.
Ende im Nebel
Maria Schells eigenes Leben endete im Nebel einer Demenzerkrankung. Nach zwei Schlaganfällen zog sie sich – laut Herz-und-Krone-Blättern trotz Traumgagen nunmehr „verarmt“ – auf eine von den Künstlereltern geerbte Alm in Kärnten zurück. Ihr oscarprämierter Bruder Maximilian Schell zeigte das Entschwinden der Greisin in seinem ziemlich denunziatorischen Dokumentarfilm „Meine Schwester Maria“.
Die Premiere war ihr letzter öffentlicher, von manchen Verehrern als würdelos und zynisch empfundener Auftritt. Im Frühjahr 2005 starb sie 79-jährig in ihrer Alpenhütte.
Zum Nachlesen
Aus Anlass des 100. Geburtstags der Schauspielerin hat ihre Tochter Marie Theres Relin das Buch „Yes we Schell“ veröffentlicht (Verlag Basic Erfolgsmanagement, Worms; 124 Seiten; 16,99 Euro). Sie stellt das Werk am Sonntag, 18. Januar, 17 Uhr, im Kaiserslauterer Theodor-Zink-Stadtmuseum vor.
Am 19. Januar, 18.15 Uhr, sind Relin und ihrer Lauterer Bühnenpartner Michael Halberstadt zu Gast in der „Landesschau“ des SWR-Fernsehens.