Kultur
Verfassungsschützer haben Kandeler Rechtsrock-Sängerin Julia Juls im Visier
Weder ihre Stimme noch die Saiten ihrer Gitarre treffen jeden Ton zuverlässig, aber das Publikum schwelgt beim Auftritt der Sängerin aus der Pfalz und singt selig den Refrain mit: „Kommt raus, kommt raus, wir kämpfen für unser Land. Hand in Hand für den Widerstand.“ Es ist der 3. Oktober 2019, der Tag der Deutschen Einheit, und in Berlin hat der rechtspopulistische Verein „Wir für Deutschland“, der die Parole „Merkel muss weg“ als E-Mail-Adresse verwendet, zur „Patriotischen Großdemonstration“ aufgerufen. Musikalischer Gast ist die Frau mit dem Künstlernamen „Julia Juls“. Sie hat ihre Karriere im Dunstkreis von Marco Kurz und seinem sogenannten „Frauenbündnis“ auf den Demonstrationen im südpfälzischen Kandel begonnen. Deren ursprünglicher Anlass war die Ermordung einer 15-Jährigen durch einen afghanischen Asylbewerber. Julia Juls, die ihren Namen englisch ausspricht, singt vom Widerstand, von „unserer Nation“ und sie klagt an: „Ihr habt uns verraten und verkauft“. Schlicht und eingängig sind ihre Lieder, wie Schlager.
Bisher stand nur „Flak“ im Bericht
Julia Juls’ Name wird im nächsten Verfassungsschutzbericht von Rheinland-Pfalz auftauchen, kündigt der Präsident der Behörde, Elmar May, im Gespräch mit der RHEINPFALZ an. Juls gehört damit zu den acht Bands und drei Liedermachern, die die Verfassungsschützer der Rechtsrock-Szene im Land zuordnen. Einige treten nach den Worten Mays nicht mehr auf, veröffentlichen aber noch immer Tonträger. Der Innenausschuss des Landtages wird sich auf Antrag der Grünen-Fraktion am heutigen Donnerstag mit dem Thema befassen. Nur eine Band nannten die Verfassungsschützer bisher namentlich, und zwar „Flak“, gegründet im Umfeld des „Aktionsbüros Mittelrhein“ in Bad Neuenahr. Gegen dessen Mitglieder verhandelte das Landgericht Koblenz über Jahre wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung, bis der letzte Prozess im Frühjahr 2019 eingestellt wurde. „Flak“ hat den Schwerpunkt inzwischen längst in andere Bundesländer verlegt, sagt Thorsten Hindrichs, Musikwissenschaftler an der Universität Mainz und Mitglied im Beratungsnetzwerk gegen Rechtsextremismus des Landes.
Musik aus der Szene für die Szene
Rechtsrock hat nicht zwangsläufig etwas mit laut wummernden Bässen zu tun hat. „Es ist ein eher sozialwissenschaftlicher Begriff: Musik aus der Szene für die Szene“, lautet die Definition von Hindrichs. Während die Musik bei den großen Rechtsrock-Festivals in Thüringen oder Sachsen eher aggressiv ist, kommt Julia Juls soft daher. „Nehmt euch mol alle an der Hand, die wo kein Handy in der Hand haben. Das gibt ein schönes Bild“, fordert sie das Publikum zwischen zwei Liedzeilen auf. Wenn sie spricht, ist ihre Pfälzer Herkunft auch im fernen Berlin eindeutig zu erkennen. Ihre Liedtexte sind es weniger, die ihr die Aufmerksamkeit der Behörde bescheren. Vielmehr das Umfeld: Marco Kurz, der Organisator der „Frauenbündnis“-Demos und der Cottbusser Rapper „Bloody 32“, der die Erinnerungskultur umkehren möchte und den Holocaust relativiert. „Die Zeit ist vorbei, sich für damals zu schämen. Jedes Volk hat seine dunklen Seiten gesehen“, lautet eine Zeile von „Bloody 32“ in einem gemeinsam mit Julia Juls aufgenommenen Lied. Das Video dazu ist in einer Burgruine gedreht worden. Juls trägt die schwarzen Haare offen, blickt treu in die Kamera. Was macht ihre Wirkung in der rechten Szene aus? Sie habe ein „Mädchen-Image“ vom Typus „verführerische Unschuld“, sagt Hindrichs. Wenn sie in den sozialen Netzwerken gegen Türken wettert und Medien als „Lügenpresse“ beschimpft, klingt sie jedoch eher derb als unschuldig.
Sechs Konzerte in diesem Jahr
Bisher zählte der Verfassungsschutz im laufenden Jahr sechs Rechtsrock-Konzerte in Rheinland-Pfalz, die öffentlich wirksam wurden. Die Gesamtbesucherzahl liegt laut May im mittleren dreistelligen Bereich. So viele waren es im gesamten Jahr 2018, 2017 waren es fünf. Etwa gleich viele Veranstaltungen seien als Geburtstage, Hochzeiten oder andere private Feiern getarnt. Öffentlich wirksam bedeutet in diesem Zusammenhang, dass in einschlägigen Foren im Internet für eine Veranstaltung geworben wird, der konkrete Ort und die Zeit werden kurzfristig nachgereicht, um die Polizei – und die Antifa – fernzuhalten. Für den 1. November war ein Konzert des rechten Liedermachers Frank Rennicke im „Raum Pirmasens“ angekündigt. Tatsächlich fand es nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes im Saarland statt. Ebenfalls die Destination „Pirmasens“ steht auf einem Flyer für einen „Liederabend“ mit „Kategorie C“ am 12. Dezember. Er ist im Netzwerk von Thorsten Hindrichs aufgetaucht. Diese Band, die schon im terminlichen Umfeld von Kandel-Demonstrationen aufgetreten ist, zieht besonders Rechtsextreme aus dem Hooligan-Lager an. Musikwissenschaftler Hindrichs beurteilt die Entwicklung in Rheinland-Pfalz kritisch, obwohl der Verfassungsschutz die Anzahl der Konzerte als konstant bezeichnet. Die Jugend, so lautet die These von Verfassungsschutz-Präsident May, werde von dieser Musik nicht angezogen. Die Szene im Land habe nichts mit den Rechtsrock-Konzerten zu tun, wie sie in Themar im Süden Thüringens oder im sächsischen Ostritz organisiert werden – zum Teil als politische Veranstaltungen der NPD.