72. Berlinale
Ulrich Seidl erzählt in „Rimini“ von einem Schlagersänger und dessen Abgründen
Der Österreicher Ulrich Seidl ist bekannt dafür, seine Finger in Wunden zu legen: in der dunklen NS-Vergangenheit zu bohren, sexuelle Abgründe aufzuzeigen und generell nicht davor zurückzuschrecken, das Böse zu bebildern, zu dem Menschen fähig sind. Wobei zugleich stets Humor mitschwingt. Außerdem entwirft Seidl unglaubliche Bilderwelten, in deren Scheußlichkeit er Schönheit findet. Er geht an Nicht-Orte, in Spießerhöllen der 1970er, schwelgt in Ocker, Nussbraun, Dreckiggrün. Und nicht zu Unrecht haben manche Seidl-Kenner durchaus Angst vor jedem neuen seiner Filme.
„Rimini“ heißt sein wieder äußerst verstörender, unappetitlicher, aber doch starker Berlinale-Wettbewerbsbeitrag, an dem er bereits seit 2017 arbeitete. Er führt ins winterliche, neblig-verhangene, verregnete titelgebende Strandbad, das seine besten Zeiten längst hinter sich hat. Unmengen österreichischer Rentner scheinen hier als einzige auszuharren, selbst in einem Altenheim. Der Vater des Schlagersängers Richie Bravo lebt in einem solchen: ein renitenter Rechter, zwar dement, aber noch Nazi-Liedgut singend, im Hintergrund Jagdtrophäen: Willkommen im Seidl-Kosmos.
Der Schlagerfuzzi in Cowboystiefeln
Im Zentrum des Films aber steht jener Richie Bravo (Michael Thomas), der in Cowboyboots, „Wikingermantel“ und langer blonder Mähne selbst eine mehr als heikle Figur ist. „Ich bin kein Rassist“, sagt er zwischendurch. Und ist es natürlich doch: Dem Baby seiner schwarzen Haushaltshilfe singt er ein Lied vor, in dem das N-Wort nur so umher tanzt.
Auch seine sexuellen Neigungen stoßen ab. Da ist die Mittsechzigerin Annie, von der er „dominiert“ werden will – danach weint sie sich an der Brust ihrer bettlägerigen Mutter aus. Da sind seine Rentnerinnen-Fans, die Richie beim Sex erniedrigt und danach um Bezahlung bittet. Und, fast schon logisch bei Seidl: Auch die eigene Mutter fand Richie sexuell erregend. Schließlich ist da auch noch die junge Frau, die er anmacht, ohne zu erkennen, dass es seine Tochter ist, die er über viele Jahre nicht sah. Geld will sie nun von ihm. Und er, der alles Ersungene in Spielautomaten versenkt („TerryBell“ heißt das Etablissement passend) und für seinen Suff ausgibt, versucht es aufzutreiben. Auf Kosten anderer.
Ein Film über das Altern ohne Würde
„Rimini“ ist ein Film über das Altern ohne Würde und das Abstellgleis des Lebens. Auch erzählt er von sich zerstörenden Familien, von Einsamkeit und Sehnsucht. Und vor allem von falsch verstandener Liebe. Und mittendrin: immer wieder Musik, als Trost wie als Qual. Richie Bravo singt zwar mitunter Bekanntes wie „Merci Chérie“ oder „Schwarze Madonna“, vor allem aber extra für den Film Komponiertes. Darunter eine Art Liebeslied an Winnetou – ein Insidergag sozusagen. Richie-Darsteller Michael Thomas spielte jahrelang Old Shatterhand bei Karl-May-Festspielen.
Verantwortlich für die smarte Vertonung: die Indie-Musiker Herwig Zamernik (Naked Lunch) und Francesco Wilking (Die höchte Eisenbahn), die tatsächlich durchaus verführerische Ü70-Schmachtfetzen entworfen haben. Immer wieder geht es um Erfüllung, um Hoffnung, um „Träume aus Gold“, schlicht ums Verstandenwerden – und alles in einem trostlosen Ambiente, das von Minute zu Minute absurder wird. Schließlich steht Richie Bravo gar in Gold in einem billigen Hotel auf einer viel zu großen Bühne, beleuchtet in Neon.
Und am Ende folgt dann doch etwas Leichtigkeit
Ein Film, der bangen lässt und tiefe Verzweiflung verströmt. Und doch entfaltet „Rimini“ am Ende durchaus eine wundersame Leichtigkeit, wenn sich ein weiteres Bildmotiv auflöst: Knapp zwei Stunden lang stapft Richie am eiskalten Strand und verlassenen Bauten vorbei, wo er obdachlose Geflüchtete passiert und geflissentlich ignoriert. Bis sich seine Tochter bei ihm einnistet, samt ihrem syrischen Freund und allerlei Familienanhang. Schließlich wird es Sommer. Und einsam ist Richie Bravo in seinem neuen Haus der Kulturen nun wahrlich nicht mehr.