Fotografie RHEINPFALZ Plus Artikel Trump blutverschmiert und mit geballter Faust: Ein Bild für die Geschichtsbücher?

Unfassbare Geistesgegenwart: Trump nach dem Attentat.
Unfassbare Geistesgegenwart: Trump nach dem Attentat.

Trump, blutverschmiert, aber die Faust gereckt: Die Geistesgegenwart des US-Präsidentschaftskandidaten ist beinahe irreal. Das unmittelbar nach dem Attentat aufgenommene Foto von Evan Vucci kann die Zukunft verändern und dockt an unser Bildgedächtnis an. Eine Betrachtung.

Den Bildtext unter seinem triumphalen Heiligenbild hat Donald Trump bei seiner ersten Rede nach dem Attentat in Butler selbst formuliert. Und in einer für ihn typischen rhetorischen Figur, der anderen in den Mund gelegten Selbstbeschreibung. „Durch Glück oder durch Gott – und viele Leute sagen es war Gottes Werk – bin ich noch hier“, sagte er der New York Post, im Privatflugzeug unterwegs zu seiner Kandidaten-Nominierungskrönungsmesse in Milwaukee. Die Deutung des Attentats als Gottes Werk und Teufels Beitrag, es ist phänomenal. Das ikonische Foto, wie Trump blutverschmiert die Faust in den ihm wohlgesonnen Himmel reckt, erhaben, umringt und teils umklammert, ist Hollywood in der sozial-medialen Dimension. Kein Kitschier hätte es besser inszenieren können. Ein Foto wie aus einem dem Jetztzeit- und Kunstgeschichtslehrbuch.

Die pyramidale Choreografie, die Frau, die ihn zu bergen scheint wie Maria Jesus. Im Hintergrund bewegt der Sternenbanner sich menetekelnd im Wind. Um Trumps Worte auf dem zugehörigen Video zu entziffern, muss niemand Lippenleser sein. „Fight, fight, fight“, kämpft, verdreifacht. Vielleicht fehlt Elton John noch, wie er in dem Moment auf einer Nebenbühne auftaucht und „i am still standing“ als Soundtrack intoniert – ich stehe immer noch aufrecht. Auch so schon ist die göttergleiche Geistesgegenwart des Ex- und möglichen Bald-wieder-Präsidenten, eine surreale Erscheinung. Wie jemand im Angesicht einer Nahtoderfahrung sekundenschnell in den Kampagnenmodus umschalten und Bilder produzieren kann, die ultimativ Instagram-tauglich sind und gleichzeitig im kulturellen Bildgedächtnis andocken, unglaublich. Reflexhaft fallen einem sofort Analogien ein, wie die sowjetischen Soldaten, die am Ende des Zweiten Weltkrieges auf dem Berliner Reichstag die Flagge hissen. Oder, so wie Adrian Kreye, dem langjährigen US-Kulturkorrespondent der Süddeutschen Zeitung, die Nähe zu einem Bild, das in Amerika alle kennen: Joe Rosenthals Schlachtengemälde-artige Aufnahme, aufgenommen auf der japanischen Vulkaninsel Iowa im Februar 1945.

Wie sich die Bilder gleichen: Eugène Delacroix-Gemälde: „Die Freiheit führt das Volk“, 1830.
Wie sich die Bilder gleichen: Eugène Delacroix-Gemälde: »Die Freiheit führt das Volk«, 1830.

Es illustriert – Ironie des Schicksals – die Überwältigung des Bösen durch das Gute. Soldaten des US Marine Corps, die einen Fahnenmast in die Vertikale bringen. Der Sternenbanner im Zentrum, die Personengruppe in Pyramidenform orchestriert. Das Bild wurde zur Vorlage des Gefallenen-Denkmals nahe dem Soldatenfriedhof in Arlington, Virginia. Und Trump lebt. Eine wählbare, unfällbare Rettergestalt. Er führt, so suggeriert das die Täter-Opfer-Umkehr illuminierende Bild, seine Untertanen aus dem Chaos, das er selbst beschwört. So oder ähnlich, wie die stolze, barbusige, irreale Marianne das Volk in die Freiheit auf dem Berühmtgemälde von Eugène Delacroix aus dem Jahr 1830, das vielbestaunt im Pariser Louvre hängt.

Er riskiert alles, wie die Feuerwehrmänner, die auf einem anderen symbolhaften Für-immer-Foto nach dem Anschlag im September 2001 auf den Trümmern des World Trade Centers in New York stehen, furchtlose Fighter (!) des Wiederaufbaus. Trump ist ab sofort nicht mehr auf die Schirmmützen angewiesen, auf denen „Mach Amerika wieder groß“ prangt, „Make America Great Again“. Er hat jetzt das Foto von Evan Vucci, das ihn, den resilienten Vitalisten, Trump-Tower-hoch über seinen greisen Konkurrenten Joe Biden erhebt. „Ich wusste, dass es ein Moment in der Geschichte Amerikas sein würde, und das musste dokumentiert werden,“ sagte Evan Vucci zu seiner ad hoc viral gehenden Aufnahme.

Der Chef-Fotograf für die News bei AP in Washington lief sofort nach den Schüssen Richtung Bühne. Er ist kampferprobt, begleitete beispielsweise amerikanische Soldaten während eines 15-monatigen Kampfes in Mossul im Irak.

2021 wurde er als Teil des AP-Teams für die Berichterstattung über die Black-Lives-Matter-Proteste nach dem Tod des Schwarzen George Floyd bei einem Einsatz weißer Polizisten mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet. Deren Protestkörperhaltung, die gereckte „Black Power“-Faust, schon ewig in den Händen linker Bewegungen, gehört jetzt in einer Weise wohl auch noch zu Trump und seiner kontrafaktischen Welt.

Statue für die spanische Freiheitskämpferin Dolores Ibarruri in Schottland.
Statue für die spanische Freiheitskämpferin Dolores Ibarruri in Schottland.

Die Geste, mit der die Franquisten im Spanischen Bürgerkrieg 1936 ihre Reihen schlossen – ausgerechnet. Ihr Schlachtruf: „Die Faschisten werden nicht durchkommen!“ – „No Paseran“. Der Move auch, der zum vielzierten Kampflied „Venceremos“ gehört, das bis zum Putsch 1973 zur inoffiziellen chilenischen Nationalhymne wurde – „wir werden siegen“. Trump selbst trat mit gereckter Faust in politischen Zusammenhängen zum ersten Mal am 20. Januar 2017 auf – polternd und siegesgewiss. Es war seine Antrittsrede als amerikanischer Präsident.

Damals versprach er den „Sumpf“ des Washingtoner Establishments trockenzulegen. Jetzt droht ein faustischer Pakt mit der reinen Bildmacht. Trump droht – Gott bewahre dieses Mal – tatsächlich wieder zu gewinnen.

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