75. Berlinale RHEINPFALZ Plus Artikel Tom Tykwers „Das Licht“ eröffnet das Jubiläumsfestival

Tala Al-Deen, von 2018 bis 2023 am Mannheimer Nationaltheater aktiv, spielt die zentrale Rolle in Tom Tykwers Eröffnungsfilm „Da
Tala Al-Deen, von 2018 bis 2023 am Mannheimer Nationaltheater aktiv, spielt die zentrale Rolle in Tom Tykwers Eröffnungsfilm »Das Licht«.

Der Eröffnungsfilm der Jubiläumsberlinale, „Das Licht“ von Tom Tykwer, bietet viel Stoff zum Nachdenken – und für kontroverse Diskussionen.

Die neue Filmfestspiel-Direktorin Tricia Tuttle möchte die Internationalen Filmfestspiele als Plattform für Auseinandersetzungen mit wichtigen gesellschaftlichen Fragen festigen, möchte die Zuschauerinnen und Zuschauer ins Gespräch bringen. Damit geht sie gegen ein entscheidendes Problem an: die Profillosigkeit des neben Cannes und Venedig wichtigsten Filmfestivals der Welt.

Mit dem Fall der Mauer 1989 ging die Rolle der Berlinale als Drehscheibe zwischen den unterschiedlichen politischen Polen verloren. Eine Profilschärfung wird seitdem dringend gesucht. Natürlich: Als weltweit größtes Publikumsfestival seiner Art hat die Berlinale für die Filmwirtschaft die bedeutende Rolle, zu testen, was im Kino ankommt und was nicht. Wichtig für das Geschäft ebenfalls: der europäische Filmmarkt. Hier wird auch im Zeitalter fortschreitender digitaler Kommunikation der profitable Handel mit der Ware Film angekurbelt. Doch das Image, das, was von der Berlinale in die Öffentlichkeit ausstrahlt, muss geschärft werden. Es bleibt abzuwarten, was Tricia Tuttle mit ihrer ersten Festival-Ausgabe diesbezüglich erreicht.

Eine Patchworkfamilie steht im Mittelpunkt von „Das Licht“. Nicolette Krebitz spielt ihre Rolle dabei besonders überzeugend.
Eine Patchworkfamilie steht im Mittelpunkt von »Das Licht«. Nicolette Krebitz spielt ihre Rolle dabei besonders überzeugend.

Der Eröffnungsfilm, „Das Licht“ des deutschen Regisseurs Tom Tykwer („Lola rennt“, „Das Parfüm – Die Geschichte eines Mörders“, „Babylon Berlin“), der gesellschaftspolitische Themen oft mit großen Schauwerten kombiniert, ist eine clevere Wahl, wenn es darum geht, Diskussionen anzustoßen. Denn der Film löst Pro- und Contra-Gedanken aus.

Erzählt wird von einer materiell offenbar gut abgesicherten Familie in Berlin. Es kriselt. Die Mutter Milena (Nicolette Krebitz) und der Vater Tim (Lars Eidiger) werden von ihren Jobs geradezu aufgefressen. Für die gemeinsamen Kinder in der Pubertät, Zwillinge, haben sie kaum Zeit. Auch der viel jüngere Sohn, den Milena mit einem anderen Mann gezeugt hat, und der ab und an mit in der Familie lebt, bekommt nicht die Zuwendung, die er braucht. Das Ehepaar spürt das durchaus, ist genervt vom Nebeneinander. Doch selbst Therapieversuche nutzen nichts.

„Das Licht“ spielt mit den Genres

Alles ändert sich mit der neuen Haushälterin Farrah (Tala Al-Deen). Sie stammt aus Syrien, lebt in einer Wohngemeinschaft mit vielen anderen und leidet unter dem grauenvollen Erlebnis der Flucht aus ihrer Heimat. Doch sie kennt Wege zu innerer Stabilität. Was schließlich zu Veränderungen bei allen Beteiligten führt.

Ratlos: Lars Eidinger als Berliner Familienvater, hier ganz in Berlinale-Nähe, am Bahnhof Potsdamer Platz, in „Das Licht“.
Ratlos: Lars Eidinger als Berliner Familienvater, hier ganz in Berlinale-Nähe, am Bahnhof Potsdamer Platz, in »Das Licht«.

Der fast drei Stunden dauernde Film, der eine Vielzahl von Problemen antippt, setzt stilistisch auf eine Melange unterschiedlicher Genres. Das Dramatische dominiert. Doch es gibt auch satirische Augenblicke, psychologische Studien, die manchmal ins Groteske bis hin zu Horror übersteigert sind, dazu Momente wie in einem Musical, geprägt von Tanz und Gesang. Was nicht wie aus einem Guss wirkt. Schon das bietet jede Menge Gesprächsstoff. Noch sehr viel heftigere Diskussionen dürfte die Botschaft des Films auslösen: Nicht die vor unglaublichem Schrecken geflohenen Menschen brauchen unsere Hilfe, sondern wir ihre, wenn wir die bürgerliche Gesellschaft freundlicher gestalten wollen als sie derzeit ist. Dazu lassen sich die unterschiedlichsten Positionen einnehmen. Arg problematisch wird es, wenn tödlicher Schrecken syrischer Flüchtlinge kunstvoll arrangiert zur Schau gestellt wird. Hier wäre weniger an Bebilderung mehr gewesen. Noch mehr Stoff zum Diskutieren.

Glanzvolles Schauspiel

Tala Al-Deen, erfolgreich bisher vor allem auf der Bühne, so von 2018 bis 2023 am Nationaltheater Mannheim, verkörpert Farrah mit beeindruckender Stärke. Als Zuschauer steht man ihr gern zur Seite, verkörpert sie doch überzeugend alle Tugenden, die einem in den Sinn kommen, wenn man an schlichte Menschlichkeit denkt. Die Schauspielerin überzieht in keiner Szene, so dass der von ihr gestaltete Charakter durchweg wahrhaftig anmutet. Eine glanzvolle Leistung.

Neben ihr überzeugt Nicolette Krebitz als überforderte Business-Frau, die sich in Phrasendrescherei und verlogenem Aktivismus verloren hat. Weder die zwei Schauspielerinnen noch der Film an sich können allerdings auf einen Bären hoffen, denn „Das Licht“ nimmt nicht am Berlinale-Wettbewerb teil. Dort bewerben sich bis 22. Februar 19 Filme aus aller Welt um eine Auszeichnung. Es ist zu hoffen, dass auch viele von ihnen, wie der Eröffnungsfilm, zu einem inhaltsreichen Gedankenaustausch anregen. Dem Stellenwert der Berlinale käme das zugute.

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