Theater im Pfalzbau
Tolstoi in der Disco: Schauspielhaus Hamburg mit „Anna Karenina“ bei Festspielen Ludwigshafen
Erneut sind wir in dem Aufnahmestudio aus den 1970er-Jahren gelandet mit seinen abgewohnten Brauntönen, seinem Sperrmüll-Charme, dem bunt zusammengewürfelten Mobiliar und dem Instrumenten-Chaos. Rechts ist wieder das Moderatorenpult, wo man verzweifelt versucht, die Einschaltquote hoch und das Programm am Laufen zu halten, in der Mitte ein breites Fenster, wo eigentlich Aufnahmeleiter und Techniker sitzen, hier aber wie im Kasperletheater kurze Szenen aus dem Roman geboten werden. Und natürlich ist alles wieder komplett analog und selbstgemacht, die Werbesprüche und Jingles, die Fortsetzungsfolgen des Romans und die Discohits von Bee Gees, Eurythmics, Michael Jackson, Queen und anderen, die das Geschehen ironisch kommentieren und für den Kultstatus dieses Theaterabends maßgeblich sind.
Im Studio von „Radio Karenina“
Der muntere Lokalsender, der wenig Nachrichten, dafür reichlich Sponsoren und Blitzermeldungen zu bieten hat, heißt jetzt natürlich nicht mehr „Radio Briest“, sondern „Radio Karenina“, aber seine Mitarbeiter sind dieselben verschlurften Typen mit langen Zauselhaaren, Bundfaltenjeans und irritierend gemusterten Oversize-Hemden. Das Programm wird offenbar ad hoc zusammengeschustert, die gerne eingesetzte Platte mit der von Gert Westphal märchenonkelhaft gesprochenen Hörspielfassung hat ihre Hänger, und der Start der musikalischen Beiträge verläuft selten synchron.
Aber dieser lässig hingerotzte Dilettantismus ist natürlich große Kunst und die besondere Qualität dieses herrlich komischen Theaterabends. Gleichermaßen genervt und souverän zu wirken, das muss man erst mal hinbekommen. Sienknecht, der sich das Ganze zusammen mit Barbara Bürk ausgedacht hat, gehörte als Musiker und Schauspieler lange zur Truppe von Christoph Marthaler. Dessen poetisch-schwebende Leichtigkeit hat er allerdings nicht übernommen, dafür die unbändige Lust an Theaterspiel und Bühnenklamauk. Die schnelle Pointe („sie hatte nichts an außer ihrem Radio“) ist dabei wichtiger als der geheimnisvolle Abgrund.
Die Geschichte der aus einer langweiligen Beamtenehe in eine aufregende, schließlich aber genauso unglückliche Affäre flüchtenden Anna Karenina wird in werktreuer Verknappung nacherzählt bis zum selbstmörderischen Ende. 1200 Buchseiten werden so eingedampft auf 120 Theaterminuten, die wichtigsten Romanszenen im Bahnhof, auf der Eisbahn oder im Ballsaal dabei szenisch nachgespielt, ansonsten aber schon mal 500 Seiten überblättert.
Die Darsteller springen zwischen den Rollen hin und her
Die sieben Darsteller hüpfen lässig zwischen Rollen, Instrumenten und Gesangsmikros umher: Ute Hannig ist eine zickige Anna im kurzen Partyfummel, Yorck Dippe als Liebhaber Wronski ein Glitter-Beau mit Minipli. Für die Geräusche von Lokomotiven, Schlittschuhen und Rennpferden ist er auch noch zuständig. Michael Wittenborn spielt den hintergangenen Karenin als heldenhaft leidenden Gatten mit Pokerface und Pelzmütze. Markus John gibt vor allem die dröhnende Rampensau und scheitert röchelnd an Deep Purples „Child in Time“. Jan-Peter Kampwirth erledigt Liebesbekenntnisse und Leadgesang mit derselben linkischen Schüchternheit. Friedrich Paravinci ist einfach Herr Paravinci und macht vor allem Musik. Im Dauereinsatz ist Clemens Sienknecht, singt, spielt Piano und Gitarre und dirigiert ein schräg besetztes Kammerensemble, das auch vor Bach und Richard Strauss nicht zurückschreckt. Als liebeskranke Kitty schafft er es, gefühlt sämtliche Lovesongs der Popgeschichte in einem Drei-Minuten-Medley zu verwursten.
Beim Gastspiel im Pfalzbau macht das alles immer noch viel Spaß beim Zuschauen, entwickelt aber doch irgendwann ein bisschen viel routinierten Leerlauf. Dabei hätte die üppige Romanvorlage auch in diesem Fall ein genaueres Nachdenken ermöglicht über ein Frauenschicksal in einer überkommenen, männerdominierten Zeit, die von Zukunft träumt, aber ihre Vergangenheit nicht loswird. Ihre Serie „Berühmte Seitensprünge der Weltliteratur“, zu der auch noch „Madame Bovary“ in Hannover gehörte, haben Sienknecht und Bürk nun ja auch abgeschlossen und sich inzwischen mit den „Nibelungen“ beschäftigt. Vielleicht ja im nächsten Jahr auch in diesem Theater.