Kunst
Tiefenthal, Leiningerland: Sehen als Ereignis
Es leuchtet sengend rot von den Gemälden, die jetzt im Kunstkabinett in Tiefenthal, Leiningerland, hängen, glüht senegalesisch-gambisch, strahlt blauviolett, schimmert graugrün, salbeifarben wie das karge Macchiagestrüpp, das in mediterranen Landschaften vorkommt. Auf der istrischen Insel Lošinj etwa, wo der Maler Peter Tomschiczek lebt und Inspiration zieht, der Urheber der ausgestellten, zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit grenzgängerischen Malerei aus den Jahren 1996 bis 2021. Das heißt, wenn er nicht gerade in Obervolta einen Brunnen baut, im Senegal und in Gambia abseits der touristischen Routen wandelt. Oder in der ethnologischen Wunderkammerscheune seines Ateliers am Werkeln ist. In Ellmosen, einem Stadtteil von Bad Aibling in Bayern. Anbei hat er dort eine illustre Gesellschaft.
„Tiere haben es gut bei ihm, / Bussarde, Dohlen, / Polarhunde und Leguane – / ihre fremden Bedürfnisse / sind eine erschwingliche Versicherung / gegen das Gleichmaß / der Tage“, ein „stämmiger zartfühlender Mann / der immer noch gern / ein bisschen Indianer spielt“, hat der Lyriker und Rainer Malkowski ihn, Tomschiczek, poetisch beschrieben. „Mein Freund, der Maler“ heißt das Gedicht.
Gemälde als Kraftfelder
Malkowski, unter anderem mit dem hochrenommierten Breitbach-Preis geehrt, ist 2003 mit 64 Jahren gestorben. Zu Lebzeiten zu Hause in Düsseldorf und Brannenburg am Inn, ein sehr erfolgreicher Werber erst, dann als Lyriker in Vollzeit ein Geheimtipp. Brannenburg liegt nur 20 Kilometer von Ellmosen entfernt. Und auch künstlerisch bestand zwischen ihm, dem gebürtigen Berliner Malkowski, und dem ein Jahr jüngeren, im böhmischen Iglau geborenen Tomschiczek große Nähe.
„Seine Gedichte versuchen nichts Geringeres, als die Essenz der Welt zu erkennen“, schreibt der Dichterkritiker Nico Bleutge über Malkowski, dessen Werk in Tiefenthal eine Aufführungslesung mit Akteuren der Burgspiele Altleiningen würdigt. Bei ihm werde Wahrnehmung zum Ereignis. Über Tomschiczeks körnig-erdig-welthaltige Gemälde heißt es in einem Katalogtext von Birgit Löffler sinngemäß und zu Recht, es seien Kraftfelder, die über das bloße Abbild triumphierten.
Farbseen in Wellpappe
Eine naturfromme Malerei, wenn man so will, die zwischen abstraktem Informel, Art Brut, Action Painting und der mit armen Materialien arbeitenden Arte Povera einen eigenen Weg findet. Zwischen dem Deutschen Emil Schumacher (1912 bis 1999) und dem Spanier Antoni Tàpies (1923 bis 2012), der auch ein Reisender war. Ein Werk, in dem sich das Göttliche in der Materie durchpaust und die Stimmung einer Landschaft. Wobei in den gefurchten, wie geprägt wirkenden, reliefartigen Gemälden des gelernten Siebdruckers und an der Kunst- und Handwerkschule wie an der Akademie ausgebildeten Tomschiczek auch ganz reale Dinge archiviert sein können.
Adler- und Gänsefedern etwa, Knochenreste, Fundstücke, Erde, Stein, Kalk und Asche, die mit Dispersionsfarbe, Asphaltlack und Ruß eingebunden sind. Aus istrischer Lehmerde ist mit Steinmehl und Bindemittel vermengt Braun geworden. Farbseen versickern in Wellpappe. Mit schwarzer Farbe folgt Tomschiczek Windungen, die sich im Malprozess ergeben haben. Wobei, Titel wie „Gatterweg“ legen nah, dass es sich dabei auch um die Abbilder verwitterter Absperrungen zwischen Feldern handeln könnte. „Sennegambia, 1996, das Werk ist vom Landkreis Rosenheim ausgeliehen, könnte bedeuten, dass große Schnittmengen zwischen dem Senegal und dem von ihm umschlossenen Gambia bestehen. Also in der Imagination des Künstlers. Die Frage ist, ob es dieser Interpretationshilfen bedarf, um die Kunst von Tomschiczek zu erleben. Oder um es mit Antoni Tàpies auszudrücken: „Wer ohne innere Bilder lebt, wird gar nichts sehen.“
Termine
„Grenzgänger“, bis 26. Juni, im Kunstkabinett in Tiefenthal, Vernissage am Sonntag, 22. Mai, 11 Uhr .
„Ich denke, um herauszufinden, was.“ Lyrik von Rainer Malkowski mit Akteuren der Burgspiele Altleiningen. Sonntag, 12. Juni, 11 Uhr.