Klassik
Tiefe Schönheit: Anne-Sophie Mutter im Mannheimer Rosengarten
Seit vielen Jahren spielt sie die Mozart-Violinkonzerte zumeist ohne Dirigenten und leitet selbst das Orchester (ohne freilich im klassischen Sinn zu dirigieren). Diesmal waren die Berliner Barock Solisten ihre Partner, die ja zum nicht geringen Teil mit Mitgliedern der Berliner Philharmoniker besetzt sind, was in gewisser Weise eine Reminiszenz an die legendäre Schallplatte mit zwei Mozart-Konzerten mit Karajan und den Berlinern bedeutet.
Die Sicherheit in der Gestaltung und Schönheit ihres Tons waren damals ja sensationell – und der Wohllaut und die Intensität ihres Tons sind nach wie vor ein Ereignis. Souverän und verbindlich hatte die 13-Jährige schon gespielt, doch was sie heute bietet, ist eine überlegende und tief empfundene musikalische Gestaltung. Abgesehen von der damals sagenhaften technischen Meisterschaft, die in der Folge nie mehr in Frage stand: Anne-Sophie Mutter ist weit mehr als eine singuläre Virtuosin auf der Geige, sie ist schon lange eine große Künstlerin von hoher künstlerischer und nicht zuletzt auch moralischer Integrität. Ihr Einsatz für die zeitgenössische Musik ist hochgradig verdienstvoll – und sie setzt damit auch die Musik hinaus Zeichen. So hat sie die iranische Komponistin Aftab Darvishi zu dem Werk „Likoo“ für Violine solo animiert, ein musikalisches Mahnmal für die Opfer der Bewegung für Frauen- und Freiheitsrechte im Iran.
Eröffnung mit Previns barocken Modellen
In ihrem Jubiläumsprogramm spielte sie das Werk, das auch Teil ihres interkulturellen neuen CD-Programms (diesmal nicht bei der Deutschen Grammophon, ihrem Stammlabel) ist. Und sie eröffnete den Abend mit einem anderen für sie komponierten Stück, dem zweiten Violinkonzert mit zwei Cembalo-Interludien ihres zweiten Mannes André Previn.
Dieses dreisätzige Werk mit den zwei Einlagen für das alte Tasteninstrument, die von deren Inspirator Knut Johannessen auch jetzt gespielt wurden, ist bezeichnend für das Multigenie Previn, der hier barocke Modelle aufgreift, aber auch erkennen lässt, warum er als Filmmusikkomponist bedeutend ist. Apropos Filmmusik: Anne-Sophie Mutter spielt mittlerweile ja oft Musik von John Williams.
André Previns Musik ist vielgestaltig und lebendig – und setzt die besondere Kunst von Anne-Sophie Mutter Geigenspiel, was nicht weiter verwundert, idealtypisch in Szene.
Aftab Darvishis „Likoo“ zu Beginn des zweiten Konzertteils spielte Anne-Sophie Mutter dann mit großem Ernst und tiefem Ausdruck, bei aller bestechenden Schönheit des Klangs und souveränen Virtuosität immer konzentriert auf den Subtext dieser Musik unserer Zeit mit ihrem Reflex einer prekären Situation.
Mozart in der Tradition Karajans
Auf jedes der beiden modernen Werke ließ Anne-Sophie Mutter dann ein Mozart-Violinkonzert folgen, erst das erste KV 207 in B-Dur, dann das fünfte und letzte in A-Dur KV 219. Vor 50 Jahren war im Blick auf die Interpretation der Musik Mozarts noch eine andere, bei Herbert von Karajan sowieso. Und mit der historischen Aufführungspraxis hat sich Anne-Sophie Mutter ja eigentlich nie auseinandergesetzt. Bei ihrem Vortrag der Musik Bachs, Vivaldis. Mozarts und nicht zuletzt ihrer Deutung des Beethoven- Konzerts bleibt sie traditionell und wirkt ihre Zusammenarbeit mit Karajan nach.
Doch das nimmt, wie jetzt im Mannheimer Konzert zu erleben war, ihrem Mozart-Spiel nichts von seiner Faszination. Ganz im Gegenteil: Die gelegentlich etwas romantisch anmutende Interpretation ist voll von betörenden Nuancen - und in der ab und an freien Tempogestaltung ist sie quasi auf Umwegen nahe am Stil der Mozart-Zeit. Absolut faszinierend ist die Präsenz ihres Spiels, ihr wissendes Eindringen in die musikalische Essenz eines jeden Motivs und das Erfühlen von Mozarts klingendem Kosmos. Es ist ein Spiel von tiefer Schönheit.
Ein Vivaldi zum Schluss
Die Berliner Barock Solisten, sonst trotz der Verwendung moderner Instrumente ja durchaus dem historischen Stil verpflichtet, spielen zusammen mit Anne-Sophie Mutter in bester Berliner Klangqualität und entfalten trotz kleiner Besetzung eine hinreißende Orchesterkultur.
Natürlich großer Beifall voll besetzten Mozartsaal des Rosengartens – und als Zugabe den dritten Satz aus dem „Sommer“ der „Vier Jahreszeiten“ von Vivaldi.