Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel Tag der Architektur: Haus L in Alsenbrück-Langmeil

Von außen wirkt Haus L leicht verschlossen.
Von außen wirkt Haus L leicht verschlossen.

Wie schade, dass der rheinland-pfälzische Tag der Architektur dieses Mal nur digital stattfindet. Denn das Haus L von Gräf Architekten aus Kaiserslautern ist ein Erlebnis.

Alsenbrück-Langmeil, Im Dellchen, Neubaugebiet am Feldrand. Ein Schritt – und es blüht der Lavendel. Drumherum, wohin man auch schaut: Pfälzer Landschaftspanoramen, die auf einen neuen Max Slevogt warten. Ein Bewohner hat eine Deutschlandflagge gehisst. Haus L steht als Solitär zwischen sonstiger Bebauung am Hang.

Die Architektur folgt dem Geländeverlauf, während die Nachbarhäuser, großflächig umpflastert, aufgeschütteten Grund kaum präsidieren. Ein langgestrecktes „Haus vom Nikolaus“ ist der eigenwillig vertraut wirkende Bau. Erdiger Putz, Besenstrich, ein großes Fenster, seitlich versetzt. Könnte auch eine Scheune mit Ausguck sein. Die Kubatur überwölbt den aluverkleideten, leicht industriellen und auf den ersten Blick „Lass mich in Ruh’“ ausstrahlenden Sockel des Erdgeschosses, in dem sich auch die Garage befindet. Auf den zweiten Blick allerdings hat man schon durch den gläsernen Eingang vollen Durchblick und einen anderen Eindruck.

Durch den fast klinischen Weißraum des Flurs. Über einen unterirdischen Innenhof mit Baumbestand. Von dem aus führt eine, wie soll man sagen, dezente Monumentaltreppe mit Rückenlehnen-hohen Stufen ins Offene der Oberwelt. Ein Haus wie zwei Häuser, aufeinandergestapelt, mit mehreren Herzen, die offensichtlich in ihm schlagen.

Lichtschalter mit 16 Funktionen

Zwischen introvertiert und sehr großzügig, intim und transparent, alteingesessen und sehr zeitgenössisch, Tadao Ando und Regionalstil. Hausherr ist Jürgen Lichter, ein unternehmerischer Aktivposten mit Informatiker-Hintergrund und kariertem Hemd.

Es ist augenscheinlich, dass der Mann einen starken Hang zum Ästhetischen hat. Zur japanischen Kultur, die sich in seine Wohnvorlieben eingeschrieben hat. Zum Smarthome, das über eine App gesteuert wird, klar. Später erfährt man unter anderem, dass die Lichtschalter, die jeweils aus vier Quadraten bestehen, 16 Funktionen haben. Wie das? Keine Ahnung. Sowieso geht es erst einmal zum tatsächlich scheunengroßen Loft des Hauptraums hoch.

Ein Wohnzimmer samt offener Küche bis unters Satteldach, bestrahlt von einem Lichterhimmel aus Spots. Parkettboden, sonst sehr weiß alles, sehr clean, das Fenster, das man von draußen sieht, fungiert drinnen auch als Sitznische, ein Lieblingsplatz von Lichter und seinen Gästen. Im Eck ein offener Kamin. Auf die Sitzlandschaft fällt Oberlicht durch ein Panoramafenster zum Himmel. Gläsern öffnet sich der Wohnraum nach draußen. Ein Lebensmittelpunkt mit Ausblick.

Zur Terrasse mit Schiffsplanken hin. Der Rasen geht nahtlos ins Feld über – im englischen Stil. Es ist, als würde man in der Landschaft leben. Und so grenzen lediglich hüfthohe Mauern Lichters Anwesen zum Nachbarn ab. Gläserne Balustraden stehen im Außenraum. Licht strahlt in das rückseitig unterirdische Sockelgeschoss, in die uneinsehbaren, vollflächig verglasten Innenhöfe samt Steingärten. Und in die gläsernen, alle mit demselben, fugenlosen Gussboden versehenen Wohnzellen. Es sind geistige Räume gleichsam. In einem der Glasvitrinen, sonst völlig leer und ultimativ aufgeräumt, schläft Lichter auf Tatami-Matten, puristisch. Genauso wirken das Ankleide- und das Gästezimmer, die untergebracht sind, wo man sehr sehr weit gefehlt einen Kellerraum vermuten würde.

Ein detailtief designtes Bad gibt es dort auch. Und eine Sauna, von der man sich auf der vorhin schon erwähnten Treppe liegend ausruhen, oder über sie ins Freie schreiten kann. Als sei man in der Casa Malaparte auf Capri. Jürgen Lichter indes stammt aus der Nähe von Trier.

Im Gespräch bleibt es letztlich unklar, warum er sich ausgerechnet Alsenbrück-Langmeil als Residenz ausgesucht hat. Eigentlich sei er ein Stadtmensch, sagt er. Extrem viel unterwegs. Aber die Pandemie, während der er viel Zeit im Homeoffice zugebracht hat, dürfte ihn in der Wahl dieses Rückzugsortes bestärkt haben.

Er erzählt, dass er es bei seinem Bauvorhaben erst einmal mit einem Bauträger versucht habe. Vergebens, war ja klar. Über eine Empfehlung sei er dann zum Büro des Kaiserslauterer Architekten Holger Gräf von Gräf Architekten gekommen.

Gräf führt das Büro in zweiter Generation und wirkt zugewandt. Maßgeblich geplant aber hat Lichters Unikat sein Mitarbeiter Frederik Helms, ein junger Mann mit Lehrauftrag an der Darmstädter TU. Die Landschaftsarchitektur stammt vom Limburgerhofer Büro Hofmann_Röttgen. Gräf selbst fungierte derweil als wichtiges Korrektiv.

Zen-mäßige Gefühle in geistigen Räumen

Die beiden Baumeister sind zur Begehung vorbeigekommen. Leicht lässt sich feststellen, dass Bauherr und Architekten sich nach wie vor sehr gut verstehen. Es gibt Wasser und Espresso. Anfangs, erzählen Lichter und Helms zum Entstehungsprozess der Architektur, hätten sie erst einmal über handgezeichneten Skizzen gesessen. Dann über CAD-getriggerten Studien. Wochenlang. Exkursionen etwa nach Mannheim folgten. „Studienreisen“, um die Tauglichkeit und Preis von Fensterprofilen zu studieren. Das hat sich gelohnt, auch wenn, wie Helms sagt, sie für das Gewünschte zusätzlich Handwerker auftreiben mussten, die ehrenhalber nie an Toleranzgrenzen gehen. Es ist auch so, dass Ungenauigkeiten das Lebensgefühl in diesem unerwarteten Haus unmäßig stören würden.

Eine leicht Zen-mäßige Ehrfurcht erfasst den Besucher darin, zugegebenermaßen. Es ist ein bisschen so, als läge Im Dellchen in Kyoto.

In der Landschaft leben: Rückseite von Haus L.
In der Landschaft leben: Rückseite von Haus L.
Geistige Räume mit unterirdischen Erdgeschoss
Geistige Räume mit unterirdischen Erdgeschoss
Fenster zum Innenhof.
Fenster zum Innenhof.
Der Lebensmittelpunkt ist Scheunen-groß.
Der Lebensmittelpunkt ist Scheunen-groß.
Grundriss: Sehr schön zu sehen: Ein Innenhof mit Treppe.
Grundriss: Sehr schön zu sehen: Ein Innenhof mit Treppe.
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