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Sturzflug ins Kinderzimmer
In einem gelben Flugzeug mit roten Flügeln landete die Maus in Deutschland. Im Sturzflug war sie zusammen mit Goofy auf der Titelseite des allerersten Micky-Maus-Heftes abgebildet, das am 29. August 1951 am Kiosk lag. Das war etwas Besonderes, denn Comics wurden damals belächelt, als Schund angesehen oder gar als jugendgefährdend betrachtet. Disney-Figuren kannte man aus Zeitungen schon seit den 30er Jahren. Erste deutsche Comicfiguren der Nachkriegszeit wie Mecki oder Nick Knatterton tauchten in Illustrierten auch bald nach 1945 auf; aber bunte Hefte, wie sie in den USA seit einem guten Jahrzehnt etabliert waren, gab es nicht. „Ihr braucht diese Hefte nicht heimlich zu kaufen, sondern dürft sie euch jeden Monat wünschen“, schrieb die Micky-Maus-Redaktion eine Art Handlungsanweisung für die junge Zielgruppe.
Sprachwitz in Sprechblasen
Der Erfolg des US-Imports zeichnete sich nicht auf Anhieb ab. Nur etwa die Hälfte der Startauflage wurde tatsächlich verkauft, ein Teil wurde deshalb umsonst an Schulen verteilt. Doch später gingen zu Spitzenzeiten von jedem Heft über eine halbe Million Exemplare über den Ladentisch. Anfangs noch monatlich, später wöchentlich und mittlerweile 14-tägig kommt eine neue Ausgabe mit Abenteuern aus Entenhausen heraus. Enthalten ist immer eine große Geschichte mit Donald Duck, der in vielen anderen europäischen Ländern auch titelgebend ist.
Schon in der ersten Ausgabe musste der cholerische Erpel gegen Gustav Gans um Daisys Aufmerksamkeit buhlen. Micky machte im selben Heft Bekanntschaft mit einem sprechenden Hund. Auch Onkel Dagobert, Goofy, Tick, Trick und Track – die hießen zuerst noch Rip, Rap und Rup –, Goofy oder der kleine böse Wolf waren dabei. Einen großen Anteil an der wachsenden Beliebtheit des anthropomorphen Personals hatte Chefredakteurin und Übersetzerin Erika Fuchs, die Sprachwitz in die Sprechblasen brachte („Dem Ingeniör ist nichts zu schwör“) und der Kunstform gewisse kulturelle Geltung verschaffte. Sie verewigte sich gar mit einer eigenen grammatischen Form: dem scherzhaft so bezeichneten „Erikativ“ wie Grins, Brems, Ächz.
Geschichten nicht mehr aus den USA
Das Magazin machte den 1951 gegründeten Ehapa-Verlag (heute Egmont nach der skandinavischen Muttergesellschaft) zum hiesigen Comic-Platzhirschen. Wenig später versorgten die Verleger Walter Lehnig mit seinen Streifenheften („Sigurd“, „Akim“) und Rolf Kauka mit „Fix & Foxi“ die Nachkriegsjugend mit Bildgeschichten aus dem eigenen Land. Schließlich fanden noch US-Superhelden sowie franko-belgische Klassiker wie „Asterix“ oder „Tim und Struppi“ hier ihr Publikum.
Die Geschichten für die „Micky Maus“ und die vielen anderen Ableger wie etwa die Lustigen Taschenbücher kommen längst nicht mehr aus den USA, dort gibt es gar keine eigenen Disney-Hefte mehr. Zumeist dänische oder italienische Zeichner und Autoren, auch einige Deutsche, haben die Produktion übernommen. Das langlebige Magazin musste jüngst sogar den Titel der meistverkauften Kinder- und Jugendzeitschrift abtreten an „Mosaik“. Diese Comic-Hefte zunächst mit den Digedags und später den Abfraxen wurden 1955 in der DDR als ostdeutsche Alternative gegen die Disney-Übermacht aus der Taufe gehoben. Es hat lange gedauert, bis sie die kapitalistische Konkurrenz überholen konnten. Dafür reichen inzwischen knapp 70.000 verkaufte Exemplare.
Der Jubiläumskalender