Kultur Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur hat umstrittenen Nachlass von Josef Steib verkauft
Josef Steib hatte berüchtigte Sammler. Der berühmteste davon: Adolf Hitler. Kunstgeschichtlich allerdings blieb der 1957 in Cochem gestorbene Münchner Steib höchstens regional relevant. Auf dem Kunstmarkt spielt er keine Rolle. Hinzu kommt: Er hatte selbst eine Nazi-Vergangenheit. Trotzdem pflegte die landeseigene Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur seit 1997 seinen Nachlass lange durchaus prominent. Bis jetzt, denn, wie vom Landeskulturministerium bestätigt, ist das umstrittene Erbe verkauft worden. An eine Nachfahrin mutmaßlich. Es heißt: aus finanziellen Gründen.
Früher zeigte die Netzseite der Stiftung Rheinland-Pfalz in der Bildleiste die Cochemer Galerie Josef Steib noch gleichberechtigt neben ihren beiden Vorzeigeinstitutionen: den Künstlerhäusern in Edenkoben und auf Schloss Balmoral, das in Bad Ems steht. Ein Nachlass von stark begrenztem Wert neben Kreativzentren mit internationalem Zuschnitt. Mittlerweile wird auf das Erbe des 1898 in München geborenen und 1957 in Cochem gestorbenen Künstlers nur noch unter ferner liefen hingewiesen. Außer Sichtweite sozusagen. Es braucht ein paar Klicks, bis man Näheres über die 1997 von der Künstlerwitwe übernommene Galerie Steib erfährt. Demnächst indes wird der Hinweis auf das kontaminierte Erbe wohl ganz gelöscht sein. „Ja, die Galerie Steib ist verkauft“, bestätigte gestern der Pressesprecher von Kulturminister Konrad Wolf, Andreas Nöhl, es fehlten nur noch letzte Formalitäten. Warum er Antwort gibt? Sein Dienstherr Wolf sitzt zusammen mit Ministerpräsidentin Malu Dreyer, Finanzministerin Doris Ahnen und Justizminister Herbert Mertin im Vorstand der 1991 gegründeten Stiftung Rheinland-Pfalz für Kultur, deren Stiftungskapital in der Hauptsache aus der Privatisierung von landeseigenen Beteiligungen erwirtschaftet wird. Im Prinzip ist die Stiftung eine Art Schattenhaushalt des Kulturministeriums. Naturgemäß steht, was sie tut, ganz besonders im Fokus. Steibs Vermächtnis, das seine Ehefrau der Stiftung schon 1994 übereignet hat, auf dass es erhalten bleibe, besteht aus seinem ehemaligen Wohn- und Arbeitshaus. Dazu gehören noch sehr viele seiner Werke aus dem 200 Ölgemälde, 800 Aquarelle, 200 Zeichnungen, 160 Skizzen und Hunderte Radierungen umfassenden Œuvre. Geschätzter Wert des Nachlasses, inklusive der Immobilie: 550.000 Euro, eine vergleichsweise niedrige Summe. Ein Öl-Gemälde des Wahlpfälzer Impressionisten Max Slevogt wird, nur zum Vergleich, schon mal für rund 100.000 Euro auktioniert. Steibs „Eifellandschaft bei Mayen“ dagegen ist 2003 beim Auktionshaus van Ham für 1625 Euro losgeschlagen worden. Dazu hat der Künstler nicht gerade eine Vorzeigebiografie. Wie viel das Land jetzt für den Nachlass bekommt, der wohl vertragsgemäß die nächsten zehn Jahre öffentlich zugänglich bleiben muss, darüber herrscht im Übrigen genauso Stillschweigen wie über die Käuferin. Es ist mutmaßlich Diodora Sommer, wie der „Cochemer Wochenspiegel“ berichtet, eine Steuerberaterin, Nachfahrin Steibs aus Rennertshofen, die wir gestern nur im Auto erreichten. Aus dem heraus hat sie den Kauf zumindest nicht dementiert. Zudem spricht die Einlassung der neuen Stiftungsgeschäftsführerin Katharina Popanda, die sich freut, „dass der Nachlass zurück an die Familie gegeben werden konnte“, für Frau Sommer als neue Besitzerin. Und auch zum Kaufpreis ist hinter vorgehaltener Hand etwas zu erfahren. Er decke zumindest die seit 1997 von der Stiftung getätigten Investitionen. Wie viel das genau ist, darüber gibt es unterschiedliche Versionen. „Seit 2011 sind circa 120.000 Euro in infrastrukturelle Maßnahmen in der Galerie investiert worden, weitere 25.000 Euro wurden in 2018 für Sicherungsmaßnahmen an der Fassade aufgewendet. Die laufenden Kosten betragen etwa 10.000 Euro pro Jahr“, teilte gestern der vorhin schon zitierte Pressesprecher von Kulturminister Konrad Wolf mit. 187.122 Euro für Unterhaltung und Investitionen in den Jahren von 2011 bis 2017, zusätzlich für Öffentlichkeitsarbeit 18.976 Euro, abzüglich 38.820 Euro an Einnahmen und Spenden, gab derweil der Staatssekretär im Kulturministerium, Salvatore Barbaro, an, 167.278 Euro also. Als Antwort auf eine Kleine Anfrage der Abgeordneten Marion Schneid (CDU) am 8. März dieses Jahr. Grund für die Anfrage war wohl, dass es schon im Vormonat geheißen hatte, die Stiftung wolle Haus und Werk loswerden. Damals allerdings galt die Stadt Cochem, deren Stadtbürgermeister die Galerie Steib ostentativ als „Juwel“ bezeichnet, als wahrscheinlicher Vertragspartner. Gespräche dahingehend fanden statt, warum sie sich zerschlagen haben, ist nicht bekannt. Der Verkaufsgrund indes ist der gleiche geblieben, offiziell. „Die verschlechterte Zinslage schränkt uns bei den Maßnahmen und Projekten deutlich ein“, ließ sich der damalige Stiftungs-Geschäftsführer Edmund Elsen zitieren. Die Finanzsituation der Stiftung habe sich verschlechtert, was sie dazu zwinge, Prioritäten zu setzten, sagt Kulturministeriumssprecher Nöhl jetzt. Kann aber sein, dass der Engpass den Verantwortlichen in diesem Fall ganz Recht kommt. Kritik am Engagement der Stiftung für das Nachleben Josef Steibs nämlich ist schon lange virulent. Vor allem die Braubacher Künstlerin Uta Grün piesackte die Stiftung jahrelang mit offenen Briefen voller faktisch grundierten Sticheleien. Vor allem um Steibs bescheidenen Status in der Kunstgeschichte und seine Vergangenheit ging es ihr dabei. In ihren Invektiven sprach Grün ausschließlich vom „Fall Steib“, wenn sie sich darüber aufgeregte, dass die Stiftung – maßgeblich in Person der damaligen Projektmitarbeiterin und jetzigen Neu-Geschäftsführerin Katharina Popanda übrigens – als einzigen künstlerischen Nachlass ausgerechnet den von Steib betreut. Steib ist 1933 in die NSDAP eingetreten. Wie Quellen belegen, war er zumindest von Januar bis September 1934 auch in der SA. Und die Bilder, die er gemalt hat, widersprechen nicht gerade der zwischen 1933 und 1945 offiziell herrschenden Kunstdoktrin. Unter anderem war Steib bei der „Großen Deutschen Kunstausstellung“ vertreten, einer Verkaufsausstellung, die in der damaligen Zeit so etwas wie die Schaubühne der genehmen Kunst darstellte. Alle Nazi-Größen kauften dort ein. Und Josef Steib gehört zu denen, die dort am häufigsten ausgestellt und am meisten verkauft haben. Er nahm 1940, 1941, 1942, 1943 und 1944 daran teil, zeigte insgesamt 36 Werke, wie mittlerweile auch in einem nur noch tabellarischen Lebenslauf auf der Stiftungsnetzseite aufgeführt wird. Kritikerin Uta Grün hat recherchiert, dass Steib insgesamt 52.000 Reichsmark mit Verkäufen einnahm. Bei einem durchschnittlichen Monatseinkommen eines Arbeiters von damals rund 100 Reichsmark. Auch Adolf Hitler gehörte zu seinen Sammlern. 1940 etwa erwarb der selbsternannte „Führer“ das Werk „Schafe am Waldrand“, 1944 „Halme und Blätter“ und „Beeren und Disteln“. Steib als dissidenten Avantgardisten zu verkaufen, wie es in der früheren Biografie-Version auf der Stiftungs-Homepage ansatzweise versucht worden ist, bleibt beinahe unmöglich. Heute ist davon auch nicht mehr die Rede. Steib repräsentiere mit seinen Arbeiten die Kunst einer Region und sei durch den Nachlass sowie seine Äußerungen als Zeitzeuge zu werten, lautete die frühere Interpretation. Dazu gehöre auch seine „Ambivalenz gegenüber der Ideologie des Dritten Reiches“. Mittlerweile liegt der „Fokus“ laut Stiftungsnetzseite eher neutral formuliert „auf der NS-Vergangenheit des Künstlers“. „Die weiterführende Aufarbeitung des Nachlasses“, heißt es, „erfolgt in Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung.“ Und diese soll weitergehen, wie Kulturministeriumssprecher Nöhl und Stiftungsgeschäftsführerin Katharina Popanda gestern unisono beteuerten. Und warum auch nicht? Sollte sich dabei etwas Schlimmeres herausstellen, erscheint der Nachlass-Verkauf in noch günstigerem Licht.