Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel Startenor Jonas Kaufmann besingt Wien

Dieser Mann passt in keine Schublade: Jonas Kaufmann.
Dieser Mann passt in keine Schublade: Jonas Kaufmann. Foto: picture alliance/ Peter Kneffel/ dpa

Gerade erst wurde Jonas Kaufmann als Paul in Erich Wolfgang Korngolds Oper „Die tote Stadt“ an der Bayerischen Staatsoper gefeiert. Eine spätromantisch-hochdramatische Partie, die ihm auf den Leib, also eigentlich auf die Stimme geschrieben scheint. Doch Kaufmann kann auch ganz anders. Zum Beispiel Wiener Operette. Oder Wiener Lieder – sogar solche von Georg Kreisler.

Wenn Jonas Kaufmann es sich einfach machen würde, könnte er der vielleicht berühmteste Wagner-Tenor unserer Zeit sein. Oder der begehrteste Verdi-Sänger. Er könnte sich aber auch auf französisches Repertoire spezialisieren, wo deutsche Tenöre schon immer seltene Gäste waren. Aber Kaufmann hat es sich noch nie einfach gemacht, und spezialisiert hat er sich auch nicht.

Er tut das eine, ohne das andere zu lassen. Der jetzt 50-Jährige singt den Lohengrin in Bayreuth und den Otello in München. Er singt Massenets und Gounods Opern in Paris, und er nimmt CDs mit Schuberts „Winterreise“ ebenso auf wie mit Evergreens der Berliner Operette.

Kaufmann hat es sich noch nie einfach gemacht

Dieser Mann passt in keine Schublade, schon gar nicht mit seiner jüngsten CD mit dem Titel „Wien“. Lieder von Hans May, Robert Stolz und Georg Kreisler finden sich darauf ebenso wie Arien aus Operetten von Johann Strauß, Emmerich Kálman oder Franz Lehár. Begleitet wird er von einem Orchester, das nicht nur bei den Neujahrskonzerten den Dreiviertel-Takt in einer lässig-eleganten, vielleicht sogar leicht hingeschlampten Art und Weise, eben typisch Wienerisch zelebrieren kann: den Philharmonikern aus der Donau-Metropole.

Am Pult steht der ehemalige Generalmusikdirektor des Mannheimer Nationaltheaters, Adam Fischer: ein nicht nur in der hiesigen Region bestens bekannter Dirigent, sondern auch ein Vollblutmusiker, der seine Ausbildung eben auch in Wien genossen hat.

Eine Untote, die nicht totzukriegen ist

Wien also, die Stadt des Schmähs und der Kaffeehäuser samt Schrammelmusik. Die Stadt der schönsten Friedhöfe, der positivsten Weltuntergangskultur. Die Stadt, in der Décadence voller Lebensenergie gelebt wird. Eine Stadt, die aus einer fernen Zeit zu uns herabgestiegen scheint, eine Untote, die es seit dem Untergang des Kaiserreichs eigentlich gar nicht mehr geben dürfte. Eine Untote, die jedoch nicht totzukriegen ist, die in ihrer schier unzerstörbaren kakanischen Größe (wie Robert Musil die k.u.k.-Monarchie bezeichnete) wie eine deplatzierte, überdimensionierte Weltmetropole in der beschaulichen Alpenrepublik wirkt. Wien, dieses unauslöschliche Echo einer untergegangenen Zeit – und eben auch die ewige Hauptstadt der Musik.

Und das nicht nur wegen Mozart, Beethoven, Schubert, Brahms, Bruckner, Mahler oder Schönberg und Berg, um nun wirklich nur Beispiele zu nennen. Sondern natürlich auch wegen Johann Strauß. Wegen Franz Lehár. Wegen Hans May. Wegen Georg Kreisler.

Ein Trost im nasskalten November

Alles da auf dieser CD, die irgendwie ein ganz wunderbarer Trost ist, wenn die Abende im Winter wie jedes Jahr, aber irgendwie dann doch völlig überraschend viel zu früh beginnen. Wenn es draußen kalt wird, wärmt man sich gerne das Herz. Mit Tee. Oder einem guten Rotwein. Und Musik.

Und so wird „Wien bei Nacht erst schön“ (Robert Stolz), mit dem wir auch in den Prater gehen, wo endlich wieder die Bäume blühen. Das Wiener Blut pocht mit Johann Strauß ebenso wie in Sievering schon wieder der Flieder blüht. Mit Jaromir Weinberger trauern wir der verpassten Lebenschance nach („Du wärst für mich die Frau gewesen“), sagen mit Peter Kreuder „Beim Abschied leise Servus“, und sind uns mit Georg Kreisler absolut sicher: „Der Tod, das muss ein Wiener sein“. Es ist genau das, was Jonas Kaufmann im Booklet der Sony-CD verspricht: „Eine tönende Kulturgeschichte Wiens.“

Kaufmann klingt herrlich entspannt

Natürlich ist Jonas Kaufmanns Stimme eigentlich viel zu schwer für diese Art von Musik, auch bedingt durch seine Herkunft aus dem Bariton-Fach. Was im Opern-Repertoire für Grundierung, für warme Einfärbung sorgt, wirkt bei der Operette und im Lied dann fast ein wenig unbeweglich. Aber Kaufmann ist eben auch ein sehr kluger Sänger, der weiß, was er tut. Und der auf dieser CD wirkt, als hätte er sich einmal eine herzlich willkommene Auszeit von den Otellos, Siegmunds oder Cavaradossis dieser Opernwelt genommen.

Herrlich entspannt singt er in der Wohlfühlwelt einer Bariton-Umgebung, nimmt sich zurück, taucht mit durchaus authentisch klingendem Wiener Idiom ein in eine Welt, die vor allem eines wollte: genießen, und mag die Welt auch untergehen. Was sie dann aus Sicht Österreich-Ungarns im Ersten Weltkrieg auch tat. Aber Wien gibt es noch immer. Und die Musik mit dieser Stadt. Oder, wie es in der zweiten Nummer der CD heißt: „Wien, Wien, nur du allein“ von Rudolf Sieczynski.

Genießen – mag die Welt auch untergehen

Man träumt sich dann so langsam in eine verklärte Welt ein. Ebenso sehnsüchtig wie traurig. Aufgeweckt vielleicht immer wieder von den nun wahrhaft opernhaften Spitzentönen, die sich Kaufmann am Ende der Lieder und Arien gönnt. Aber, wie er Carl Zellers „Schenkt man sich Rosen in Tirol“ aus dem „Vogelhändler“ oder Ralph Benatzkys „Ich muss wieder einmal in Grinzing sein“ singt, hat schon seinen unwiderstehlichen Charme.

Und mit Hans Mays „Es wird im Leben dir mehr genommen als gegeben“ haben wir Wien dann wirklich komplett verstanden. Diese Stadt, in der die Lebensfreude mindestens ebenso groß ist wie der Weltschmerz. Und das auch, weil die Wiener Philharmoniker unter Adam Fischer dazu genau die Tonspur liefern, die unter dem morbiden Charme dieser Stadt wohl auf ewig mitlaufen wird.

CD-Tipp

„Wien“, Jonas Kaufmann (Tenor), Wiener Philharmoniker, Adam Fischer. Sony-Classics.

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