Film
Star-Komiker Jerry Lewis wäre 100 Jahre alt
Am amerikanischen Filmkomiker und -regisseur Jerry Lewis scheiden sich von jeher die Geister. Die einen preisen ihn als anarchischen, aber nachhaltig stilprägenden „Auteur“ des Kinos. Seine Kritiker tun ihn ab als Grimassenschneider und Holzhammer-Klamottier. Am 16. März wäre er 100 Jahre alt.
Unabhängig von seinem künstlerischen und filmhistorischen Rang ist eins augenscheinlich: der Hang zur Groteske. Ob er einer Schar quäkender Säuglinge die Milch im Gummihandschuh verabreicht („Der Babysitter“, 1958), mit ungeordnet-wohlmeinendem Aktivismus ein Einkaufszentrum aufmischt („Der Ladenhüter“, 1963) oder einen vollbandagierten Klinikpatienten im Rollstuhl einen Abhang hinunterrasen lässt („Der Tölpel vom Dienst“, 1964) – die Komik des Jerry Lewis ist ganz der Tradition des klassischen Slapstick verpflichtet.
Kein Komikerpaar im eigentlichen Sinn
Seine Stimme quietscht im Falsett, Gesichts- und Gliederverrenkungen machen ihn vollends zur lebendig gewordenen Comic-Figur. Im Film „Der Agentenschreck“ (1955) verwandelt er sich tatsächlich in ein gezeichnetes Mäuschen. Das ist die eine Seite des im US-Staat New Jersey geborenen Sohns eines Schauspielerpaars. Diese Facette wurde vor allem in jenen 16 Filmen vorgeführt, die er zwischen 1949 und 1956 zusammen mit dem schmalzigen Herzensbrecher und Schnulzensänger Dean Martin (1917–1995) drehte: Lewis als debiler Idiot und Prügelknabe, der Partner als romantischer Liebhaber.
1946 waren die beiden zusammengetroffen, wurden durch Nachtklub- und Fernsehauftritte populär und schließlich zu international erfolgreichen Filmstars. Ein Komikerpaar im eigentlichen Sinn bildeten sie nie. Vielmehr gab Lewis das quengelnd ungezogene Bürschchen, dessen Späße „Dinos“ Sex-Appeal nur betonen sollten.
Das Duo trennte sich im Zorn. Aus Jerry Lewis wurde „The total Film-Maker“, wie er sich selbst nannte. Als sein eigener Gag-Man und Regisseur verhalf er der zu bereits Stummfilmzeiten etablierten Slapstick-Komik zu einer zeitgemäßen Umdeutung. So ist „Hallo, Page“ (1961) eine hingebungsvolle Verbeugung vor den großen Vorläufern seiner Zunft.
Der reine Tor
Der überlastete Hotelpage, den er hier spielt, ist stumm und begegnet in einer Szene sogar Lewis’ Idol und Mentor Stan Laurel. Wie dieser erklimmt er als einziger männlicher Bewohner eines Mädchenpensionats in „Zu heiß gebadet“ (1961) geradezu surrealistisch-poetische Höhen. Er ist der reine Tor, dessen destruktiver Hang, es allen recht zu machen, der Anarchie erst Bahn bricht.
Die Einfaltspinsel und Pechvögel, die er spielt, stolpern mit Karacho durch sämtlicher Fallen effektvoller Situationskomik, treten beherzt in jeden Fettnapf, setzen sämtliche Gesetze der Gravitation außer Kraft wie der Titelheld in „Der verrückte Professor“ (1963).
Infantiler Vollpfosten in einer komplexen Welt
Um ihn ist jenes Chaos, das wir – wenn wir ehrlich sind – alle fürchten oder herbeisehnen, um mit den Störfaktoren unseres Glücks ein für alle Mal tabula rasa zu machen. Wir lachen ihn zwar aus, erkennen ihn aber zugleich als Verbündeten im ewigen Kampf ums Dasein.
Das Gros von Lewis’ Filmen handelt von den Erlebnissen eines infantilen Vollpfostens in einer komplexen Welt. So wollen wir auf keinen Fall sein. Und so würden wir uns allzu oft liebend gern aufführen, wenn es nicht so viele Konventionen, Zwänge und Rollenerwartungen gäbe. Ähnlich wie Buster Keaton oder Jacques Tati taumelt er als unschuldsreiner Tor durch ein urbanes, inhumanes, hypertechnisiertes Umfeld, dessen Kälte er nichts entgegenzusetzen hat außer dem Drang zu gefallen.
Manchmal ist sein Hang zum Sentimentalen – wie bei Charlie Chaplin – ein bisschen dick aufgetragen, etwa wenn er „Im Zirkus der drei Manegen“ (1953) den traurigen Clown gibt. Der chronisch konfuse Tollpatsch löst eine Katastrophe nach der anderen aus, bleibt im ungewollt provozierten Tohuwabohu aber letztlich Sieger, weil er sich seine Kinderseele bewahrt hat. Das ist eine extrem humane Botschaft, wie wohl alle bedeutenden Komiker stets Humanisten sind.
Jüdische Wurzeln
Das Leidensmoment seiner Komik führte Jerry Lewis in Interviews immer wieder auf seine jüdischen Wurzeln zurück, die er auch im nie aufgeführten Film „Der Tag, an dem der Clown weinte“ (1972) thematisierte. Zu dessen Entstehungszeit hatte der vor allem von europäischen Kritikern als Autoren-Filmemacher gefeierte Lewis seine Star-Position in Hollywood bereits eingebüßt.
Er gestaltete enorm ertragreiche Wohltätigkeits-Shows im Fernsehen, hielt Uni-Vorlesungen über Regie, spielte am Broadway und trat nur noch sporadisch vor die Filmkamera. Ein Ehren-Oscar wurde ihm erst mit über 80 zuerkannt, als sein Lebenswerk in Italien und Deutschland längst golden bekränzt und er in Frankreich von der Ehrenlegion aufgenommen worden war. Das österreichische Filmmuseum widmete ihm eine umfangreiche Werkschau.
Nach langer Krankheit starb Jerry Lewis 2017 im Alter von 91 Jahren.