Literatur „Staffellauf“: Joachim Zelters Romanfarce auf die korrekte bürgerliche Gesellschaft
Am Anfang war die Kunst alles. Doch mit der Übernahme ihres Künstlerinnenlebens durch den Justizbeamten Karl Staffelstein gerät die Kunststudentin Bernadette beinahe willenlos in einen malstromartigen Sog, in dessen Strudeln aus banaler Alltäglichkeit mit Ehe und Kindern ihre Freiheit und Malerei verloren geht und ihr Leben in „unendlicher Stille“ und „Depression“ endet, „nicht mehr wirklich von dieser Welt“, weil auch das Un-Entschiedene entscheidend ist für jedes Leben.
Dem lebenslänglichen, Valium-sedierten Untergang der Malerin und Mutter an den realen privaten und gesellschaftlichen Verhältnissen ihrer Zeit der frühen 1960er-Jahre korrespondiert spiegelverkehrt in einem zweiten Teil des Romans der späte Befreiungsschlag ihres mitleidenden Sohnes Jakob.
Nach einer zuneigungsarmen Kindheit und ebenfalls „deplatziert (…) auf der Welt überhaupt“, reüssiert er „wie durch ein Wunder“ in der Leistungsgesellschaft als angehender Akademiker – und besteigt dann doch nicht weiter die Karriereleiter, sondern findet „Notausgänge“ in „alle() Offenheit“. Und entscheidet sich ein Schriftsteller zu sein. Einer, der hochintellektuell – über nihilistischen Unterströmen von Kierkegaard bis Thomas Bernhard, aber auch Hoffnungsschimmern von Oscar Wilde bis Bloch – die Widersprüche und „Zerbrechlichkeit“ der menschlichen Existenz minutiös reflektiert, die sich mit den falschen Fortschritts- und Glücksversprechungen der Moderne in trauerspielartiger Konsequenz auftun. Und der auf anrührende Weise sich darin auch als „Zu-spät-Sprechenden“ erkennt, dem die „entscheidenden Worte“ fehlen beim Tod der Mutter.
Der Mensch hinter den Masken
Der 1962 in Freiburg geborene Joachim Zelter zieht mit seinem neuen Roman „Staffellauf“, schmal und konzentriert wie stets, auch eine Bilanz, die mit zahlreichen auto(r)biografischen Hinweisen ins Autofiktionale oszilliert und mit dem Erzähler Jakob als Alter Ego sprachlich-schmerzliche Erkundungen in intimste Zonen der Persönlichkeit unternimmt. Da zeigt sich der einzelne Mensch einsam hinter den Masken und nüchternen Zurichtungen moderner Lebenswelten.
Hierzu treibt Zelter, gewaschen mit allen Wassern der Texttheorie, das Weltanschauungsmedium Sprache an seine Grenzen. Skrupulös seziert er was „zur Sprache kommt“ auf seinen Wirklichkeits- und vermeintlichen Wahrheitsgehalt hin und legt so entkernt die Stellen offen, von wo es hohl klingt, wo die sprachlichen Ungeister ihr Unwesen treiben hinein ins Bewusstsein, in die Anschauung der Welt. Und von dort weiter ins oft undurchschaubare Tun oder Lassen. „Aus dem Nichts“ - und hier scheinen schicksalhaft „Grund“ und „Grundlosigkeit“ ineins zu fallen, diffuse Ängste oder Begierden ebenso wie familiäre Disposition. „Alles Unheil der Welt fange mit den Eltern überhaupt erst an.“
Der Autor strapaziert das Konzept des modernen Romans auf verschiedenen Ebenen: indem Handlung, Zeitlichkeit, Erzählperspektive, gar biografisch kontaminierte Realität und Fiktion mit Schlüsselworten und Motivketten, (Selbst-)Zitaten und Überschreibungen durchsetzt, verschnitten und neu verwebt werden, lotet er so subtil wie vehement dessen Möglichkeiten aus. Der typisch gedrängte Zelter-Sound entsteht. Obsessiv wird das (mit stringentem Lebensentwurf, Sinn und Erfolg ausgestattete) ach so autonom geglaubte Subjekt demontiert – und zugleich demonstriert, dass moderne Kunst eine existenzielle Daseinsanalyse betreiben kann, der Zweifel und Scheitern eingeschrieben sind, aber auch hoffnungsvoll utopisches Potenzial.
Vielleicht ist das Leben überhaupt nur auszuhalten in der ironischen Selbstdistanzierung grotesker Zuspitzungen in der Literatur. Dazu sagt Jakob: „Eigentlich bin ich nicht. Oder bin ich nichts. Doch am ehesten bin ich noch Schriftsteller.“ Derart insistierend auf der paradoxen Abgründigkeit erfolgreichen Scheiterns kann „Staffellauf“ gar gelesen werden als eine Parforcefarce auf das korrekte bürgerliche Leben und die vermeintliche Ordnung der Dinge, die das „unbändige Lachen (…) herausbrechen ließen – inmitten der erstarrten Traurigkeit des Lebens.“ Weil Joachim Zelter und Jakob Staffelstein mit Jean Pauls „Vorschule der Ästhetik“ wissen, dass im Humor sich das umgekehrte Erhabene – und dort der totgesagte Autor sich als Überlebender und Sisyphos zeigt.
Lesezeichen
Joachim Zelter: „Staffellauf“, Roman; Kröner, Stuttgart; 182 Seiten, 22 Euro.