Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel „So wahr ich lüge!“: Vor 300 Jahren wurde Baron Münchhausen geboren

Bodenwerder: Der Münchhausen-Brunnen zeigt den Baron von Münchhausen beim Ritt auf der Kanonenkugel.
Bodenwerder: Der Münchhausen-Brunnen zeigt den Baron von Münchhausen beim Ritt auf der Kanonenkugel.

In seinen Geschichten konnte er auf einer Kanonenkugel reiten oder auch zum Mond reisen. War natürlich alles nur erfunden. Vor 300 Jahren wurde Baron von Münchhausen geboren.

Alles begann mit „Jägerlatein“. Im Alter von gerade einmal 17 Jahren hatte es den Freiherrn Hieronymus Carl Friedrich von Münchhausen ins Zarenreich verschlagen. Dort nahm er an Russlands Kriegen gegen die Osmanen und gegen Schweden teil. In Ruhepausen ging er gemeinsam mit einem Freund, dem wenige Jahre älteren baltischen Landadligen Georg Gustav von Dunten, auf dessen Gut im heutigen Lettland der Entenjagd nach. Und selbstverständlich wurde nach der Jagd in geselliger Runde geflunkert, was das Zeug hielt. Der junge Münchhausen muss ein wahrhaft begnadeter „Jägerlateiner“ gewesen sein. Am 11. Mai 1720, vor nunmehr 300 Jahren, war der „Lügenbaron“ in Bodenwerder bei Holzminden geboren worden. Nachdem er 1750 seinen Abschied aus der russischen Armee genommen hatte und in die Heimat zurückgekehrt war, widmete er sich der Verwaltung seines ererbten Landgutes.

Lügengeschichten aus Langeweile

Und seinen Passionen, also der Jagd und dem Erzählen unglaublicher Geschichten. Fast ein halbes Jahrhundert lang, bis zu seinem Tod 1797, kompensierte Münchhausen seinen vermutlich wenig aufregenden Alltag in Aufschneidereien. Der Gedanke, irgendeines seiner Histörchen schriftlich festzuhalten, lag ihm fern. Zu seiner literarischen Berühmtheit kam er wie die Jungfrau zum Kinde und soll darüber höchst verärgert gewesen sein. Dass der dänische Diplomat Rochus Friedrich zu Lynar 1761 drei Erzählungen veröffentlichte, die sich, für Eingeweihte unverkennbar, an Münchhausen anlehnten, mochte noch angehen. Der Name des Freiherrn wurde in dem Büchlein nicht genannt.

Aber 1781 erschien in Berlin das „Vade Mecum für lustige Leute, enthaltend eine Sammlung angenehmer Scherze, witziger Einfälle und spaßhafter kurzer Historien“. „Es lebt ein sehr witziger Kopf, Herr von M-h-s-n im H-schen“, war darin zu lesen, „der eine eigene Art sinnreicher Geschichten aufgebracht, die nach seinem Namen bekannt wird, obgleich nicht alle von ihm sein mögen.“ Die „M-Lügen“, wie sie der Herausgeber zwei Jahre später in einem Folgeband nannte, waren bereits zu einer literarischen Gattung geworden. „Es sind Erzählungen voll der unglaublichsten Übertreibungen, dabei aber so komisch und launig, dass man, ohne sich um die Möglichkeiten zu bekümmern, von ganzem Herzen lachen muss.“

Die Reise zum Mond

Zum Beispiel die Reise zum Mond, ein beliebtes Motiv der fantastischen Literatur seit der Spätantike: M. wirft ein Beil gegen zwei Bären, um sie zu vertreiben. Es fliegt bis zum Mond. „Wie sollte ich das Beil wieder beschaffen? Ich besann mich schnell, pflanzte eine türkische Bohne, sie schoss empor und ringelte sich wirklich um den Mond. Nun stieg ich mit Behendigkeit daran herauf und kam glücklich oben an.“ Leider verwelkt die Bohne rasch. „Ich flocht mir einen Strick so lang wie möglich, knüpfte ihn oben recht fest an und ließ mich getrost daran herunter. Wie ich ans Ende kam, hielt ich mich mit einer Hand fest, hieb mit der anderen oben ein Stück ab, knüpfte das unten an und rutschte nun weiter.“ Doch dann reißt das Seil, M. stürzt „neun Klafter tief in den Boden“. „Nun war kein anderer Rat, als nach Hause zu gehen, einen Spaten zu holen und mich heraus zu graben.“

Münchhausen sah sich durch den „Herrn von M-h-s-n im H-schen“ verunglimpft. Erst recht, als der Hannoveraner Gelehrte Rudolf Erich Raspe, der in England lebte, 1785 das Material aus dem Berliner „Vade mecum“ 1785 zu einem Band „Baron Munchhausens Narrative of His Marvellous Travels und Campaigns in Russia“ verarbeitete. Durch die Nennung seines Namens im Titel des Buches war Münchhausen nun für die Gebildeten auch in Deutschland ein für allemal zum „Lügenbaron“ geworden. 1786 übersetzte der Dichter Gottfried August Bürger das englische Buch ins Deutsche und fügte ihm weitere Abenteuer ein:

„Wunderbare Reisen zu Wasser und zu Lande, Feldzüge und lustige Abenteuer des Freiherrn von Münchhausen, wie er dieselben bei der Flasche im Zirkel seiner Freunde selbst zu erzählen pflegt“.

Das zweigeteilte Pferd

1786 – während Goethe gerade seine „Iphigenie auf Tauris“ vollendete und Schiller seinen „Don Karlos“ – brachte Bürger einen Gegenentwurf zur beginnenden „Klassik“ heraus. „Alle Poesie soll volkstümlich sein“, formulierte er einige Jahre später sein literarisches Programm, „denn das ist das Siegel ihrer Vollkommenheit.“ Und volkstümlich war in Bürgers Augen vor allem das fantasievolle Spiel mit dem Unmöglichen.

Einmal wird Münchhausens Pferd durch ein Torgatter zweigeteilt. Mit der vorderen Hälfte reitet der Baron weiter, während sich die hintere auf der Wiese mit Stuten vergnügt.

1791 kam es zwischen Bürger und Schiller zu einer öffentlichen Debatte über die Möglichkeit einer „volkstümlichen“ Literatur. Schiller erklärte es für illusorisch, den „ungeheuren Abstand“ des Geschmacks zwischen den gesellschaftlichen Gruppen überwinden zu können. Dafür sei die moderne Welt zu pluralistisch, wie wir es heute ausdrücken würden. Bürger hatte es dennoch versucht, und sein „Münchhausen“ bietet ein Beispiel dafür, dass auch in der Moderne noch „Volksbücher“ entstehen können, wenigstens in Ausnahmefällen. Freilich um den Preis, dass der Autor in seiner Originalität beinahe unkenntlich wird und das Werk selbst seine Festigkeit, seine einmalig gültige Gestalt, verliert und für neue Bearbeitungen offen bleibt.

Hans Albers als Lügenbaron

Dem modernen Publikum ist der Lügenbaron nicht zuletzt durch die zahlreichen Verfilmungen bekannt, am berühmtesten bis heute der UFA-Farbfilm von Josef von Báky, 1943, mit Hans Albers in der Hauptrolle. Das NS-Regime hatte den verfemten Erich Kästner mit dem Drehbuch beauftragt, da ein geeigneter und zugleich linientreuer Autor nicht zu finden war. Goebbels höchstpersönlich erteilte eine Sondergenehmigung. Vielleicht war er es auch, der die Weisung gab, über die eine oder andere subversive Spitze im Text hinweg zu hören: „Die Staatsinquisition hat zehntausend Augen und Arme; und sie hat die Macht, Recht und Unrecht zu tun – ganz wie es ihr beliebt.“ Albers’ Ritt auf einer Kanonenkugel durch die Lüfte wurde zu einer Ikone der Filmkunst.

An einer Stelle streift die Lügengeschichte das Makabre. Wir „sahen drei Leute, die an hohe Bäume bei den Beinen aufgehängt waren. Ich erkundigte mich, was sie begangen hätten, um eine so harte Strafe zu verdienen, und hörte, sie wären in der Fremde gewesen und hätten bei ihrer Rückkunft nach Hause ihre Freunde belogen“, „ihnen Dinge erzählt, die sich nie zugetragen hätten.“ „Ich fand diese Strafe sehr gerecht; denn nichts ist mehr eines Reisenden Schuldigkeit, als streng der Wahrheit anzuhängen.“ Erich Kästner fasste in seinem Drehbuch den quasi philosophischen Hintergrund der Lügengeschichten in eine noch bündigere Formel: „So wahr ich lüge!“

Reproduktion eines zeitgenössischen Porträts des Freiherrn von Münchhausen in der Uniform seines Kürassier-Regiments im lettisch
Reproduktion eines zeitgenössischen Porträts des Freiherrn von Münchhausen in der Uniform seines Kürassier-Regiments im lettischen Riga
x