Kultur Smartphone-Fotograf Marcus Walter: Der Pfützenmacher
Er muss eben noch dieses eine Foto einfangen. Wie sich die Kurt-Schumacher-Brücke in einer Pfütze spiegelt. Marcus Walter kniet auf allen vieren hinter der Ludwigshafener Rhein-Galerie, die Ellenbogen in den ausgebleichten Asphalt gestemmt. Sein Smartphone hält er mit beiden Händen so knapp über der Pfütze, dass er es immer wieder kurz ins Wasser tunkt. Mit dem rechten Zeigefinger fokussiert er die Spiegelung auf dem Display.
Den ganzen Tag hat es in Strömen geregnet, jetzt am Abend kommt die Sonne raus. „Das nennt man goldene Stunde“, erklärt Marcus Walter seinen Workshop-Teilnehmern. „So kurz vor Sonnenuntergang ist das Licht besonders weich, eignet sich für Fotos sehr gut.“ Seine 13 Begleiter tun es ihm gleich, knien und legen sich auf den Boden und fotografieren Wasserpfützen.
Der Typ gemütlicher Kumpel
Marcus Walter ist Smartphone-Fotograf. Einer von ganz wenigen in Deutschland, die das Fotografieren mit dem Handy zum Beruf gemacht haben. Kurze dunkle Haare, angegrauter Vollbart, Brille mit dicken schwarzen Rändern, weiße Turnschuhe zu blauen Jeans. Das bunte Holzfällerhemd trägt er offen über einem grauen T-Shirt, das am Bauch ein bisschen spannt. Waldemar Hartmann hat sich selbst mal als Duz-Maschine bezeichnet. Verglichen mit Marcus Walter ist der Sportreporter in dieser Disziplin ein Waisenkind. Walter ist der Typ gemütlicher Kumpel. Der schon viel erlebt hat.
„Meine Geschichten sind übrigens nie gelogen. Never. Egal, wie schlimm sie sind“, beteuert Marcus Walter. Der 49-Jährige redet gerne. Über das Fotografieren. Und über sich. „Ich war früher ein richtiges Arschloch“, sagt er. „Habe sehr viel Geld verdient und über Freunde gelacht, die einen Golf fahren.“
20.000 Euro Monatsgehalt
Mit 20 Jahren hat Marcus Walter bei einem Finanzvertrieb angeheuert und dort Karriere gemacht. Als Finanzvertriebsdirektor habe er Mitarbeiter „motiviert, manipuliert und drangsaliert“. Er verkaufte Finanzprodukte von Banken, Versicherungen und Bausparkassen. Die üppigen Provisionen erlaubten ein Leben auf der Überholspur. Im Alter von 34 Jahren verdiente er mehr als 20.000 Euro pro Monat. Dann folgte die Vollbremsung. Inklusive eines elfwöchigen Aufenthalts in einer psychosomatischen Klinik.
Heute spricht Marcus Walter von einem Zusammenbruch. Burnout. Einer großen Leere. „Ich wollte wissen, wer ich bin, was meine Talente sind.“ Seinem Job hat er 2014 den Rücken gekehrt, hat lange von seinem Ersparten gelebt, war auf der Suche nach seinem Ich. Aber das Ersparte schrumpfte stetig. Die Wohnungen wurden kleiner, die Autos auch. Schließlich trennte er sich vom beidem und ging auf Reisen. 800 Kilometer zu Fuß auf dem Jakobsweg. Drei Monate in einem Buddhistischen Kloster. Ein Jahr allein mit Rucksack durch Südostasien.
Bei Heidelberg geboren
„Ich wollte wieder Struktur in mein Leben bringen“, sagt er heute. Dabei hatte er festen Boden unter den Füßen: Geboren ist er in Nussloch bei Heidelberg, 22 Jahre lebte er mit seinem Sohn in Limburgerhof bei Ludwigshafen – der Kurpfälzische Singsang in seiner Stimme ist unverkennbar. Heute wohnt Marcus Walter mit seiner Freundin in Mannheim.
„Üben! Üben! Üben!“ Mit einer leeren Plastikflasche klopft Marcus Walter einem Workshop-Teilnehmer bei jedem Wort auf den Arm. „Mach sichtbar, was ohne dich unsichtbar geblieben wäre!“ Der „Lehrling“ in der Jack-Wolfskin-Jacke lacht und freut sich über die Aufmerksamkeit des Smartphone-Maestros.
Die Frauenquote bei seinen Workshops liege bei rund 80 Prozent, erzählt Marcus Walter und freut sich über die Nachfrage. „Klar liegt das an mir.“ Er liebt solche Aufschneidereien, das Spiel mit der Ironie.
Erster Auftrag als Smartphone-Fotograf
Bei seiner Reise durch Südostasien hatte Marcus Walter nicht viel mehr als sein iPhone bei sich – mit dem er viel fotografierte. Die Bilder postete er im Internet. Eine Deutsche, die in Bangkok lebte, sah die Fotos, schrieb ihm per Facebook und fragte, ob er ihr einen Kurs geben könne. Marcus Walter willigt ein – es war sein erster Auftrag als Smartphon-Fotograf.
Mit seinen Fotos wolle er sichtbar machen, was ohne ihn unsichtbar geblieben wäre. „Ich bin süchtig danach, das beste aus einem Moment rauszuholen.“ Und das Smartphone sei nun mal die Kamera, die jeder immer dabei hat.
„Ich war auf der Suche nach etwas Neuem“, sagt er. Also habe er Smartphone-Fotografie zu seinem Beruf gemacht. Er kenne nur ganz wenige Fotografen, die ausschließlich mit dem Smartphone knipsen, das sei eine Marktlücke. „Außerdem war ich der Meinung, dass ich darin besser bin als andere.“
Täglich 350 Millionen Fotos bei Facebook
Heute kann er von seinen Workshops und Vorträgen leben. Seine festen Kosten seien relativ gering. Morgens klingle kein Wecker. Nach dem Ausschlafen checke er E-Mails und bereite die nächsten Projekte vor.
Allein bei Facebook werden jeden Tag 350 Millionen Fotos hochgeladen. 80 Millionen bei Instagram. Fast alle werden mit Smartphones geknipst. „Technisch gesehen hat heute jeder einen Fotoapparat in der Tasche“, konstatiert Marcus Walter. Aber leider wüssten nur die wenigsten, wie man ihn bedient. Er finde das erstaunlich. Wo doch heute fast jeder mit seinen Fotos in den Sozialen Netzwerken nach Likes und Anerkennung suche. Man müsse ja kein super Fotograf sein, aber die Grundlagen sollte man schon kennen: Wie belichtet man ein Foto richtig? Was ist eine gute Perspektive? Und was ist überhaupt ein tolles Motiv?
Ein bisschen Schummeln sei okay
Er wolle beweisen, dass man keine professionelle Kamera brauche, um gute Bilder zu machen, sagt Marcus Walter. Und streut einen seiner gern verwendeten Kalendersprüche ein: „Das Auge macht das Bild, nicht die Technik.“
Dass er jedes seiner Bilder im Nachgang stark mit Software bearbeitet, sei da kein Widerspruch. „Unser Auge sieht ja auch viel schärfer, farbintensiver und kontrastreicher als eine Kamera.“ Überhaupt: Ein bisschen schummeln dürfe man ja. Schließlich ziehe man für Fotos auch den Bauch ein oder überschminke einen Pickel.
Aus seinem Rucksack zieht Marcus Walter eine neue Wasserflasche. Er gießt den Inhalt sorgfältig auf die Straße. Dann kauert er sich mit seinem Smartphone vor die künstliche Pfütze, die bei ihm auch schon mal als Ozean verkauft wird, schießt das perfekte Foto. Wenn der Asphalt den echten Regen getrocknet hat, muss man eben ein bisschen nachhelfen.
Zehn Tipps für gute Smartphone-Fotos
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.