Klassik
Singen gegen den Lockdown: Jonas Kaufmanns neue CD „Selige Stunde“
Natürlich ist der singende Weltstar in einer privilegierten Situation im Vergleich zu anderen Künstlern, die so wie er während der verordneten Zwangspause für die Kultur keine Chance haben, irgendwie an Einnahmen zu kommen. Schließlich hat nicht jeder ein großes Plattenlabel wie Sony in der Hinterhand, mit dem man mal eben eine neue CD auf den Markt bringen kann, die angesichts der Popularität Kaufmanns zudem wohl auch noch ein kommerzieller Erfolg werden wird.
Helmut Deutsch begleitet Kaufmann am Klavier
Entstanden ist sie als Zusammenarbeit mit seinem Klavierpartner Helmut Deutsch, mit dem Kaufmann bereits seit 30 Jahren zusammenarbeitet, wie die beiden im Booklet der CD mit dem Titel „Selige Stunde“ berichten. Einst war es ein Lehrer-Schüler-Verhältnis an der Hochschule in München, heute ist es eine künstlerische Partnerschaft.
Nun ist das Besondere an der Stimme von Jonas Kaufmann einerseits die dunkle Einfärbung seines Tenors, die satt-wohlige Wärme, die sie selbst bei Spitzentönen ausstrahlt. Eine Stimme eben passend für lange Winterabende – im Lockdown, der uns kein wirkliches Leben außerhalb unseres Zuhauses ermöglicht. Wie geschaffen für einen Rückzug ins Intime, Private, bei Kerzenschein, einem Glas Wein oder einer Tasse Tee. Und einer Auswahl an Liedern aus zwei Jahrhunderten. Andererseits fällt Kaufmann manches weit weniger leicht als Tenor-Kollegen mit strahlend-hellen, sehr beweglichen Stimmen. Er muss mitunter etwas mehr Druck ausüben, gerade im Piano wirkt sein Tenor zumindest auf der Opernbühne leicht fragil, so dass man sich schon fragen konnte: Passt das noch zu Liedrepertoire?
Kaufmann klingt auch als Liedsänger ganz nach Kaufmann
Nun, es passt. Kaufmann klingt auch als Liedsänger ganz nach Jonas Kaufmann. Die Mittellage ist voll, satt, die Tiefe direkt ansprechend, und die Spitzentöne kommen mit einer Strahlkraft, die jedoch nie vergisst, dass es sich um das Kleinod Lied und nicht um das Gesamtkunstwerk Oper handelt. Kaufmann, der von Helmut Deutsch ebenso behutsam wie hochsensibel durch diesen Rundgang durch die Geschichte der Gattung Lied geführt wird, verzichtet bewusst auf jede dramatische Geste, kann aber bei spätromantischen Liedern wie „Zueignung“ von Richard Strauss durchaus zeigen, wie ein Lied klingt, wenn es von einem Heldentenor gesungen wird.
Als Opernsänger verfügt Kaufmann ja über ein überaus breites Repertoire, sowohl im deutschen als auch im italienischen, aber eben auch im französischen Fach. Partien wie Lohengrin, Parsifal oder Siegmund von Wagner gehören ebenso dazu wie Puccinis Cavaradossi oder Verdis Otello, aber eben auch Bizets Don José. Ähnlich breit aufgestellt ist auch die Liedauswahl auf dieser CD. Das beginnt mit Mozarts „Das Veilchen“ und „Sehnsucht nach dem Frühling“ („Komm, lieber Mai, und mache“), setzt sich fort mit Beethovens „Adelaide“ und Mendelssohns „Auf Flügeln des Gesangs“ und führt dann über Schuberts „Der Musensohn“ und „Die Forelle“ zu Schumanns „Mondnacht“ und weiter zu Brahms („Wiegenlied“), Strauss („Zueignung“) und Mahler („Ich bin der Welt abhanden gekommen“). Faszinierend ist dabei, nachzuvollziehen, wie sich die Gattung Lied von ihren Ursprüngen in der Klassik über die Romantik bis hin zum frühen 20. Jahrhundert entwickelt hat.
Es gibt auch unbekannte Lieder zu entdecken
Neben den aufgezählten bestens bekannten Liedern bietet die CD aber auch einige Entdeckungen: etwa die den Titel bestimmende „Selige Stunde“ von Zemlinsky, aber auch Dvoráks „Als die alte Mutter“ oder Carl Bohms „Still wie die Nacht“. Und mit dem Chopin-Arrangement „In mir klingt ein Lied“ von Alois Melchior, das von Peter Alexander ebenso wie von Karel Gott gesungen wurde, zeigt Kaufmann wieder einmal, dass er auch vor der vermeintlichen U-Musik keine Angst hat.