Kultur Sehnsucht nach Frieden

Keine andere Kunstform der klassischen Musik ist so eng mit dem deutschen Sprachraum verbunden wie das Lied. Im Englischen spricht man vom „German Lied“, wenn man beschreiben will, was Komponisten wie Schubert, Schumann oder Strauss auf diesem Gebiet geleistet haben. In unserem Lieder-ABC präsentieren wir eine Auswahl an Liedern. Heute geht es um den Buchstaben G – wie „Gebet“, jenes lyrische Kleinod von Eduard Mörike, das Hugo Wolf vertont hat.
Wenn es gegen Ende des 19., zu Beginn des 20. Jahrhunderts so etwas wie eine Renaissance des Biedermeier-Dichters Eduard Mörike (1804-1875) gegeben hat, dann war das sicherlich auch ein Verdienst des Spätromantikers Hugo Wolf. Der veröffentlichte 1888 eine Sammlung mit 53-Mörike-Liedern, die zu seinen erfolgreichsten Kompositionen gehörte. Und zu seinen besten. Auf den ersten Blick will das ja eigentlich gar nicht zusammengehen. Hier der biedere schwäbische Dichter und Pfarrer, der sich über Jahrzehnte in die dörfliche Idylle von Cleversulzbach zurückgezogen hat, dort der Bohemien, der Journalist und Wagner-Verehrer, der seinen regelrechten Hass auf Johannes Brahms in seinen Artikeln offen auslebte. Und als Folge einer Syphilis-Erkrankung ein fürchterliches Ende in einem Heim für Geistesgestörte fand. Wolf hat zwar auch eine Oper und einige Orchesterwerke geschrieben, in die Musikgeschichte eingegangen aber ist er als Meister der kleinen Form. Als Vollender des romantischen Kunstliedes – durchaus auf einer Stufe stehend mit Gustav Mahler und Richard Strauss. Wolf wusste genau, was er vertonte, und mit feinem Sprachgefühl entdeckte er auch die Abgründe in Mörikes Texten. So idyllisch-heiter, so bieder, wie man den Dichter der schwäbischen Schule immer sehen will, ist dieser nämlich gar nicht. Das aus nur neun Strophen bestehende „Gebet“ scheint voller Schicksalsergebenheit. Ein Dokument des schwäbischen Pietismus’. „Herr! schicke, was du willt/ Ein Liebes oder Leides;/Ich bin vergnügt, dass beides/ Aus Deinen Händen quillt.“ Wolf vertont das wie einen Choral. Das kurze Klaviervorspiel besteht vor allem aus breiten Notenwerten, ausschließlich aus Viertel- und Halbenoten. Die Vortragsbezeichnung lautet „getragen“, setzt die Singstimme ein, heißt sie dann „fromm und innig“. Erst in der zweiten Strophe kommt etwas Bewegung in die Musik. Das Klavier spielt nun über mehrere Takte eine auf- und abwärtsschreitende Achtelbewegung, auch die Singstimme klingt nervöser, weniger pastoral, ebenfalls durch Achtelnoten aber auch durch ein Aufbrechen des einfachen Rhythmus’. „Wollest mit Freuden/Und wollest mit Leiden/Mich nicht überschütten!“ Beide, Mörike wie Wolf, haben sich am Leben bereits die Finger verbrannt, wurden von Glück wie von Unglück heimgesucht. Und beide suchten sie den Ausgleich, die Mitte: „Doch in der Mitten/ Liegt holdes Bescheiden.“ Das Klavier nimmt im Nachspiel nochmals einen gewaltigen Anlauf hin zu den höchsten Tönen des ganzen Liedes. Es folgen vier Schlussakkorde. Ruhe ist eingekehrt in den Trubel des Lebens. Das Gebet wurde erhört. Das lyrische Ich hat seinen Frieden gefunden. Wer den weiteren Lebensverlauf von Wolf kennt, sein Scheitern in der Liebe wie als Komponist, der weiß leider nur allzu gut: Es wird eine unerfüllte Sehnsucht bleiben. CD-Tipp Dietrich Fischer-Dieskau gehörte sicherlich zu den großartigsten Wolf-Interpreten überhaupt. Zusammen mit Gerald Moore hat er Interpretationsgeschichte geschrieben. Amazon listet unter anderem eine Doppel-CD mit den Mörike-Liedern auf.