Kultur RHEINPFALZ Plus Artikel Schreie in den Sitzsack: Die Kölner Möbelmesse zeigt, wie man jetzt wohnt

Ohne Grenzen nach draußen: Wohnstudie „Das Haus“ des spanischen Designer-Duos MUT.
Ohne Grenzen nach draußen: Wohnstudie »Das Haus« des spanischen Designer-Duos MUT. Foto: imm cologne

Die vier Wände Nutella-farben und mit Moos. Die Möbel sehen aus wie früher, Esstische sind aus Moor-Holz. Alles ist aufgeräumt und komfortabel. Die Pflanzen gedeihen in Glaskugeln. Sofas sind für drinnen und für draußen und heißen „Oh, es regnet!“. So sieht das zuhause ist, wenn man im Trend liegt. Wie noch?

Die Unordentlichen unter uns müssen jetzt ganz stark sein. Dito die Sorglosen, die es kalt lässt, dass die Erde Fieber hat. Denn geht es nach den Trend-Exegeten und dem Angebot der Kölner Möbelmesse imm Cologne, ziehen Aufräumwut, Übersichtlichkeit und Verzichtsästhetik in unsere Wohnungen ein. Klima-Greta und Ordnungs-Idol Marie Kondo, wenn man so will. Nachhaltigkeit wird Mitbewohner. Und Schläue auch, die jetzt smart genannt wird.

Ganz so schlimm wie in der Modeindustrie ist es nicht. In der grassiert Shoppingscham, H&M denkt ernsthaft darüber nach, Kund/innen in Zukunft Kleider auszuleihen wie in einer Bibliothek. Und selbst der Billigstwarenverkäufer Primark, so etwas wie der Inbegriff des Bösen, hat jetzt eine Recycling-Kollektion herausgebracht. Allerdings stellen sich auch die Möbelhersteller, von Umsatzeinbußen gebeutelt, verstärkt auf Grün-Wähler und die nachwachsende Fridays-for-Future-Generation ein. Kaum jemand in Köln, der nicht die Naturnähe seiner Produkte ins rechte Licht rückt, bis hin zur Irreführung, Heuchelei und der Baumrinde als Deko-Element an der Schrankwand.

Jeder Käufer eines Massivholzmöbelstücks von Hartmann erhält dank Aufforstungsprojekt ein Klimaneutralitätszertifikat. Fast immer ist von der Langlebigkeit des Mobiliars die Rede. Sogar der bisher unverkäufliche Klassiker „Chair One“ von Konstantin Grcic – mit Metallsitzschale und Sockel aus Beton – ist jetzt erhältlich. Und das alles trotz des Grundwiderspruchs, dass die Möbelindustrie ja immer wieder neue, teure Wohn-Siebensachen verkaufen muss. Also wird die Story noch zu jedem einzelnen Bezugstoff immer wichtiger. Der sieht dann aus wie Leder, ist aber aus kunststoffverstärkten Papier – womöglich aus Goethe-Erstausgaben recycelt. Stühle sind aus Plastik-Hausmüll, Matratzen waren früher einmal PET-Flaschen. Und apropos, Betten hat man jetzt, die einen überwachen und im Schnarch-Fall sanft und automatisch umlagern.

Smarter Wohnen ist ein Wohntrend, der übrigens seit Langem jedes Jahr neu aufgerufen wird, genauso Multifunktionalität. Oder beides in einem. Lampen dienen als Bluetooth-Lautsprecher, Nachttische laden kabellos das Smartphone auf, Spiegelschränke sind gleichzeitig Bildschirme. So Sachen. Dazu gibt es Heizungen, die sich selbstständig Gedanken über die richtige Raumtemperatur machen, das heißt ,sie „antizipieren“ sie. Auch Dusche und WC werden „innovativ“ gesteuert, so wird denkbar, dass die Brause, programmiert durch den vom Klima bewegten Nachwuchs, nach 45 Sekunden abriegelt. Und man reibt sich die Seife aus den Augen vor Verwunderung.

Weil alles fließt, die Küche gute Stube, die gute Stube Küche wird – und alles Loft –, gibt es jetzt eine Sauna, die nach Gebrauch zum Schrank zusammenklappt. Wohnungen sehen aus wie Hotelzimmer. Büros wie Wohnungen. Weil der Platz pro Person schrumpft, unter 40 Quadratmeter in den sieben gefragtesten deutschen Metropolen, werden Tische angeboten, die sich zur Decke heben lassen, wenn Gäste einlaufen. Das Schlafsofa, heißt es, komme wieder. Das Hochbett. Bänke mit und ohne Rückenlehne. Rattan-Mobiliar wandert aus dem Wintergarten mehr und mehr in die Herzkammer des Wohnens. Der „Paris Chair“, von Arne Jacobsen 1925 entworfen, neben Oma-Stühlen mit Flechtwerk.

Oh je, Cord!

Esstische sind aus 30.000 Jahre altem Holz, das aus dem Moor geborgen wurde. So kann sich die stilprägende Klientel aus der Wissensökonomie erden, wenn sie am Homeoffice-Tag das Laptop darauf abstellt, um über die „Singuläre Gesellschaft“ nachzusinnen, in der sich jeder vom anderen abheben will. Und über ihre Folgen – zu denen der Moorholz-Esstisch unbedingt dazugehört.

Dann wird auf einem Sofa, neuerdings eher ein Zweisitzer, zertifiziert Made in Germany, aufrecht Platz genommen, die Plattform ist wieder vom Fliesenboden abgehoben, Bezug Naturfaser-Bouclé oder Cord, oh je, oh je! Die Sitzlandschaft auf jeden Fall, sorry, ist passé.

Die Optik des Interieurs bleibt dabei wie schon länger irgendwie Mid-Century, mit Armlehnstühlen, String-Regal und neuerdings wieder Siebzigerjahre-Pouf ein bisschen spießig halt, aber die vielen Baby-Boomer, die jetzt oder absehbar bald in Rente gehen, fühlen sich damit an ihre von Teakholz umstellte Kindheit erinnert.

Raufasertapeten-Sicherheit adé

Die Wohnzeitschriften rieten damals, wie man Servietten faltet und Herrenabende vorbereitet. Und man dachte, alles wird so weiter gehen. Die Zukunft? Berechenbar. Hausfrauen reichten noch die Speisen durch die Durchreiche, statt wie jetzt den Göttergatten für seinen am freistehenden Küchenblock gezauberten Griesbrei an Zimt und Zucker zu loben. Vor allem, niemand hatte Grünpflanzen auf dem analogen Schirm, die in Glasglocken unter LED-Licht gedeihen und lediglich anfangs einmal gegossen werden müssen.

Wer hätte damals, von einer weißen Raufasertapete in Sicherheit gewogen, vorhergesehen, dass die Wände 2020 einmal braun wie Nutella gestrichen werden würden. Oder Nude – ein Hautton, der an rohes Schweinerippchen erinnert. Und vielleicht wird noch ein Streifen eingezogen – mit, kein Witz, echtem Moos. Wie überhaupt das Drinnen und das Draußen, idealerweise durch eine schwellenlose Fensterfront verbunden, verschwimmen. Und Gartenmöbel sind so gemacht, dass sie genauso gut im Haus stehen könnten. Oder sie lassen sich wie ein von Philippe Starck für B&B Italia gestaltetes, wetterfestes Sofa der Serie „Oh, es regnet!“, das ruckzuck zur Truhe wird, umfunktionieren.

In der Vorzeige-Wohnstudie „Das Haus“ des von der Messe eingeladenen Design-Duos MUT ist das Innere sogar nach außen gestülpt. Die Möbel, multifunktional und raumsparend, alles tendiert ins Offene, so, dass Bad, Küche und Schlafraum ohne äußere Begrenzung und eo ipso Privatsphäre auskommen. Dafür bleibt das als Denk- und Erhol-Kapelle gedachte Zentrum leer. „Kognitiv“ genannte Musik wabert. Von einer Decke hängen Turner-Ringe, an denen turnend wohl nur wenige richtig gut aussehen. Wie man überhaupt sagen muss, dass „Das Haus“ sich an der Südostküste Spaniens, wo die Designer von MUT herkommen, besser macht, als in einem Dorf in der Schneeeifel oder im Donnersbergkreis. Dafür kam man auch bei uns hier, wenn man en vogue sein möchte, seine Wohnung leer räumen und in die plötzliche Übersichtlichkeit eine Hängematte an die Decke tackern, ein Dernier cri geradezu. Dazu legt man Teppich mit geometrischen Mustern wie von Op-Art-Künstler Vasarely gestaltet, aus. Platziert wenige (!) formschöne Dinge auf ein Sideboard. Bringt mit einem, wie ein blauer Sternenhimmel schillernden Stuhl aus Polycarbonat (von edra) Glanz in seine Hütte. Stellt eine Möbelskulptur auf wie den zur Liege auffaltbaren Sitz DS-266 (de Sede), den Stefan Heiliger, der Sohn des Bildhauers Bernhard Heiliger (1915 bis 1995) gestaltet hat. Oder wird selbst noch zum Performancekünstler und schreit selbstberauscht über so viel Stil seine Freude in den Trichter des „Aspirators“ von Quing Deng.

Airbag à la Rodin

Der Prototyp der Nachwuchs-Designerin ist beim Pure Talents Contest in Köln mit einer besonderen Erwähnung ausgezeichnet worden. Der Trichter ist mit einem Airbag verbunden, der sich durch Schreie oder lautes Sprechen zur Sitzgelegenheit aufbläst. Dort lässt sich dann – à la Rodin – noch einmal über die Nachhaltigkeit seiner Emotionen nachdenken.

Info

Die imm Cologne ist von heute bis Sonntag für das Publikum geöffnet. Das Tagesticket kostet online 15, an der Tageskasse 30 Euro. www. imm-cologne.de

Aus 100 Prozent recyceltem Acryl: die Vasenkollektion Stratum Tempus von Daan De Wit , einer der Exponate des Wettbewerbs Pure T
Aus 100 Prozent recyceltem Acryl: die Vasenkollektion Stratum Tempus von Daan De Wit , einer der Exponate des Wettbewerbs Pure Talents. Foto: imm cologne
„Grüner“ Wohnen: Ein Großtrend in Köln.
»Grüner« Wohnen: Ein Großtrend in Köln. Foto: imm cologne
Glanz für die Hütte: Stuhl aus Polycarbonat von edra.
Glanz für die Hütte: Stuhl aus Polycarbonat von edra. Foto: imm cologne
Trocken sitzen: Wäscheklammer-Möbel mit Model.
Trocken sitzen: Wäscheklammer-Möbel mit Model. Foto: imm cologne
Hebt sich bis zur Decke, wenn Gäste kommen: Tisch für Microapartments.
Hebt sich bis zur Decke, wenn Gäste kommen: Tisch für Microapartments. Foto: ClauerM
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